Schluss mit der Langeweile: Leseliste zur Target2-Debatte

Endlich wieder was zu lesen! (Foto: Lesesaal in der Uni Heidelberg, Foto von Rainer Ebert, Heidelberg, via Wikipedia)

Am Mittwoch veranstaltet das Ifo-Institut in Frankfurt ein Pressegespräch zur Target2-Debatte. Ich kann selbst nicht hin, weil ich an dem Tag in London bin.

Aber ich habe was für alle Kollegen, die den Ifo-Termin wahrnehmen (und natürlich für alle anderen, die sich für das Thema interessieren): eine kommentierte Liste mit sämtlicher mir bekannter Literatur zur Target2-Debatte.

Das ist ziemlich viel Zeug inzwischen – die gute Nachricht ist: Keiner braucht sich mehr zu Fragen, wie er eigentlich am langen Wochenende die Zeit rumkriegen soll :-)

Bestimmt gibt es noch mehr Material, als ich hier im Moment hier aufliste – lasst mich in den Kommentaren wissen, was ich was übersehen habe. Ich möchte die Liste in Zukunft übrigens fortschreiben und freue mich über jeden Hinweis.

Texte  von Hans-Werner Sinn

Hans-Werner Sinn hat eine ganze Reihe von Texten zu seinen Target2-Thesen veröffentlicht. Hier nur eine Auswahl der m.E. wichtigsten Texte. Alle hat das Ifo-Institut auf seiner Webseite unter dem Stichwort “Spezialthema Target-Salden” gebündelt.

“Target-Salden, Außenhandel und Geldschöpfung” Dieser Text aus dem Ifo-Schnelldienst ist der Text, in dem Sinn seine Ideen am ausführlichsten schildert. Es handelt sich um eine lägnere Fassung eines Gastbeitrags von Sinn für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (“Die riskante Kreditersatzpolitik der EZB”).

“Der unsichtbare Bail-Out der EZB” Ein neuerer Text von Sinn, den Sinn für das deutsche Portal “Ökonomenstimme” geschrieben hat.

“EZB lädt Schuldenstaaten zur Selbstbedienung ein” Replik auf meinen Handelsblatt-Text “Hans-Werner Sinns steile Thesen”, in dem Sinn meiner Meinung nach zwei Dinge klarstellt, die ich gar nicht gesagt habe.

“The stealth bailout” Englische Version von Sinns Thesen, veröffentlicht auf Vox.eu. In einem zweiten, später veröffentlichten Text bei Vox (“On and off Target”) geht er auf seine Kritiker ein.

Bundesbank- und EZB-Texte und Äußerungen

“TARGET2-Salden der Bundesbank” Pressemitteilung der Bundesbank vom 22. Januar, in der es heißt: “TARGET2-Salden stellen für die einzelnen nationalen Notenbanken keine eigenständigen Risiken dar.” (Ich frage mich, ob die sich beim Datum vertan haben – wenn das stimmt, wäre diese noch vor dem ersten Bericht der Wirtschaftswoche vom 18. Februar über das Thema erschienen. Die englische Version dieser Pressemitteilung ist mit dem 22. Februar datiert.

Die Entwicklung des TARGET2-Saldos der Bundesbank“ Ausführliche Darstellung der Thematik im Monatsbericht März 2011 der Bundesbank (S. 34/35).

DRAFT REPORT on the Council recommendation on the appointment of the President of the ECB Vor einem Ausschuß des europäischen Parlamentes hat sich auch der designierte neue EZB-Präsident Mario Draghi zur Target2-Debatte geäußert (Question 17). Botschaft: Die Salden spiegeln die Probleme im Bankensystem.

EZB-Chefvolkswirt Stark teilt ordentlich aus Handelsblatt-Artikel über einen Auftritt des EZB-Chefvolkswirten Jürgen Stark, in dem er Hans-Werner Sinn und dessen Target2-Thesen heftig kritisiert.

