Klippschul-Ökonomie aus Hamburg

Früher, als Gymnasiast und Schülerzeitungsredakteur, habe ich immer davon geträumt, später mal Redakteur beim „Spiegel“ zu werden. Damals, Anfang der 90er, war das Magazin das Beste, was der deutsche Journalismus zu bieten hatte: Neue Heimat, Barschel, Plutonium-Schmuggel.

Heute ist das Blatt leider nur noch ein Schatten seiner selbst. Es steckt im publizistischen Niedergang.

Ein Beispiel dafür war die Titelgeschichte über die Verhaftung des inzwischen zurückgetretenen IWF-Chefs Dominique Strauss-Kahn, die Stefan Niggemeier in einem herrlichen Blogpost auseinander genommen hat.

Ein weiteres Beispiel ist die Titelgeschichte der aktuellen Ausgabe: „Plötzlich und erwartet – Nachruf auf eine gemeinsame Währung“.

Der Text, an dem acht Spiegel-Redakteure mitgewirkt haben, hat passagenweise nur unwesentlich höheres Niveau als die Pöbel-Kommentare hier im Handelsblog, über die ich mich am Wochenende aufgeregt habe.

Keine Frage, die Euro-Krise ist hochgefährlich, die Einführung der Gemeinschaftswährung war möglicherweise ein Fehler, und die Politik agiert fragwürdig und konzeptlos.

Die „Spiegel“-Kollegen schildern die Sache aber derartig holzschnittartig, dass es mir die Sprache verschlägt. Der Euro, so die große Botschaft, ist an allem Schuld, und ohne ihn stünde Deutschland blendend dar.

So heißt es in der Geschichte direkt im dritten Absatz:

„Ohne Euro aber wäre die Verschuldung Griechenlands ein isoliertes Problem, hart für das Land, für Europa leicht zu verkraften. Nur durch den Euro sind die Athener Schulden das Problem aller Partner – und eine Gefahr für ihre gemeinsame Währung. Würden Sie Griechenland fallenlassen, könnte sich die Krise unkontrolliert von einem zum anderen schwachen Euro-Land ausbreiten.“

Auf den etwas seltsamen Zirkelschluss im zweiten Satz („Nur durch den Euro sind die Athener Schulden eine Gefahr für die gemeinsame Währung“) will ich gar nicht weiter eingehen.

Mir geht es um das Bild, das hier von den Zusammenhängen auf den Finanzmärkten gezeichnet wird. Das ist schlicht falsch. Die Autoren tun so, als ob nur und ausschließlich durch den Euro eine Ansteckungsgefahr für andere Peripherie-Länder entstanden sei. Das ist eine schöne These – sie stimmt aber leider nicht.

Die Währungsunion hat das Risiko wahrscheinlich erhöht, aber existiert hat es schon vorher.

Ein schönes Beispiel dafür ist die Russland-Krise von 1998 – die Zahlungsunfähigkeit Moskaus führte dazu, dass Investoren über Nacht das Vertrauen in Schwellenländer verloren und nahezu weltweit Panik ausbrach.

Stanley Fisher, heute Notenbankpräsident  in Israel und damals stellvertretender IWF-Chef, beschrieb das 1999 so:

„From Russia, the crisis spread through a process of contagion to Latin America, and even to the financial markets of the United States, so that when the Annual Meetings of the IMF and the World Bank were held in October last year, there were many who feared we could be in the worst financial crisis of the post-World War II era. Fortunately — and also through good economic management, especially by the Fed — we seem to have averted that fate.“

Das Beispiel zeigt: Für grenzüberschreitende Contagion braucht man keine gemeinsame Währung. Auch ohne Euro bestünde das Risiko, dass andere Peripherie-Länder durch einen Default destabilisiert werden.

Nicht ohne Grund haben zum Beispiel die Briten die Entwicklung in Griechenland sehr genau verfolgt: Dass der hoch verschuldeten Insel auf den Finanzmärkten das gleiche Schicksal wie den Griechen drohen könnte, ist eine Hauptmotivation für den extremen Sparkurs der Cameron-Regierung, und gewaltsame Proteste gegen harte Austeritätspolitik gibt es auch im Hoheitsgebiet der Bank of England. Prince Charles und Camilla haben es live erlebt. Nicht wenige Beobachter fürchten zudem, auch den USA könne ein ähnliches Schicksal drohen.

Natürlich macht der Euro es für die anderen EU-Länder schwieriger, die Griechen einfach sich selbst zu überlassen. Aber auch ohne Gemeinschaftswährung hätte es sich nicht einfach nur um eine regionale Krise gehandelt, die der Rest Europas einfach so hätte ignorieren können.

Natürlich ist der Euro für die derzeitige Krise mitverantwortlich – aber dank eines ganz anderen Kanals, als die “Spiegel”-Geschichte in der obigen Passage suggeriert. Richtig ist:  Durch den Euro-Beitritt konnten sich die Griechen und andere Peripherie-Staaten viel billiger verschulden, weil die Finanzmärkte ihnen einen deutlichen Vertrauensvorschuss entgegen brachten und viel geringere Risikoaufschläge verlangten als in der Vergangenheit.

