Hans-Werner Sinn und ein “übermäßig aktiver Blogger”

Vorbemerkung: Nach meinen Posts hier und in meinem englischen Blog sowie einer Email an Hans-Werner Sinn hat dieser schnell reagiert und mir Recht gegeben. Die entsprechende Passage in seinem Paper wurde geändert, und es wurde eine Klarstellung in die Fußnote hinzugefügt. Ich bin Herrn Sinn für diese schnelle Reaktion dankar und freue mich, dass der Vorwurf, ich hätte ihn falsch zitiert, aus der Welt ist. Ich habe daher den Titel meines englischen Blogs ergänzt und hier in der Überschrift den Verweis auf  ”schmutzige Tricks” entfernt.

— Ende der Vorbemerkung

Ich habe in den vergangenen zehn Jahren immer wieder  mit Hans-Werner debattiert. Ich habe ihn dabei stets als hart in der Sache, aber fair und intellektuell ehrlich wahrgenommen. Bis jetzt.

In der ersten Fassung der englischen Version seines neuen Target2-Papiers behauptet Sinn, ich hätte ihn in meinem englischen Blogpost missverständlich vom Deutschen ins Englische übersetzt. Fakt ist, dass ich gar nichts übersetzt habe. Ich habe ausschließlich Original-Stellen aus seinem englischen Artikel “The Stealth Bailout” zitiert.

Ausführlich beziehe ich dazu in meinem englischen Blog Stellung: “The dirty tricks of Hans-Werner Sinn (or why it looked like this, at least”.

Es ist nicht das erste Mal, dass das Ifo-Institut mit halbseidenen Argumenten gegen seine Kritiker vorgeht - aber das ist mit Abstand der dreisteste Versuch.

EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark hat vor zwei Wochen mit Blick auf Sinn und seine Target2-Thesen gewarnt, in der akademischen Welt

“gehen einige das Risiko ein, ihren guten Ruf zu verlieren”.

Es kommt eher selten vor, dass ich mit Stark voll und ganz einer Meinung bin. Diesmal ist es aber der Fall.

Update (26. Juni 2011): Nachdem ich Hans-Werner Sinn gestern per E-Mail darauf hingewiesen habe, dass ich nichts übersetzt habe, sondern aus seinen englischen Original-Texten zitiert habe, und um eine Korrektur und Richtigstellung bat, erhielt ich heute folgende Mail von ihm:

Lieber Herr Storbeck,

Sie haben recht. Unsere Formulierung war missverständlich, und wir bedauern das. Dass Sie einen einzelnen Satz falsch übersetzt haben, haben wir nicht sagen wollen, aber so kann man die Passage in der Tat verstehen.  (Dass wir es aber nicht haben sagen wollen, erkennen Sie vielleicht daran, dass wir ja rätseln, welcher Satz es war, der die Debatte fehlgeleitet hat.)

Wir ändern das sofort auf der Homepage und bei den Mailings, die ja zum Glück noch nicht abgeschlossen sind,  und stellen auch klar, dass wir dies nicht haben sagen wollen.
Mit freundlichem Gruß
Hans-Werner Sinn

Inzwischen heißt es auf Seite Seite 54 des Papiers von Sinn und Wollmershäuser in der Fußnote 50:

“Eine frühere Version dieses Papers enthielt eine Formulierung, die so verstanden werden konnte, dass die genannte  Passage von einem Blogger wörtlich falsch übersetzt worden ist. Das war nicht gemeint.”

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Alle Kommentare [14]

  1. Dennoch ist es schön, dass der Umstand zunächst aus der Welt geschafft wurde. Solche, nennen wir es Meinungsverschiedenheiten, wurden in der Netzwelt auch schon über Monate hinweg breit getreten.

    Bewertungen werden leider oftmals auch aus pers. Antrieb gemacht, wodurch sich ab und an eine falsche Tendenz herauslesen lässt.

    Böse Zungen würden nun behaupten, das manche “Schreiberlinge” gerne Ihre Macht benutzen um einen Profit herauszuschlagen. Jeder sollte sich jedoch eine eigene Meinung bilden.