Jürgen Stark im “Münchener Seminar” zu Target2 – inklusive Erwiderung von HWS. – Es gibt ein Video der Rede (um Target2 geht es ca. Minute 35, Sinn reagiert ab Minute 118), und ich habe die entscheidenden Passagen hier transkribiert. (Vielen Dank an jmg, der mich in einem Leserkommentar  auf dieses Video aufmerksam gemacht hat!)

Banken- und Hochschulvolkswirte zum Target2-Thema

Neu: “TARGET2 Unlimited: Monetary Policy Implications of Asymmetric Liquidity Management within the Euro Area”, von José M. Abad, Axel Löffler  und  Holger Zemanek, CEPS Policy Brief, Juli 2011.  Eine nicht-technische, deutsche Version des Papers findet man bei der Ökonomenstimme,

Neu: “A balance sheet view on TARGET – and why restrictions on TARGET would have hit Germany first”, von Clemens Jobst, VoxEU.org, Juli 2011.

Neu: “Realwirtschaftliche Aspekte der gegenwärtigen Krise im Eurosystem: Ursachen, Wirkungen und Reformansätze”, von Christian Fahrholz und Andreas Freytag, Working Paper on Global Financial Markets, No. 21 (Juli 2011)

Neu: “TARGETing the wrong villain: a reply”, von Willem Buiter, Ebrahim Rahbari und Jürgen Michels, Citigroup Global Economics View (Juli 2011) – Besonders bemerkenswert ist der Brief, den Sinn an Buiter geschrieben hat und den Buiter in dem Paper abdruckt. In den Brief schreibt Sinn:

“Some of your allegations of what I am supposed to have said have no correspondence in my memory Is it possible that they stem from the English writings of a German blogger who masterly twisted my arguments, trying to excite as many journalists and commentators who had no time or capacity to read me in German?”

Neu:“Die deutsche Investitionsschwäche: Die Mär von den Standortprobleme”, von Sebastian Dullien und Mark Schieritz, Beitrag in der aktuellen Ausgabe des “Wirtschaftsdienst”, im Herdentrieb hat Mark Schieritz dazu was kurzes geschrieben.

“Professor Sinn misses the Target” Der Dubliner VWL-Professor Karl Whelan, der selbst 11 Jahre in Notenbanken gearbeitet hat, rechnet mit Sinns Argumenten ab. Er äußert sich auch im Blog “The Irish Economy” (lesenwerte Kommentare!)  und bei Vox.

“TARGETing the wrong villain: Target2 and intra-Eurosystem imbalances in credit flows” Studie des Cit-Chefvolkswirten und ehemaligen LSE-Professors Willem Buiter, in der Sinn deutlich widersprochen wird.

“The economics of  TARGET2 balances” Ausführliches Paper von Ulrich Bindseil (EZB) und Philipp Johann König (TU Berlin), in der den Sinn’schen Thesen massiv widersprochen wird.

“Kein Kapitalabfluss aus Deutschland – Eine Fundamentalkritik an Hans-Werner Sinns Kapitalexport-These” – IMK-Paper von Gustav Horn und Fabian Lindner, beide Autoren widesprechen Sinn heftig. Eine Kurzfassung davon haben Horn und Lindner in der FTD veröffentlicht, Sinn hat darauf eine Replik veröffentlicht. In meinem Blog gibt es zudem einen englischen Brief von Horn und Lindner, in dem sie Martin Wolf widersprechen.

Intra-eurosystem debt“ John Whittaker, Lancaster University, teilt Sinns Sicht, dass letztlich die Bundesbank Kredite an die irische Notenbank gebe. (Ich halte diese Sicht für falsch.)

Paper von Deutsche Bank Research, in dem Sinns These zum Teil gestützt wird.