Dieser Punkt wird im „Spiegel“ zwar angesprochen, aber leider ziemlich falsch erklärt. Dort heißt es:

„Tatsächlich glichen sich nur die Zinsen an, denn (Hervorhebung durch mich) die Europäische Zentralbank legt für den gesamten Währungsraum, für starke und schwache Mitglieder gleichermaßen, einen einheitlichen Zinssatz fest. So strömte viel Kapital nach Spanien und Irland…“

Die Autoren werfen hier einiges durcheinander. Es stimmt, dass die EZB einen einheitlichen Leitzins für die Euro-Zone setzt. Es stimmt auch, dass sich die Anleihezinsen in den Euro-Ländern bis zur Finanzkrise sehr stark angenähert haben. Es stimmt aber nicht, dass der einheitliche Leitzins der EZB dafür der entscheidende Grund gewesen ist.

Die Zinsen auf den privaten Kapitalmärkten werden auch – aber eben längst nicht nur – von den Leitzinsen bestimmt. Der einfachste Beleg dafür ist die derzeitige Situation: Die Leitzinsen in Euroland sind immer noch identisch, aber Deutschland kann sich trotzdem zu deutlich niedrigeren Zinsen verschulden als Griechenland.

Der eigentliche Grund für die Zinskonvergenz war ein ganz anderer: Durch den  Beitritt zur Euro-Zone importierten die Peripherie-Länder Vertrauen. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft beschreibt in einer jüngst veröffentlichten Studie die damalige Einschätzung der Finanzmärkte so:

“Durch die Währungsunion sind Wechselkurs- und Inflationsrisiken für Anleihen der Länder der Peripherie weggefallen. Mit einer stabilen Währung ausgestattet dürften sich die Wachstumsaussichten der Länder der Peripherie merklich gebessert haben, und die ersten Jahre bestätigten dies. Die Länder der Peripherie verzeichneten eine deutlich überdurchschnittliche Expansion der Produktion. Während in den Jahren 2000 bis 2007 der Schuldenstand im Euroraum gesunken ist – zeitweise sogar in Griechenland (2002/2003) – ist er in Deutschland  gestiegen. Spanien und Irland waren geradezu die Musterschüler des Stabilitäts- und Wachstumspakts. Vor Beginn der Krise lagen die Schuldenstände in beiden Ländern deutlich unter 40 Prozent in Relation zum Bruttoinlandsprodukt.”

Neben den Vertrauensimporten spielte ein anderer Grund eine Rolle für den Investitionsboom, der etlichen Ländern zum Verhängnis wurde: die Inflationsraten in Staaten wie Griechenland waren viel höher als in Ländern wie Deutschland. Wegen der identischen Leitzinsen und der verschwundenen Risikoaufschläge für die Peripherie-Staaten waren dort die Realzinsen deutlich niedriger – das machte Kredite billiger und heizte die Investitionen an. Diesen Aspekt aber erklärt der „Spiegel“ seinen Lesern leider nicht.

Haarsträubend simplizistisch sind die Passagen über eine Abwertungsstrategie:

„Gäbe es noch nationale Währungen, hätten Länder wie Griechenland oder Portugal ein bewährtes Mittel an der Hand, ihre mangelnde Wettbewerbsfähigkeit abzubauen. Sie müssten nur ihre Drachme oder ihren Escudo abwerten, dann würden die Gesetze von Angebot und Nachfrage dafür sorgen, die Warenströme umzulenken. (…) Nicht die Regierung, der Markt würde dafür sorgen, die wirtschaftlichen Ungleichgewichte abzubauen.“

Natürlich beschreiben die Kollegen hier ein Phänomen, das es gibt – aber sie beschreiben es  in einer geradezu lächerlichen Absolutheit.

Das wahre Leben ist längst nicht so einfach, wie Deutschlands Nachrichtenmagazin seinen Lesern suggeriert. Auch dafür genügt der Blick nach Großbritannien: Zwar hat das britische Pfund seit Ausbruch der Finanzkrise massiv abgewertet, die britische Industrie geht aber trotzdem nach wie vor am Stock – die schlechten Exportzahlen schockieren regelmäßig die britischen Wirtschaftspolitiker.

Denn: Damit „die Gesetze von Angebote und Nachfrage“ wirklich die „Warenströme umlenken“, muss sich im Land die Wirtschaftsstruktur ändern. Das geht nicht von heute auf morgen, wie die Engländer gerade schmerzlich lernen. Und eine andere Wirtschaftsstruktur ist auch das, was Griechenland braucht, um auf Dauer wirtschaftlich überleben zu können. Die festen Wechselkurse erhöhen eher den Anpassungsdruck, weil die  Abwertung der Währung als Ventil fehlt.

Zudem spricht einiges dafür, dass die Wechselkurse in der heutigen arbeitsteiligen globalen Wirtschaft für die Warenströme stark an Bedeutung für die Warenströme verloren haben – die Wertschöpfungsketten sind international so fragmentiert, dass es „Made in Germany“ oder „Made i­n China“ im eigentlichen Sinne immer weniger gibt. Ein schönes Beispiel dafür ist das iPhone, wie eine faszinierende Studie der Asian Entwicklungsbank zeigt: Würde Chinas Währung um 20 Prozent aufwerten, stiegen die Kosten für die iPhone-Montage nur um 0,7 Prozent der Herstellungskosten, und selbst eine 50-prozentige Aufwertung des Yuans würde die Herstellungskosten nicht nennenswert ändern.

Stünde die oben zitierte Passage im Kinder-Spiegel, würde ich ja nichts sagen. Aber für ein Heft, das den Anspruch erhebt, für erwachsene Menschen zu schreiben, ist das Ökonomie auf Klippschul-Niveau.