  2. Also, ob ein renommierter Professor oder ein kleiner Blogger Recht hat ist wohl unerheblich. Hier wird auf ein Problem aufmerksam gemacht, dass schon lange bekannt ist. Target2 Salden sind ein Risiko, das zu einem Verlust wird, falls Laender wirklich Umschulden muessen.

    Bis dahin sind sie ein Risiko, dass zwar durch Prof Sinn in die Oeffentlichkeit getragen wurde, aber Leuten die sich mit der Sachen beschaeftigen, schon lange bekannt ist. (ZEIT Herdentrieb BLog set Dezember, z.B.) Die EZB ist schon lange, auch wegen den Target 2 Salden, der groesste Glaeubiger der Eurolaender.

    Aber was fordert Prof. Sinn? Dass die Target 2 Finanzierung eingestellt wird. Das wuerde zu einem “unkontrollierten Auseinanderfliegen” der Eurozone fuehren, richtig. Bankencrash. Denn das Risiko, wuerde zu unbezahlbaren Schulden, die nun nur abgeschrieben werden muessen. Also, so einen weltfremden Vorschlag zu machen, wie Sinn das macht, ist wirklich abenteuerlich.

    Umso komischer, dass er nicht auf ein anderes Problem in dieser Eurokrise aufmerksam macht, naemlich das Problem der Credit Default Swaps, welches ausschlaggebender in der Krise ist. Ein weit groesseres Risiko als Target 2, dass nicht genug Beachtung in den Medien findet.

    (Dass das ein Problem ist, sagt er ja auch in seinem Buch “Kasino Kapitalismus” – wo er eingesteht sich noch nicht ausreichend mit dem Problem beschaeftigt zu haben – das Buch wurde aber schon vor 2 Jahren geschrieben – jetzt ist mir schon langem klar, warum es hier wirklich geht: naemlich Gewinne fuer die Hedgefonds und Investment Banken einzufahren, die mit CDS auf “Pleite Europeripherie” gesetzt haben.)

    Nun, anstatt das Abschaffen von Credit Default Swaps zu fordern, fordert er Target 2 Finanzierung einzustellen. Das ist einfach verrueckt, da das sofort zu einem Bankencrash in der Europeripherie folgen wuerde.

    Wie Professor Sinn argumentiert, wuerde man m.E. auch argumentieren, wenn man versucht, Credit Default Swaps zur Auszahlung zu bringen.

    Weitere Informationen zu CDS:
    http://eurogate101.com/2011/06/22/cds-einfache-erklarung-einfache-losung/

  3. Mal ein anderer Blick, mit dem man die Debatte besser verstehen kann:

    Vor einiger Zeit hat sich Jürgen Habermas mit einem sehr guten Text hier im Handelsblatt gemeldet. Deshalb möchte ich hier mal einen anderen großen Soziologen, Niklas Luhmann, bemühen. Lesen Sie Luhmann! Sie erkennen dann, dass Wirtschaft, Politik und Wissenschaft getrennte und eigenlogisch operierende Funktionssysteme der Gesellschaft sind, deren Aufgabe es ist, Gesellschaft, d. h. Kommunikation, zu reproduzieren. Und das klappt gerade wieder hervorragend.

    Wirtschaftler, Wissenschaftler, Politiker, Rechtsgelehrte, Religionsleute usw. werden in der Euro-Debatte nie auf einen Nenner in ihrer Meinung kommen, und das ist gut so! Denn sonst fallen wir in vormoderne Zeiten zurück. Aber warum ist es so, dass sie nie auf einen Nennen kommen: Weil Wirtschaftler, Wissenschaftler, Politiker usw. die Euro-Debatte in Hinsicht auf unterschiedliche Bezugsprobleme beobachten.

    Geht es um Wahrheit, sollte man die Wissenschaft fragen. Sie sollte sich aber nicht in die Wirtschaft und Politik einmischen wollen, denn das bringt überhaupt gar nichts. Das sollte Herr Sinn verstehen, auch wenn er Recht hat – aber eben nur im Sinne von Wahrheit. In der Politik geht es ausschließlich um Macht, in der Wirtschaft um Zahlungen.