The Mechanics of Intra Euro Capital Flight
Paper des Deutsche-Bank-Ökonomen Peter Garber dazu, dass das Target2-System Kapitalflucht innerhalb der Euro-Zone leicht macht. Dieses im Dezember 2010 veröffentliche Papier ist eine neuere Fassung einer Arbeit von 2003 von Garber, die den Titel “The target mechanism: Will it propagate or stifle a stage III crisis?” trug und erstmals bereits 1998 veröffentlicht wurde.

Zeitungsartikel und Blogs

“Kritik an Krisenhilfen der Bundesbank” - Die Kollegen der Wirtschaftswoche berichten am 18. Februar 2011 als erste über die Thesen von Hans-Werner Sinn.

“Bundesbank erklärt die 338 Milliarden Euro” – Der erste Blogger, der sich mit dem Thema beschäftigt hat, war Egghat in seinem Blog “Die Wunderbarer Welt der Wirtschaft” – er schrieb am 22. Februar über die Pressemitteilung der Bundesbank. Ironischerweise fängt sein Pionier-Beitrag mit dem Eingeständnis an, er habe “mit Verzögerung” über die Millarden-Forderungen der Bundesbank gebloggt. (Dank an Egghat für diesen Hinweis.)

“Einführung in die Geldpolitik mit Hans-Werner Sinn” - Mark Schieritz (DIE ZEIT) ist meines Wissens der erste Printz-Journalist, der Sinns Thesen kritisch beleuchtet – im Blog “Herdentrieb” am 24. Februar, mit Verweis auf die Pressemitteilung der Bundesbank. Thomas Strobl von Weissgarnix greift Marks Artikel auf. Später schreibt Mark im Herdentrieb in mehreren weiteren Beiträgen über Sinns Irrtümer (Teil II). Weitere Beiträge folgen Anfang Mai und Mitte Juni. “You read it here first”, schreibt er, und er hat vollkommen Recht. Marks Texte waren es, die mich inspirierten, der Sache selbst auf den Grund zu gehen und das Faß nochmal neu aufzumachen.

“Misstrauen lähmt den Geldverkehr” - Meines Wissens war Stefan Ruhkamps Text  in der FAZ der erste Print-Artikel, der sich mit Sinns Argumenten kritisch auseinandersetzte und Target2 im Detail aufdröselte. Für mein Verständnis von der Materie war dieser Text eine sehr große Hilfe.

“The Eurozone’s intolerable choices” – Der international höchst angesehene Financial-Times-Kolumnis Martin Wolf schreibt über Sinns Thesen und stellt sich dahinter. Durch Wolfs Beitrag wird das Thema auch außerhalb Deutschlands diskutiert. Der Reuters-Blogger Felix Salmon steigt ein (und distanziert sich später von Sinn und Wolf), ebenso der Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Krugman. Der Text von Martin Wolf in der FT hat neben den Blogposts von Whelan und mir einige sehr interessante Leserbriefe provoziert, unter anderem von der ehemaligen EZB-Forschungsdirektorin Reichlin, die deutlich widersprach..

“They call that: ‘Monetary Research” – Blogbeitrag des englischen Bloggers Alea, in dem er den Target2-Thesen von Sinn widerspricht. In einem weiteren Text geht Alea dann später noch mal detaillierter auf die Sache ein.

“The Wonkiest Web Debate Ever – Germany’s stealth bailout” - Das viel gelesene Finanical-Times-Blog “FT Alphaville” steigt in die Debatte ein und verwirft Sinns Argumente.

“Pride or profit” – Das britische Magazin  ”Economist” widmet sich im “Economic Focus” dem Thema und kommt zu dem Schluss: Den von Sinn beschriebenen geheimen Bailout gibt es nicht.

Sorry, Professor Sinn, You’re Way Off Target This Time” – Das Wall Street Journal rechnet mit Sinns Thesen ab.

“The ECB and Target2 imbalances” – FT-Blogger Gavyn Davies über die Debatte. Er verwirft die meisten Argumente von Sinn.