Ziemlich dreist ist es auch, die Commerzbank als „Staatsbank“ zu bezeichnen. Es stimmt zwar, dass die Aktien zu einem Viertel beim Bund liegen – dass die Commerzbank aber derzeit schnellere Fortschritte als geplant macht, den Staat wieder loszuwerden, scheint sich bis nach Hamburg noch nicht herumgesprochen zu haben. Oder aber – was ich für wahrscheinlicher halte – man hat es wegen des Knalleffekts bewusst unter den Tisch fallen lassen.

Fassungslos macht mich der Tonfall, in dem der Spiegel den politischen Prozess in Europa beschreibt.

„Wenn es, wie jetzt, zur Sache geht, werden Entscheidungen nicht mehr in den demokratisch halbwegs legitimierten EU-Gremien getroffen, sondern auf mehr oder weniger heimlichen Gipfeltreffen einiger Regenten. Stille Spaziergänge von Kanzlerin und französischem Präsidenten, die dieskreten Gremien der Zentralbanken: Da wird Politik gemacht, die Parlamente allenfals im Nachhinein abnicken können, obwohl kaum ein Abgeordneter sie versteht. (…) Das bringt das Volk schon deshalb gegen seine jeweilige Regierung auf, weil es an der Entscheidungsfindung nicht beteiligt wurde.“

Der Spiegel – das Sturmgeschütz der Demokratie? Mich erinnert das mehr an „Bild kämpft für Sie“.

Entscheidungen werden „nicht mehr in den demokratisch halbwegs legitimierten EU-Gremien getroffen, sondern auf mehr oder weniger heimlichen Gipfeltreffen einiger Regenten“?

War das in der Geschichte der modernen Demokratie jemals anders? Beim Nato-Doppelbeschluss, der Wiedervereinigung, der Agenda 2010? Bretton Woods, Plaza- und Louvre-Abkommen, WTO-Runden, Kyoto? Hätte die US-Regierung nach Meinung der Spiegel-Redaktion vor der Rettung von AIG und Citi eine Volksabstimmung machen sollen?

Große Politik funktioniert nicht anders, internationale erst recht – und das wissen die Hamburger Kollegen doch ganz genau. Die repräsentative Demokratie ist eine schlechte Regierungsform – aber mit Abstand die beste, die wir haben.

(Update: Isabell weist mich in den Kommentaren darauf hin, dass ich hier quasi  Aristoteles plagiiere. Stimmt, ich hätte darauf hinweisen sollen – aber gestern nacht fiel mir ehrlich gesagt nicht mehr ein, von dem dieser Ausspruch stammt, und ich war zu faul zum googlen. Sorry!)

Warum suggerieren die Verfasser des Artikels das Gegenteil?  Bauen sie darauf, dass sich all die Leute, die sich anonym in den Webforen darüber echauffieren, dass ihre Ersparnisse an die Griechen verschenkt werden und über „politisch korrekte Einheitsmeinungen” in gleichgeschaltete Mainstream-Medien, die auf geheime Anweisungen handeln, schleunigst ein Spiegel-Abo zulegen?

Um es klar zu sagen: Ich persönlich halte das Krisenmanagement der EU-Staaten für ziemlich katastrophal – vieles wurde dadurch wahrscheinlich nur noch schlimmer gemacht. Und ich frage mich zunehmend, ob der Euro nicht ein großer historischer Fehler war.

Aber in so einer Pauschalmanier plumpe Politikverdrossenheitsparolen zu dreschen, halte ich nicht nur für unverantwortlich, sondern auch nicht fair.

Was ist denn die Alternative? Volksabstimmungen über jede Tranche für Griechenland? Wahrscheinlicher erscheint mir, dass die einzige Alternative nationale Alleingänge wären. Was dann passiert, hat sie Welt nach 1929 erlebt.

Zur Zeiten der Großen Depression in den 30er Jahren haben die Staaten Europas versucht, sich auf eigene Faust und auf Kosten der Nachbarn aus der Krise zu befreien. Abwertungswettläufe und Protektionismus waren Trumpf – erst diese „beggar thy neighbor“-Politik hat nach Ansicht von Wirtschaftshistorikern aus der Rezession eine weltweite Depression gemacht.

Zum Glück ist Europa  von „beggar thy neighbor“ heute weit entfernt. Da kann man sich noch so sehr über die stillen Spaziergäng von Merkel und Sarkozy lustig mache – die Regierungen reden, streiten, ringen, verkriechen sich in Hinterzimmern. Stimmt alles. Aber sie versuchen, das Problem gemeinsam zu lösen.

„Die Welt ist grau – wir machen sie für unsere Leser schwarz oder weiß“, hat mir vor Jahren mal ein Magazin-Redakteur gesagt. In dem Moment kamen mir zum ersten Mal Zweifel, ob ich wirklich in diesem Genre richtig aufgehoben wäre. Ein Freund und Journalistenschulen-Kommilitone von der Journalistenschule meinte nach einem  Praktikum bei einem großen Magazin: “Im Grunde erzählen die moderne Märchen.” Und heute weiß ich:  In der Redaktion eines anderen Wochenmagazins geht der Spruch um: „Das Leben ist keine Magazin-Geschichte.“

Solange es um Kachelmann geht, das englische Königshaus, den „Rebell Gottes“ oder andere Infotainment-Themen , ist mir das ja ziemlich egal (solange, wie ich es nicht selbst schreiben muss).