    Herr Stark handelt letztlich im Rahmen der Politik. Er vertritt das politische Interesse der Mitglieder. Sein Vortrag in München am 20.6.11 bestätigte das. Seine Argumente überzeugten nicht wirklich. Auf Sinns Gegenargumente blieb es ihm am Ende letztlich nur übrig, Sinn vorzuwerfen, er würde aus nationalstaatlicher Sicht argumentieren.

    Somit würde ich letztendlich beiden, Stark, wie auch Sinn, recht geben wollen. Das ist aber keineswegs eine Flucht aus der Entscheidung. Dahinter steckt eine Logik, die der westliche Kulturkreis nicht (mehr) kennt. Vielleicht sind es am Ende die Asiaten, die neuen Gläubiger des Westens, die uns diese Möglichkeit des Denkens irgendwann zurück bringen werden!

  4. Herr Storbeck, möglicherweise haben Prof. Sinn und das Ifo Institut den lieben langen Tag auch noch etwas anderes zu tun als sich um nach Aufmerksamkeit heischende Journalisten zu kümmern. Jetzt dürfen Sie sich doch glücklich schätzen dass er Ihnen endlich die gewünschte Beachtung geschenkt hat und sogar persönlich geantwortet hat.

    ******
    Anmerkung von Olaf Storbeck: Verschwörungstheoretischer Absatz mit nicht belegten Vorwürfen gegen diverse Online-Medien gelöscht. Bitte argumentieren Sie sachlich und themenbezogen!
    Der komplette Leserkommentar kann hier eingesehen werden: http://bit.ly/hb-kommentare
    ******

  5. Als Nicht-Ökonom habe ich die Target-Diskussion mit Interesse verfolgt.

    Mein Eindruck ist, dass die Debatte eigentlich auf zwei Gleisen läuft.
    Das eine: wie sind diese GEGENWÄRTIGEN Target-Salden konkret entstanden und das andere: was bedeuten Target-Salden ganz allgemein in der wirtschaftswissenschaftlichen Betrachtungsweise.
    Dadurch dass man argumentativ zwischen den Gleisen hin und herhüpft wirkt die Diskussion nicht sehr zielführend.

    @ Storbeck: den falschen Zungenschlag haben Sie befürchte ich mit zu verantworten.

    Olaf Storbeck in Hans-Werner Sinns steile These vom 10.06.2011, 00:00 Uhr
    (wirklich: 00:00 ?)
    ” … ein VWL-Student, der so argumentiert, würde durchs Examen fallen“.
    Damit wird m.E. die sachliche Diskussionsebene verlassen.

    Wie dem auch sei:
    Die Fronten sind klar. Die Argumente ausgetauscht. Die Klingen gewetzt.
    Bevor die langsam ermüdende Privatfehde zur Soap-Opera wird, hätte ich einen Vorschlag zur Güte:

    Warum die Diskussion nicht einfrieren sagen wir mal – um irgendeinen Zeitraum zu nennen – bis Jahresende und wenn es sich dann lohnt, sprich aufgrund von Entwicklungen (z.B. wenn sich die Target-Salden in Luft aufgelöst haben sollten) neue Erkenntnisse gezogen werden, das Thema nochmal – sachlich – aufrollen.

  6. @ Olaf Storbeck: Können Sie mal jemandem, der zwar auch ein volkswirtschaftliches Studium absolviert hat, die hier nachlesbare Diskussion aber für erschreckend realitätsfern hält, erklären, was der Unterschied zwischen einem unkontrollierten und einem kontrollierten Auseinanderfliegen der Euro-Zone sein könnte? Vielen Dank im Voraus.

    • @ Horst-Walter Eckhardt: Der Punkt geht an Sie! Wenn der Euro auseinander fliegt, wäre das in jedem Fall wirtschaftliche Apokaplyse. Was ich meinte war: Ein politisch beschlossenes Ende der Euro-Zone vs. ein ungewolltes, weil das Zahlungsystem nicht mehr funktioniert, wenn eine Notenbank ihre Höchtgrenze bei den Target-Verbindlichkeiten erreicht hat und in dem Moment ein Euro, er auf einem griechischen Bankkonto liegt, nicht mehr das gleiche ist wie ein Euro auf einem deutschen Bankkonto, weil man ihn nicht mehr ins Ausland überweisen kann.