“Warum es einen Verdrängungseffekt geben kann” – Der Mannheimer VWL-Professor Hans-Peter Grüner im Handelsblog zur Debatte um das crowding out von Krediten.

“Stealth-Bailout: Why Sinn is Only Partially Right, But Things Might Be Even Worse” – Der Wirtschaftsblogger Lostgen diskutiert in seinem Blog “Verlorene Generation” das Thema und kommt zu dem Schluss: Das Problem liegt nicht bei Target2, sondern bei den Sicherheiten, die die Zentralbanken akzeptieren.

“Sinn hat auch bei Target2 recht”, meint Thomas Strobl und verteidigt (meines Wissens als einziger weit und breit) die Crowding-Out-Thesen von Sinn. Strobl erläutert seine Argumente hier und  hier nochmal und schreibt außerdem als erster über das Garber-Paper (das allerdings bei mir im Blog in einem Kommentar schon lange vorher verlinkt war.)

“Wo Sinn Recht hat  - und wo nicht” – Ökonomie-Blogger Henry Kaspar, Gastautor bei Kantoos Economics, widerspricht teilweise mir, teilweise Sinn.

Neu: “Right on target” - Blogbeitrag des “Rebeleconomist”:

Ein Leser-Kommentar wies mich freundlicherweise auf einen Text in der NZZ zu dem Thema hin. Der scheint online nicht verfügbar zu sein, ich muss mal im Archiv stöbern. Falls jemand einen Link hat, wäre ich dafür sehr dankbar.

Meine eigenen Texte

Alle englischen Posts von mir zu dem Thema finden sich hier, die deutschen sind hier. Die zentralen Beiträge sind:

“Die fragwürdigen Kampagnen des Hans-Werner Sinn” – Damit fing am  30. Mai alles an – die Texte von Mark Schieritz inspirierten mich, endlich mal aufzuschreiben, was mir schon lange zu den öffentlichen Auftritten von Sinn durch den Kopf ging. Ein grundsätzlicher Text, in dem ich auf die Target2-Thesen nur kurz einging und mich auf die Analyse von Mark stützte.

“Targetsalden, Traktoren, Trugschlüsse – HWS hat sich verrannt” – Ich machte den Fehler, mich tiefer in die Target2-Themen einzulesen und war schockiert darüber, wie falsch Sinns Argumente mir erschienen. Im Handelsblog versuchte sich am 3. Juni darzustellen, warum.

“The stealth bailout that doesn’t exist – debunking Hans-Werner Sinn” – Am 6. Juni veröffentlichte ich mit einigem Herzklopfen eine englischsprachige Version meines Textes, die ich auch an Martin Wolf und Felix Salmon mailte. Noch am gleichen Tag rief mich Salmon an und veröffentlichte einen Blog, in dem er sich von seinem Text distanzierte. Was wir beide nicht wussten: Zeitgleich zu mir hatte übers Wochenende Karl Whelan, VWL-Professor aus Dublin, eine Sinn-Kritik veröffentlicht, in der Whelan ganz ähnlich argumentierte. Whelans Text erschien am 7. Juni.

“Professor Sinns steile These” – Am 10. Juni erschien im gedruckten Handelsblatt eine Kurzfassung meiner Sinn-Kritik (Print-Überschrift war: “Durchs Examen gefallen”). EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark empfahl den Text am gleichen Tag öffentlich zur Lektüre, das Ifo-Institut dagegen warnte in einem Leserkommentar auf Handelsblatt.com: “Lektüre des Artikels von Olaf Storbeck ist keinesfalls zu empfehlen”. Am Dienstag nach Pfingsten erschien im Handelsblatt Sinns Replik, in der er mir “demagogisches Talens” attestierte.

Sehr lesenswert sind übrigens die Leserkommentare unter diesem Handelsblog-Text.