Mit Blick auf die Wirtschaftspolitik in einer so fragilen Lage wie derzeit aber ist es ein Spiel mit dem Feuer. Und über publizistische Brandstifter hat der Spiegel doch neulich selbst erst geschrieben.

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Alle Kommentare [20]

  1. Lieber Herr Storbeck,

    “Fassungslos macht mich der Tonfall, in dem der Spiegel den politischen Prozess in Europa beschreibt.”

    Also, mich ehrlich gesagt nicht. So denken viele – darunter auch MdBs, die sich überrumpelt fühlen (siehe unten). Aber zunächst zurück zu Ihrem Text:

    „Wenn es, wie jetzt, zur Sache geht, werden Entscheidungen nicht mehr in den demokratisch halbwegs legitimierten EU-Gremien getroffen, sondern auf mehr oder weniger heimlichen Gipfeltreffen einiger Regenten. Stille Spaziergänge von Kanzlerin und französischem Präsidenten, die dieskreten Gremien der Zentralbanken: Da wird Politik gemacht, die Parlamente allenfals im Nachhinein abnicken können, obwohl kaum ein Abgeordneter sie versteht. (…) Das bringt das Volk schon deshalb gegen seine jeweilige Regierung auf, weil es an der Entscheidungsfindung nicht beteiligt wurde.“

    “Der Spiegel – das Sturmgeschütz der Demokratie? Mich erinnert das mehr an „Bild kämpft für Sie“.”

    “Entscheidungen werden „nicht mehr in den demokratisch halbwegs legitimierten EU-Gremien getroffen, sondern auf mehr oder weniger heimlichen Gipfeltreffen einiger Regenten“?”

    “War das in der Geschichte der modernen Demokratie jemals anders? Beim Nato-Doppelbeschluss, der Wiedervereinigung, der Agenda 2010? Bretton Woods, Plaza- und Louvre-Abkommen, WTO-Runden, Kyoto? Hätte die US-Regierung nach Meinung der Spiegel-Redaktion vor der Rettung von AIG und Citi eine Volksabstimmung machen sollen?”

    “Große Politik funktioniert nicht anders, internationale erst recht – und das wissen die Hamburger Kollegen doch ganz genau. Die repräsentative Demokratie ist eine schlechte Regierungsform – aber mit Abstand die beste, die wir haben.”

    —————————–

    Die SPIEGEL-Passage verstehen Sie, glaube ich, falsch: Hier GEHT ES NICHT um Kritik an der repräsentativen Demokratie an sich, sondern darum, dass sogar die laut Spiegel “demokratisch halbwegs legitimierten EU-Institutionen” (das erkennt der Spiegel also an!) durch die “mehr oder weniger heimlichen Gipfeltreffen einiger Regenten” umgangen werden. Das heißt, der Spiegel beklagt die mangelnde Einbeziehung bspw. des EU-Parlaments – und damit der demokratisch legitimiertesten Institution der repräsentativen Demokratie, die die EU kennt. Da hat der Spiegel doch wohl Recht.

    Ich möchte anfügen, dass auch die nationalen Parlamente als originäre Einrichtungen der repräsentativen Demokratie von den genannten Gipfeltreffen völlig überrollt werden und – da gebe ich dem Spiegel uneingeschränkt Recht! – nur noch schnell “abnicken” sollen bzw. dazu von den Regierungen vehement gedrängt werden. Bei den sogenannten “Rettungsschirmen” (was ich übrigens für einen extremen Euphemismus halte! Nur der “Finanzmarkt-Stabilisierungsmechanismus” ist ein noch schlimmerer Euphemismus.) ging es doch nur noch so ab, dass dem Bundestag morgens schnell vorgelegt wurde, was er nachmittags noch durchwinken sollte. Und das waren extrem komplexe Beschlüsse.

    Über diesen Umstand beklagen sich im übrigen auch zahlreiche MdBs, die ja nun qua Mandat fraglos originäre Repräsentanten der repräsentativen Demokratie sind. Mittlerweile hat auch schon der schnellste unter ihnen ein Buch zu diesem Thema veröffentlicht (Oliver Luksic, FDP, Saarland: “Ist der Euro noch zu retten?”).

    Mit freundlichen Grüßen

    Sebastian

  2. Eine Anklage einer Zeitung gegen eine Andere kann nicht von großem Wert sein. Der Spiegel ist trotz berechtigter Kritik immer noch, dass Leitmedium für die politische Meinungsbildung.
    Wobei beim Spiegel nicht von einer Neutralität gesprochen werden kann. Der Spiegel, insbesondere ihre Redakteure, sind Teil des Establishments. Solchen Leute fällt es immer schwer entscheidende Fragen im Kleinen gegen ihr Interesse zu bearbeiten. Besonders schwer wird im Großen, wenn ein alternatives Weltbild, wie z.B. das Marxistische, aus Gründen der journalistischen Neutralität vertreten werden muss. Wie ist nun aber der bestehende “kritische” Artikel des Handelblatts zu werten? Es wird versucht die Diskusion ins Detail zu treiben um damit eine höheren Grad an Exaktheit und Wahrheit zu erreichen. Genau das Gegenteil wurde mit der Spiegelkritik des Handelsblattes erreicht! Unbeirrbar wird die neoklassische Position mit ihrer politisch-ideologischen Schwester Neoliberalismus als Fundament der Handelblattkritik verwendet. Während der Spiegel in der Gesamtheit der Ausgabe, welche den kritisierten Artikel beinhalten, im Konkreten bestehende Verhältnisse dokumentiert. Ist es den “Kritikern” des Handelsblattes nicht möglich über den Tellerrand zu sehen. Sie verkriechen sich in ihre Börsenwelt und versuchen das heilig gesprochene Orakel “Der Märkte” zu interpretieren. Verzweifelt stürzen sie sich in immer neue Detailwelten nur um nicht den Schluss ziehen zu müssen, dass der Euro von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Es ist keine Frage des Intelegenz dies zu begreifen. Es ist eine Frage des Mutes im Denken. Insofern sind die Redakteure des Handelsblatts entweder ängstlich oder interessengeleitet.