      Mir kommt gerade noch ein ganz anderer Gedanke: Sinn fordert ja eine Deckelung der Target-Verbindlichkeiten – mit dem gleichen Recht gut könnte man ja eine Deckelung der Target-Forderungen verlangen :-) Ab einer bestimmten Menge Zentralbankgeld, die nach Deutschland geflossen ist, wäre dann schluss – Überweisungen aus anderen Euro-Zonen gehen dann wieder zurück. Wäre gespannt, was unsere Exportindustrie dazu sagen würde….

  7. als Betriebswirtschaftler vermag ich keine Beurteilung zur Target-Problematik abzugeben. Rein empirisch bestätigt die Entwicklung im Euro-Raum, insbesondere bei der EZB, die von Prof. Sinn schon frühzeitig vorgetragenen Thesen. Ohne jetzt zu werten, kommt mir das vor als ob man Martin Luther in Wittenberg vorgeworfen hätte, die falschen Nägel benutzt zu haben. Die Entwicklung im Euroraum ist dermassen katastrophal und für die EZB folgenschwer, dass man hinter den Anwürfen an Sinn lediglich gut getarnte Rückzugsgefechte vermuten kann.

  8. Herr Storbeck,

    das ist einfach nur langweilig. Bitte verschonen Sie uns Leser mit ihren täglichen Anklagen.

    Mit freundlichen Grüßen!

  9. Herr Schütz,
    was treibt Sie um? Merken Sie nicht, dass Sie sich lächerlich machen mit Ihren kindischen Angriffen auf Olaf Storbeck? Ich habe seinen Blogpost gelese und verfolge regelmäßig seine Äußerungen: Der Mann kritisiert, dass Herr Sinn ihm eine fehlerhafte Übersetzung vorwirft, obwohl es sich um wörtliche – englische – Zitate aus Sinns eigenem – englischen – Text handelt. Das ist schlicht dreist. Wer oder was sind Sie? Sie äußern zu dem Vorwurf ja nicht mal einen eigenen Gedanken. Sie tragen nichts zur Debatte und zur Erkenntnisfindung bei. Statt selber zu dem flaschen Spiel von Herrn Sinn Stellung zu nehmen, machen Sie Herrn Storbeck schlecht.
    M. Kuhn

  10. der eine veröffentlicht der andere bloggt – das alleine reicht doch schon für die intellektuelle unterscheidbarkeit…

    ein bloggender Korrespondent korrespondiert bloggend – wie albern und hällt sich dabei auch noch für kompetent…

    inflationärer Irrsinn! Die erkenntnisfindung bleibt wie üblich dabei auf der Strecke, wird man doch imme mehr vom Gesabber solcher Wichtigtuer abgehalten, die wesentlichen Urheber von Kenntnissen ungestört studieren zu können!

  11. Herr Storbeck, was treibt Sie um? Merken Sie nicht, dass Sie sich lächerlich machen mit Ihren kindischen Angriffen auf Hans-Werner Sinn? Ich habe mehrere seiner Bücher gelesen und verfolge regelmäßig seine Äußerungen: der Mann ist kompetent. Und wer oder was sind Sie? Sie äußern ja nicht einmal einen eigenen Gedanken, Sie tragen nichts zur Debatte und zur Erkenntnisfindung bei. Statt selber “gut” zu sein, machen Sie andere schlecht. Rüdiger Schütz

    • @ Rüdiger Kuhn: Mich treibt um, dass mit Hans-Werner Sinn einer der zu Recht renommiertesten und einflussreichsten deutschen Ökonomen im Zusammenhang mit Target2 Dinge erzählt, die aus meiner Sicht (und der zahlreicher Hochschul-, Banken- und Notenbankvolkswirten) objektiv falsch sind. Er leitet daraus zudem Politikempfehlungen ab, die ich für extrem gefährlich halte – sie würden ein unkontrolliertes Auseinanderfliegen der Euro-Zone bedeuten. Über diese Sicht möchte ich die Öffentlichkeit informieren.