Ach ja, und dann gibt es noch einen bloggenden Wirtschaftsphilosophen, der meint, ich hätte nur ein paar einzelne Sätze von Sinn aus dem Zusammenhang gerissen und eine unwichtige Sache aufgebauscht…

Besuchen Sie mein englisches Weblog “Economics Intelligence” und meine neue Facebook-Seite (über “likes” freue ich mich natürlich).

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Alle Kommentare [17]

  1. Wir sollten uns langsam die Frage stellen, ob Abrechnungssysteme, die so kompliziert sind, das man sich auch auf höchsten Niveau auf Dauer mangelndes Verständnis vorwirft, nicht das eigentliche Problem sind.

    Es ist das eine, wenn der tax code so gestrickt wird, das multi nationals über komplexe Konstrukte (e.g. double dutch sandwich) ihre gesamte Steuerlast von 24 % auf 21 % reduzieren, daraus folgen keine Systemkrisen.
    Wenn heute Elementarteilchenphysik Theorien so komplex sind, das es nur ein paar tausend Leute verstehen, und es Schwadronierer schaffen, papers und ne PhD thesis durchzukriegen (e.g. bogdanov), davon geht die Welt auch nicht unter. Genauer gesagt, ausser für die tausend Beteiligten, ist das völlig egal.
    Bei Konten, die 10 %, 50 % des GDPs eines großen Landes ausmachen, ist das aber überhaupt nicht egal, und das muss auch, zumindest in den wesentlichen Zügen, von mindestens ca 5 % der Bevölkerung verstanden werden können.
    Ich habe meinen inneren Schweinehund durch hunderte Seiten Beschreibung von Zentralbankmodellen (e.g. FRB/US, ECB SDGE) durchgeprügelt (I love the smell of differential equations in the morning) und dann versucht das sehr guten tech PhDs mit MBA zu erklären, also sowas wie 0.01 % der Bevölkerung (sicherlich nicht vom privaten Reichtum her), ..l. “Scheitern” ist ein Euphemismus : – )
    Wenn praktisch niemand mehr das System versteht, kann er es auch nicht erklären, verteidigen, und alle bekommen das Gefühl, das das nur noch funny numbers sind.

  2. @ Bernd Klehn

    “Nur die Abweichungen während des laufendes Tages. Am Tagesende werden diese in Forderungen und Schulden gegenüber der EZB umgewandelt.”

    Ja, das war mir schon klar. Und damit bekommt der Vorgang auch einen scheinbar harmlosen Anstrich; Forderungen gegen die EZB als einer über jeden Zweifel erhabene Institution wirken ja viel beruhigender …

    • @jmg: Super, vielen, vielen Dank für diesen Hinweis. Das Video ist wirklich absolut sehenswert, ich habe gerade dazu was gebloggt und die entscheidenden Passagen transkribiert (link)

  3. @ Storbeck

    OK, wenn da so bei der Bundesbank steht wird es schon so sein (etwas seltsam scheint mir nur dass das vor der Krise alles so genau ohne permanente Saldenbildung aufgegangen ist). Dann ist das Problem jetzt offensichtlich dass Core-Europa Banken keinen Kredit and PIGS-Banken geben wollen, egal ob durch Zentralbankgelduebertragung oder sekundare Geldschoepfung. D.h. Zentrabankgled fliesst nur one-way, von der Peripherie zum Core, zur Finanzierung der Importe der Peripherie.

    Mit “Geldhortung” hat das allerdings – scheint mir – weniger etwas zu tun, es ist das Vermeiden riskanter Positionen.

    Gruss,
    HK

  4. @Thomas Ernst

    “Ja, natürlich heben sich die Target2 Salden auf – das ist einfach banale Buchhaltung. Sie sind ja nichts anderes als Forderungen einer nationalen Zentralbank an eine andere nationale Zentralbank.”

    Nur die Abweichungen während des laufendes Tages. Am Tagesende werden diese in Forderungen und Schulden gegenüber der EZB umgewandelt.