    Der gewöhnliche Leser wird hier nur den Überblick verlieren und der Diskussion nicht mehr folgen können. Auch wenn der akademische Zerfallsprozess in den Wirtschafts und Gesellschaftswissenschaften schon einen solchen Grad erreicht hat, dass Zeitschriftenartikel in Dissertation eine direkte Verwendung finden, ist es für eine populäre Zeitschrift nicht möglich nationalökonomische Fragen “wahrheitgetreu” darzustellen! Demzufolge handelt es sich immer um Meinungsbildung.

    [Anmerkung von Olaf Storbeck: Ich kann ihnen nicht in jedem Punkt folgen. Wichtig ist aber eines: Bei meinem Text im Handelsblog handelt es sich NICHT um eine Kritik "des Handelsblatts" am Spiegel, sondern um meine persönliche Sicht. Hier im Blog vertreten die Autoren ihre persönliche Meinung, nicht eine wie auch immer geartete Blattline des Handelsblatts.]

  3. Danke für den Artikel, eigentlich war er überfällig.

    Ja, genau so ist es leider und das Niveau sinkt zudem kontinuierlich weiter. Man hat sogar das Gefühl, je mehr und unermüdlich sachliche Kritik an dem ganzen Unsinn geäußert wird, umso schlimmer ist es.

    Aber es passt ja auch. Tatsächlich betreibt SPON bei fast allen relevanten Themen Agendasetting und ordnet die sogenannten Nachrichten ziemlich rigoros dieser Linie unter. Irgendwann wird dadurch zwar der historische Ruf vollkommen ruiniert sein, aber ein paar Jahre kann man das sicher weiter so betreiben, zumal es ja auch keine Konkurrenz mit ähnlicher Verbreitung gibt, die es besser macht. Und: Andere überregionale Publikationen, ja selbst die Wirtschafts-Fachzeitungen und deren Online-Angebote betreiben im sogenannten Wirtschaftsteil neben dem Unternehmensgeflüster auch häufig nur Wirtschaftsesoterik um das Börsenschaf mit Unterhaltung zu versorgen. Die wirklich relevanten und lesenswerten Artikel werden dagegen allzu häufig regelrecht versteckt oder gehen in dem allgemeinen Rauschen eher unter.

    Kaum eine Chance für normale Leute, wirklich informiert zu sein.

    Sonnige Grüße
    Andreas

  4. Als die Niederlande zum Beispiel den Gulden an die DM koppelte, hat die Niederlande durch Lohnzurückhaltung relative Wettbewerbsvorteile gegenüber Deutschland gewonnen.

    Das ganze Problem war den Ökonomen bekannt. Es war den Ökonomen bekannt, dass die Maastricht-Kriterien nicht ausreichend waren.

    Es war den Ökonomen bekannt, eine EZB die die Banken nicht beaufsichtigt und dem freien Markt ihren Lauf lässt, dass kann nicht gut gehen.

    Die EZB macht Politik, jeden Tag. Und sie wird nicht demokratisch kontrolliert.
    Griechenland soll soi hohe Zinsen zahlen, um die Strukturreformen die die EZB für notwendig hält brachial zu erzwingen.
    (Abgesehen davon weiß die Neoklassik nichts aber auch nichts mit ‘GEMEINEIGENTUM’ anzufangen).
    Warum lassen sich Änderungen nicht verhandeln, und den Griechen mit einem Zinssatz von 2% den die EZB garantiert helfen?

    War es den Ökonomen vollkommen unbekannt, dass Problem des Beggar my Neighbour?

    Was diesem Fach fehlt ist Geschichtsbewusstsein.

    Es ist einfach ermüdend, z.B. von H.Kasper immer das Gleiche vorgekaut zu bekommen.

    Woher soll der Leser wissen was Meinung, Ideologie ist, und was Fakten sind.

    Und was ist eine wissenschaftliche Aufarbeitung von Fakten und was nicht, (Unterstützung einer ideologischen Position).

  5. “Die repräsentative Demokratie ist eine schlechte Regierungsform – aber mit Abstand die beste, die wir haben.”

    Ja, die repräsentative Demokratie ist die ‘beste Regierungsform’, die ‘wir’ engeblich haben, gerade deshalb, weil sie Demokratie simuliert. D.h. sie ist die beste unter den per se als schlecht vorausgesetzten Regierungsformen, weil sie es den Herrschenden erlaubt, abstrakt ihre Herrschaft den Beherrschten gegenüber aus ihnen heraus zu legitimieren: Ihre Legitimationsbasis ist weder Gott noch militärische Gewalt, sondern die Beherrschten selbst, ohne dass sich irgend etwas an dem Machtverhältnis, an ihrem Status von Beherrschten ändert. Genial. Daher ist die repräsentative Demokratie in der Tat nur aus der Perspektive von Herrschaft die ‘beste Regierungsform’.