  5. ” So, wie ich es verstehe, heben sich die Target2-Forderungen und Verbindlichkeiten in der EZB-Bilanz genau auf, daher weist die EZB sie wohl auch gar nicht im Detail aus. ”

    Ja, natürlich heben sich die Target2 Salden auf – das ist einfach banale Buchhaltung. Sie sind ja nichts anderes als Forderungen einer nationalen Zentralbank an eine andere nationale Zentralbank. Aber damit sind sie nur im Euroraum verschwunden, nicht jedoch zwischen den Euroländern.

    Wenn man in einer x-beliebigen Vermögensbilanz Aktiva und Passiva vergleicht, dann findet man das ebenso – sonst sollte man den Buchhalter sofort rausschmeißen.

    Aber das sagt doch überhaupt nichts darüber aus, wie werthaltig die Positionen sind. Mir ist völlig unverständlich, wieso man einzelne Positionen in Bilanzen völlig langweilig finden kann, nur weil sie sich aufheben. Bilanzanalyse ist nicht einfach; aber überflüssig ist sie nicht.

  6. And there go two hours of work :-( (Für mich, die Liste hier ist besser, also kann ich meine knicken …).

    Die Pressemitteilung der BuBa ist vom 22. Februar, ich hatte damals was dazu geschrieben (als das Thema scheinbar niemanden außer mir und en Querschüssen interessierte):

    http://www.diewunderbareweltderwirtschaft.de/2011/02/bundesbank-erklart-die-338-milliarden.html

    Ich muss ehrlich gesagt gestehen, dass ich die Target 2 Salden gar nicht so spannend finde. Bei einer Bilanzsumme der EZB von 1,9 Billionen Euro kommt es auf die 325 Mrd. auch nicht mehr an … Außerdem bin ich der Meinung, dass die Target 2 Salden in der konsolidierten Bilanz der EZB eh schon drin stecken. Das ist aber nur ein “wild guess”, ich verstehe das alles nicht wirklich.

    Auch bei der deutschen Haftung von 27% der EZB Bilanzsumme schlafe ich schon unruhig. Aber OK, dahinter liegen ja Assets. Und der Großteil davon ist zum Glück auch nicht so ein Single B Schrott wie die griechischen Staatsanleihen …

    • @ Egghat: Danke für diesen Hinweis, habe deinen Text in die Liste mit aufgenommen. Schreibe gleich eh noch eine Mail an die Pressestelle der Bundesbank – dann kann ich sie mal auf das falsche Datum ihrer Pressemitteilung hinweisen.Irgendwie ist der Wurm drin – du bist mir ja schon bei den Twitter-Ökonomen durch die Lappen gegangen, sorry!

      Die Target-Salden sind total langweilig – das Problem ist nur, dass einer der einflussreichsten und medienaffinsten Ökonomen der Republik das total anders sieht und mit Politik-Empfehlungen durch die Lande zieht, die womöglich das Auseinanderbrechen der Euro-Zone herbeiführen würden.

      So, wie ich es verstehe, heben sich die Target2-Forderungen und Verbindlichkeiten in der EZB-Bilanz genau auf, daher weist die EZB sie wohl auch gar nicht im Detail aus.

  7. Sorry to be picky, aber ich glaube in Olaf’s letztem Post stimmt nicht alles.

    Die deutschen Target2-Forderungen gegen das Eurosystem würden in dem Moment verschwinden, in dem deutsche Banken aufhören würden, Zentralbankgeld zu horten und es wie vor der Krise wieder an ausländische Banken zu verleihen.

    Vor der Krise haben deutsche Banken kein Zentralbankgeld an auslaendische Banken verliehen. Ich scheint mir ein entscheidender Unterschied: vor der Krise lieft der europaeische Interbanken-Zahlungsverkehr vor allem ueber sekundaere Geldschopefung, jetzt laueft er bei den PIGS ueber Zentralbankgeld.

    Stell dir vor, du hast ein Konto in Irland und eines in Deutschland. Wenn du dir selbst Geld von Irland nach Deutschland überweist, entsteht in den Notenbank-Bilanzen automatisch eine ZBG-Verbindlichkeit der irischen Notenbank gegenüber dem Eurosystem, und die Bundesbank hat eine ZBG-Forderung.

    Dies passiert nur wenn die irische Bank sich bei der EZB refinanziert und bezahlt indem sie ihre EZB-Einlage an die deutsche Bank ueberweist. Vor der Krise ist all das nicht passiert.

    Gruss,
    HK

    • @HK : Ich stütze mich da auf die Bundesbank, die in ihrem März-Monatsbericht (S.35) schreibt:

      “Der steile Anstieg des TARGET2-Saldos der Bundesbank seit 2007 ist maßgeblich auf die Anspannungen am Geldmarkt und die Probleme im Bankensektor innerhalb des Euro-Raums zurückzuführen. In den Jahren vor der Finanzkrise haben sich die grenzüberschreitenden Zahlungen Deutschlands weitgehend ausgeglichen. In der Zahlungsbilanz fungierte insbesondere die (kurzfristige) Netto-Auslandsposition der Kreditinstitute als eine Art „Ausgleichsventil“. Da wegen der Überschüsse in der
      Leistungsbilanz und häufigen Netto-Kapitalimporten im Wertpapierverkehr regelmäßig die Zahlungseingänge überwogen, waren im kurzfristigen Kreditverkehr der Banken in den meisten Jahren Mittelabfl üsse (Netto-Kapitalexporte) zu verzeichnen.

      Kurzfristig auftretende TARGET2-Postionen bauten sich somit durch private Kapitalfl üsse rasch wieder ab.

      Dies änderte sich in der Finanzkrise. Während deutschen Banken durch den Zahlungsverkehr der Nichtbanken und eigene Geschäfte der Tendenz nach weiter Gelder aus dem Ausland zufl ossen, waren sie krisenbedingt weniger bereit und teilweise auch nicht in der Lage, diese am Interbankenmarkt an ausländische Institute auszuleihen. Statt dessen führten sie – jedenfalls im Aggregat – nach und nach ihre Refi nanzierungsgeschäfte bei der Bundesbank zurück.”

  8. “Im Grunde würden dann die Notenbanken den privaten Zahlungsverkehr konterkarieren.”

    Mit ihrem Kapitalexport-, import zu 1% haben die Zentralbanken den privaten Zahlungsverkehr konterkariert. Sinn fand, dass dieses, wie ich auch, in einem gewissen Rahmen während der Weltwirtschaftskrise erforderlich war. Nur sie haben bei den Konditionen und beim Umfang übertrieben und damit die Schieflage und Leistungsbilanzen prolongiert. Nun ist Holland in Not, das Zentralbankgeld lässt sich in den notleidenden Euroländern ohne sehr sehr schwerwiegende neue Verwerfungen nicht wieder einsammeln. Der geldpolitische Spielraum ist verspielt. Damit die Ungleichgewichte langsam zurückgeführt werden, muss die EZB zur Unzeit den Zinssatz drastisch erhöhen, dieses wird sie mit der Inflationsgefahr begründen, die in den notleidenden Euroländern wahrhaftig nicht geben ist. Die EZB hat sich verrannt.

  9. Sinn hat sich möglicherweise etwas in der buchhalterischen Problematik verheddert sowie auch bei der Kommunikation des Problems aber ihm gebührt der Verdienst den Punkt überhaupt thematisiert zu haben. Nicht Target 2 sondern die Risikoposition der EZB ist das Kernproblem. Das Risiko einer Bank liegt stets im Kreditbuch, nicht in Verrechnungssalden. Ich will es mit einfachen Worten auf den Punkt bringen.

    a) Es gibt Risiko ohne Target 2 Relevanz (der irische Bauer kauft über Kredit bei der Hausbank den Traktor in Irland und die Hausbank refinanziert sich – gegen schwache Sicherheiten – über die irische Zentralbank). Target 2 ist nicht berührt; die EZB aber im Risiko, Deutschland haftet mit 27%.

    b) Es gibt negative Target 2 Salden ohne Risikorelevanz (der solvente irische Bauer kauft gegen cash den Traktor bei einer noch solventen irischen Bank, die noch Zentralbankgeld hat und sich daher keines beschaffen muß. Hier ist Target 2 berührt; die Bundesbank und die EZB aber nicht im Risiko, denn es gab nirgendwo einen Kreditvorgang.