    Ich verlinke zu einem Artikel zum Widerstand gegen S21, der sehr gut veanschaulicht, was die Beherrschten zunehmend von dieser angeblich besten Form des Beherrschtseins halten ….

    http://www.freitag.de/community/blogs/seriousguy47/s21-solche-bilder

  6. @Henry Kaspar,
    als “fiscal conservative” habe ich den Goldstandard auch mal für eine gute Idee gehalten.
    Nur, jetzt kommt halt der Ingenieur durch, es gibt einfach nicht genügend Gold, um die heutigen Geldströme zu decken, da fehlen 2 Größenordnungen.

    Es war das an Goldeinkommen extrem reiche Spanien, das 1550 + x wiederholt Bankrott hingelegt hat, und das rohstoffarme Handwerker und Seglervolk (damals : -) der Briten die mit Abstand längste credit history von ca 500 Jahren ohne Staatsbankrott vorweisen kann.

    Und, als etwas ästhetisches Argument, wieso buddeln wir das gelbe Metall mit einem Riesenaufwand aus tiefen Löchern aus, um es gleich darauf wieder in tiefen Zentralbanktresoren zu vergraben, anstatt das Geschmeide an den Hälsen und Ohren schöner Frauen zu geniessen ?

  7. @luebberding

    “Sie sind ja eher der Standard in der öffentlichen Debatte. Natürlich muss der Spiegel Position beziehen, das ist in diesem Fall das Ende des Euro.

    Mein Problem ist eher, dass er in zwei Wochen schon genau anders herum argumentieren könnte … .”

    Der Spiegel ist ja so etwas wie die Bildzeitung für Leute mit Abi und eher linker Einstellung, ohne Titten und Hintern auf der ersten Seite, aber immer schön die Empörung der Leute anstacheln, ganz gezielt gegen bestimmte Leute und Parteien hetzen, oft eben gerade an der Grenze der Verleumdungsklage vorbei. Ich bin da ja auch seit 30 Jahren regelmäßiger Leser, das war ab 1996 auch die einfachste Möglichkeit in den USA über Deutschland up to date zu bleiben. Das HB und ihre FAZ sind da ja die letzten Bastionen, die nicht nur diesen Empörungsmechanismus bedienen, sondern die Kultur des “einerseits / anderseits” und Fakten reporting pflegen.

  8. Dem letzten Kommentar von kantoos kann ich mich nur anschliessen. Die sukzessiven Austritte aus dem Goldstandard in den 1930ern werden heute allgemein als positives Phaenomen gesehen – denn sie erlaubten den Zentralbanken die Liquidtaetszufuhr zu erhoehen, und bahnten den Weg aus der Weltwirtschaftskrsie. D.h. “beggar thy neighbor” trifft darauf nicht zu (wohl aber auf Handelsbescahrenkugnen etc.).

    Gruss,
    HK

  9. Olaf,

    ich finde auch, Du bist zu hart. Die Beispiele zeugen zwar von einigen inhaltlichen Schwachstellen, aber das was Du schreibst, ist auch nicht unkontrovers. Die Möglichkeit zur Abwertung z.B. ist (trotz iPhone) eine sehr wichtige Komponente einer Problemlösung in einem solchen Fall, schau Dir Island an, Polen und andere im Vergleich zu Estland et al.

    Dass der Euro und die Integration von Finanzmärkten die Baubooms in IRE und ESP befördert hat, kann man schon so unterschreiben – auch wenn die Erklärung für den Weg dahin etwas fehlerhaft oder unvollständig ist.

    Und was Du hier schreibst, ist mindestens (!) unvollständig:

    “Zur Zeiten der Großen Depression in den 30er Jahren haben die Staaten Europas versucht, sich auf eigene Faust und auf Kosten der Nachbarn aus der Krise zu befreien. Abwertungswettläufe und Protektionismus waren Trumpf – erst diese „beggar thy neighbor“-Politik hat nach Ansicht von Wirtschaftshistorikern aus der Rezession eine weltweite Depression gemacht.”

    Es gibt sehr angesehene Wirtschaftshistoriker (Eichengreen z.B.), welche die angebliche “beggar-thy-neighbour” Politik (aka Währungsabwertungen) für einen Segen halten, weil er einer geldpolitischen Nachfragestimulierung entspricht (Protektion ist ein anderes Thema).

    Gruß, Kantoos

  10. Schoener Kommentar.

    Nur eine Amkerung: Contagion ensteht wenn Finanzinstitute die gegenueber X Exposure haben bei Default von X Y verkaufen muessen, um ihre Liquiditaets- und/oder Kapitalposition zu verteidigen. Und wenn alle Y verkaufen ist Y der naechste Default-Fall.

    Insofern kann man durchaus sagen dass das Griechenland-Problem mit dem Euro erst enstanden ist. Vor dem Euro war die Exposure euroapeischer Finanzinstutute (nicht nur von Banken sondern auch Lebensversicherungen und Pensionsfonds) gering. Sie stieg dann rapide weil Griechenland-Anleihen ebenso von der EZB als Kollateral akzeptiert wurden wie Deutschland Anleihen, und von Regulatoren als ebenso risikolos betracthet wruden, aber mehr Rendite brachten.