    Man sollte, statt von Kredit, bei den Target 2 Salden vielleicht von Zahlungsaufschub auf unbestimmte Zeit reden; sie werden dann fällig, wenn das Euro-System aufgelöst werden müsste. Beglichen könnten sie ohnehin – solange die Zahlungsströme nicht wieder den umgekehrten Weg einschlagen und dann ein automatischer Ausgleich erfolgt – nur durch die Hingebung von Aktiva zw. den nationalen Notenbanken (z.B. Gold). Aber nochmals: Das Risko liegt einzig und allein im Kreditbuch einer Bank, nicht aber darin, was der Kunde mit dem Geld macht und wo er einkauft. Target 2 mag ein Indiz dafür sein, daß die EZB schwache Sicherheiten für Kredite haben könnte und damit ein Risikoindiz liefern; Target 2 ist aber nicht das Risiko als solches.

  10. Das ist in der Tat sehr viel Stoff, da reicht ein langes Wochenende nicht aus. Mir wurde es irgendwann zu viel, alle Feinheiten der Debatte zu verfolgen. Aus dem Bauch heraus kann ich nur sagen, die Argumente von Sinn erscheinen mir klarer als die Argumente seiner Gegner.
    Wenn die Target-Salden irrelevant wären, nur eine buchungstechnische Angelegenheit, dann dürfte es ja für die irische Notenbank kein Problem sein, die daraus entstehenden Verbindlichkeiten zu begleichen. Aber wie?

    • @ Wirtschaftswurm: Hm, das ist natürlich schade. Auf mich haben Sinns Argumente so lange klar gewirkt, bis ich angefangen habe, mich selbst in die Materie einzulesen. Danach bin ich ziemlich schnell zu dem Schluss gekommen: Der Mann zeichnet ein absolutes Zerrbild.

      Wenn ich dir drei Texte empfehlen darf, dann dieses (nach absteigender Wichtigkeit sortiert und verlinkt)
      Buiter-Papier
      Whelan-Blog
      mein eigener englischer Blogpost

      Die deutschen Target2-Forderungen gegen das Eurosystem würden in dem Moment verschwinden, in dem deutsche Banken aufhören würden, Zentralbankgeld zu horten und es wie vor der Krise wieder an ausländische Banken zu verleihen. Diese Banken müssen nicht in Irland sitzen, sondern können auch in Frankreich, Finnland oder sonstwo sein. In dem Ausmaß, in dem sich der Zahlungsverkehr im Euro-Raum normalisiert, werden auch die Target-Salden wieder ganz von alleine verschwinden.

      Stell dir vor, du hast ein Konto in Irland und eines in Deutschland. Wenn du dir selbst Geld von Irland nach Deutschland überweist, entsteht in den Notenbank-Bilanzen automatisch eine ZBG-Verbindlichkeit der irischen Notenbank gegenüber dem Eurosystem, und die Bundesbank hat eine ZBG-Forderung. Zugleich hat die irische Notenbank eine Forderung gegenüber deiner irischen Bank, und die Bundesbank hat eine Verbindlichkeit gegenüber deiner deutschen Bank. That’s it. Ich sehe nicht, warum man die irische Notenbank dazu bringen sollte, ihre Verbindlichkeit gegenüber der Bundesbank zu tilgen. Im Grunde würden dann die Notenbanken den privaten Zahlungsverkehr konterkarrieren.