    D.h. vor der Einfuehrung des Euro war das Risiko fuer Contagion das von Griechenland ausgeht wohl sehr viel geringer.

    Gruss,
    HK

  11. Ich habe den Spiegel Artikel zwar noch nicht gelesen, aber die angeführten Beispiele überzeugen mich jetzt nicht.

    Sie sind ja eher der Standard in der öffentlichen Debatte. Natürlich muss der Spiegel Position beziehen, das ist in diesem Fall das Ende des Euro.

    Mein Problem ist eher, dass er in zwei Wochen schon genau anders herum argumentieren könnte … .

    Der Hinweis auf die Asienkrise und ein kontrafaktisches Szenario im alten Wechselkurssystem ist dagegen spannend. Die entscheidende Frage ist nämlich, ob bis 2007 die PIIGS auch den geschilderten Vertrauensvorschuss bekommen hätten, dann nicht wegen dem Euro, sondern weil im Zuge der Kreditblase fast jedes Asset einen Vertrauensvorschuss bekommen hat.

    Was allerdings nicht passiert wäre, ist der Aufbau der Defizite in den PIIGS nach dem Platzen der Blase 2007 und 2008. Das war aber jetzt das Problem. Es gibt also gute Gründe für die Vermutung, dass das alte System dann als eine Art Schuldenbremse gewirkt hätte, weil alle in die deutschen Staatsanleihen gegangen wären – und zwar solange bis die Aufwertung der DM unseren Export innerhalb Europas drastisch reduziert hätte.

    Den heutigen Boom hätte es nicht gegeben, sondern wir hätten die hundertste Standortdebatte, auch im Handelsblatt … und die Debatte über den Nutzen einer gemeinsamen Währung ohne permanente Währungskrisen.

    Dass die Abwertung der Drachme der griechischen Industrie wenig nutzen wird, scheint mir unter heutigen Bedingungen klar zu sein. Nur wäre Griechenland ohne den Euro – etwa im Vergleich zu Osteuropa – wohl wettbewerbsfähiger gewesen. Wenigstens hätten sie sich den Anstieg der Löhne dann kaum leisten können. Das sollte man bedenken. Letztlich sorgt aber eine Abwertung ziemlich sicher für einen Effekt: den Abbau der Handelsbilanzdefizite, weil Importe so teuer werden, dass sie sich viele Griechen nicht mehr leisten könnten.

    Damit lohnt sich aber die Substitution durch einheimische Unternehmen, natürlich nicht in der Autoindustrie … . Ein klassisches Wechselkurssystem hätte also die Anpassung an die Krise auch meiner Meinung nach erleichtert. Nur ist die Annahme ziemlich schlecht begründet, dass die Neueinführung der Drachme deshalb den gleichen Effekt haben könnte. Schlicht und einfach deshalb, weil der Euro die Rahmenbedingungen komplett verändert hat, also der Verlust der Wettbewerbsfähigkeit eben eingetreten ist. Von Themen wie den Auswirkungen auf das Bankensystem, Kapitalflucht etc. ganz abgesehen.

  12. Ich seh das ähnlich wie Buerge-r. Was da von der “Pro-Euro”-Fraktion in den Medien kommt, ist häufig zum Haare raufen. Schon allein diese stets gebetsmühlenartige Wiederholung “Wir Deutschen profitieren am meisten vom Euro” entbehrt, wenn man nur ein bisschen genauer hinschaut, jeder Grundlage. Auf Wirtschaftswurm hab ich da ja schon mehrfach drüber geschrieben, z. B. unter dem Titel “Wir sind uns einig”

    Nun ist es ja journalistisches Geschäft zu vereinfachen. Die Frage ist, welche Vereinfachung noch zulässig ist und welche Vereinfachung die Sache verzerrt. Z.B. finde ich es in Bezug auf Griechenland zulässig zu sagen, dass eine Abwertung die Wettbewerbsfähigkeit stärkt. MMn ist die Nachfrage nach wichtigen griechischen Exportprodukten (Pauschaltourismus, landwirtschaftliche Erzeugnisse, Reedereien) sehr preissensitiv.

    • @ Wirtschaftswurm: Ich stelle ja nicht in Abrede, dass eine Abwertung die preisliche Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands erhöhen würde und es dem Land leichter machen würde, die Krise zu überwinden (um den Preis einer höheren Inflation durch teurere Importe). Woran ich mich stoße ist die Absolutheit, in der im Spiegel das Phänomen beschrieben wird. Das wird meiner Meinung nach so weit vereinfacht, dass ein Zerrbild der Realität entsteht.

      Ich bin übrigens tatsächlich davon überzeugt, dass Deutschland ein großer Nutznießer des Euro ist (vielleicht muss man angesichts der Milliarden teuren Bailouts sagen: war?). Darauf sollte ich in einem separaten Post vielleicht bei Gelegenheit mal eingehen.

  13. x: hast du schon den neuen spiegel gesehen?
    mh: ja, euro long.
    x: soll ich dir das heft da lassen?
    mh: nein, hab das cover schon gesehen.

    mfg
    ebenselbiger

  14. Allein die Möglichkeit, dass die Gemeinschaft für die Verbindlichkeiten eines Staates eintritt, beruhigte lange die Gläubiger der Schwachen, das denke ich auch. Pauschal-kritisch würde ich das gar nicht sehen. Es hätte ja gut gehen können (schade, ist es nicht). Stattdessen verschärft man das Problem durch weitere Vertrauensstützen.
    Aber wie bewerten wir das jetzt? Wissen wir es besser?
    Und soll das alles nun nicht mehr in Hinterzimmern besprochen werden? Sondern? Thirdbest-Solution wäre dann wohl das Faustrecht.

    Ich hatte meinen Spaß mit dem Text, danke dafür. Gut hinterfragt & differenziert erklärt.

    Nur sehe ich ein anderes Problem: Hätte ich das nicht selbst mal so gelernt, ich hätte leider kein Wort verstanden. Im Blog können Sie sehr viel voraussetzen. Kann der Spiegel das? Soll er? Die wollen Hefte verkaufen.
    Das rechtfertigt keine Fehler; aber Vereinfachungen schon. Dürfen Ökonomen Steine schmeißen, weil Probleme so sehr vereinfacht werden, dass die Lösung falsch ist? Da haben wir unsere eigene Erbsünde, und sie hat uns – ganz positiv gemeint – ziemlich weit gebracht.

    PS: Aristoteles und Casson könnten Sie für die Studenten unter uns ruhig mal nennen, ist ja fast ein Plagiat ;)

    • @ Isabell: Mit Aristoteles hast du vollkommen Recht. Gestern nacht beim Schreiben ging mir kurz durch den Kopf, dass das ein Zitat von irgendjemandem ist, aber ich kam nicht auf den alten Griechen, und zum Googlen war ich zu faul. (Am Rande bemerkt: Welch eine Ironie der Geschichte, dass das ein Grieche war, bei dem Thema…) Habe das im Haupttext ergänzt, sorry. Mit der nächsten Frage mache ich mich vielleicht total lächerlich, aber: Wer ist Casson und wo zitiere ich den, ohne ihn zu nennen?

      Ich habe überhaupt nichts gegen Vereinfachungen – das ist eine der wichtigsten Aufgaben von Journalisten, und in jedem Text von mir finden sich (hoffentlich) jede Menge Vereinfachungen. Ich finde nur, dass es in der aktuellen Titelgeschichte viel zu weit getrieben wird – da wird soweit vereinfacht, dass einfach nur noch ein Zerrbild entsteht, das mit der Realität nur noch zufällig zu tun hat. Soweit, dass es unseriös wird. Kann man ja machen, es gibt andere Medien, die mit diesem Rezept schon lange wirtschaftlich sehr erfolgreich auf dem Markt sind. Vom “Spiegel” sollte man aber anderes erwarten finde ich. Und angesichts der politischen und ökonomischen Brisanz des Thema Euro-Krise / Griechenland-Rettung wird der “Spiegel” m.E. seiner gesellschaftlichen Verantwortung nicht gerecht.

  15. Tja, wo holt der Spiegel seine Leser ab? Was wissen die bereits vorher? Ich fürchte, dass die Erklärungen des Spiegels zwar (für uns) alle etwas arg flach sind, aber für einen großen Teil der Leser durchaus einen gewissen Neuigkeitswert haben. Und diesen durchschnittlichen Leser wird man mit einer Diskussion dieser pauschalisierten Argumente wahrscheinlich überfordern. Bin ich vielleicht etwas zu pessimistisch, was das VWL-Know-How eines Spiegellesers angeht ?

    Generell stimme ich aber zu: Der moderne Journalismus ist leider viel zu viel Geschichtenerzählerei und viel zu wenig Erklärversuch (gerade bei komplexeren Zusammenhängen), zu viel Theater, zu wenig Schule. Der Leser soll sich nicht anstrengen, sondern soll unterhalten werden. Wenn man von Wirtschaft oder IT oder anderen Themen etwas Ahnung hat, klappt einem nicht selten die Kinnlade runter, wenn man die Artikel liest, die diese Sachverhalte “dem Rest der Bevölkerung” vermitteln sollen. Kein Wunder, wenn da niemand mehr was versteht.

    In einer zweiseitigen Geschichte hätte ich u.U. noch etwas Verständnis für eine so verkürzende Darstellung, in der Titelgeschichte, für die man ja Platz hat, ist damit aber eine Großchance vertan (Mario Gomez, ca. 2008 ;-) )-

  16. Sie haben in vielem Recht was Sie schreiben. Nur sollten Sie bedenken, dass bei vielen mittlerweile die Nerven blank liegen, was weniger Raum für Differenzierungen lässt. Daran sind aber nicht unerheblich auch infantil-holzschnittartige Pro-Euro Berichte, wie man sie ebenfalls im Spiegel zumindest der Online-Ausgabe oder auch seinerzeit im Handelsblatt als ihr Chefredakteur zum Kauf von Griechenbonds einlud, fand und findet. Wer von den Euro-Fans räumt denn wie Sie zumindest ein, dass der Euro \möglicherweise ein historischer Fehler\ war?

  17. Touché! Warum haben eigentlich nicht alle Artikel hier dieses Niveau?

    Der Spiegel ergeht sich leider schon lang nicht mehr in Leserinformation. Im Gleichklang mit Spiegel Online sinkt er in die Tiefen des Boulevards. Gern wüsste ich, was die Autoren dieser Story über die Kritik denken. Wir werden es nie erfahren, denn Spiegel-Schreiber kommunizieren nicht. Wie gestrig, wie langweilig, wie verzichtbar.