Eigentlich bin ich auf dem Weg nach Holland, um die Pfingsttage auf einer Jolle auf Frieslands Seen zu verbringen. Jetzt hänge ich in Schipol vor dem Laptop…
Der Pressesprecher des Ifo-Instituts, Jürgen Gaulke, hat sich mit einem Leser-Kommentar zu dem Artikel “EZB-Chefvolkswirt Stark teilt ordentlich aus“ bei Handelsblatt.com in die Debatte um die Target-Salden eingeschaltet.
In dem Handelsblat.com-Text, den Gaulke kommentiert, berichtet mein Kollege Dirk Heilmann von einem Pressegespräch mit dem EZB-Chefvolkswirten Jürgen Stark, in dem Stark heftig den Sinn’schen Thesen widerspricht. Dirk schreibt:
Stark empfahl insbesondere eine Analyse im Handelsblatt (Freitagausgabe) zur Lektüre, in der Redakteur Olaf Storbeck Sinns Argumente zurückgewiesen hatte.
Gaulke schreibt:
Stellungnahme des ifo Instituts: Es wimmelt in dem genannten Beitrag von Olaf Storbeck von Irrtümern und Halbwahrheiten. Beginnen wir gleich vorne: Prof. Sinn hat nie behauptet (wie das HB in der Unterzeile sagt), dass die EZB einen Geheim-Bail-Out “auf Kosten Deutschlands” betreibe.
Fakt ist: Am 6. Mai 2011 erschien im Handelsblatt ein Gastbeitrag von Sinn mit der Überschrift “Die heimlichen Kredite”, am 1. Juni 2011 publizierte Sinn auf der englischen Ökonomen-Plattform einen Text mit der Headline “The ECB’s stealth bailout”. Das Online-Wörterbuch Leo.org übersetzt “Stealth” mit “Heimlichkeit”, der “stealth bomber” ist der Tarnkappenbomber.
In einem Gastbeitrag für die “Süddeutsche Zeitung schrieb Sinn am 2. April 2011:
“Vor allem aber gaben einzelne Zentralbanken, an erster Stelle die Bundesbank, den Zentralbanken der GIPS-Länder über die EZB in gigantischem Umfang Kredite, um den versiegenden privaten Kreditfluss zu ersetzen. Dies geschah unter der technischen Bezeichnung ,Target-2-Salden’ von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, ohne Mitwirkung parlamentarischer Gremien und ohne Spuren in der Bilanz der EZB zu hinterlassen. (Hervorhebung durch mich)”
Und im “Ifo Schnelldienst” beschrieb Sinn die Sache so:
“Der Kreditersatz war ein Bail-out durch die Staatengemeinschaft, lange bevor die Parlamente davon wussten.(Hervorhebung durch mich)”
Fassen wir zusammen: Sinn hat über ”heimliche Kredite ” und einen “Tarnkappenbailout” geschrieben, der ohne Mitwirkung parlamentarischer Gremien, ohne Spuren in der EZB-Bilanz und weitegehen unbemerkt von der Öffentlichkeit stattfand. Aber er hat nie behauptet, dass die EZB einen Geheim-Bail-Out betreibt? Herr Gaulke, ich kann ihnen nicht ganz folgen.
Gaulke schreibt weiter:
Richtig ist, dass Prof. Sinn gesagt hat, dass die Bundesbankbilanz eine riskante Kreditersatzpolitik an die angeschlagenen GIPS-Staaten aufzeigt. Die Kosten dieser Politik trägt jedoch die EZB, also Deutschland nur mit seinen Kapitalanteil von 27 Prozent (bzw. 33 Prozent nach Herausrechnung des Anteils der GIPS-Länder), so Prof. Sinn u.a. in seinem großen Artikel vom 2.4.2011 in der Süddeutschen. (Er findet sich wie die anderen Beiträge Prof. Sinns auch auf der Homepage des ifo Instituts.)
Fakt ist: Auf die Haftung bei eventuellen Verlusten aus Target2-Forderungen gehe ich gar nicht ein. Sie werden, wie Gaulke richtig schreibt, vom gesamten Eurosystem getragen. Hans-Werner Sinn musste das in den vergangenen Monaten allerdings erst lernen. In der Wirtschaftswoche, die am 18. Februar 2011 als erstes Medium über Sinns Thesen berichtete, sagte der Ifo-Chef noch:
“Dieser ungebremste Anstieg der Schulden des Euro-Raums gegenüber der Bundesbank ,macht Fachleute fassungslos’, sagt ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. “Wenn Länder, deren Banken die Kredite gegeben wurden, zahlungsunfähig werden, haftet Deutschland.”
Meine Formulierung, der Geheim-Bailout gehe laut Sinn zu Lasten Deutschlands, bezieht sich auf seine Argumentation rund um die Kreditvergabe. So schreibt Sinn in seinem Artikel “Target-Salden, Außenhandel und Geldschöpfung” im Ifo-Schnelldienst:
Die Target-Salden sind aber nicht null, sondern sie wuchsen zuletzt um knapp 100 Mrd. Euro im Jahr. Ohne die Kredite der Bundesbank hätte die Wirtschaft der GIPS-Länder schon lange die harten Budgetbeschränkungen des Marktes gespürt und sich nolens volens mit einer drastischen Verringerung des Kreditflusses abfinden müssen. Die Leistungsbilanzdefizite hätten sich dementsprechend automatisch verringert, und mehr wirtschaftliche Aktivität hätte sich in die bisherigen Kapitalexportländer verlagert, allen voran Deutschland. (Hervorhebung durch mich.)
Sinn schreibt zudem, aufgrund der Target-Transaktionen müsse die Bundesbank “auf eine innerdeutsche Kreditvergabe zugunsteneiner Kreditvergabe über die irische Notenbank” verzichten. Wenn es so wäre, wäre das positiv oder negativ für die deutsche Wirtschaft?
Halten wir fest: Der angebliche Bail-out verhindert laut Herrn Sinn, dass sich mehr wirtschaftliche Aktivität nach Deutschland verlagert. Aber Herr Sinn hat nie behauptet, dass er zu Lasten Deutschlands gehe. Herr Gaulke, auch hier kann ich ihnen nicht folgen.
Gaulke schreibt weiter:
Damit ist der Großteil des Storbeckschen Beitrags (bis in die letzte Spalte hinein) schon in sich zusammengefallen. Zum Rest des Inhalts und den anderen Umständen dieses verunglückten Meinungsbeitrags werden wir uns an anderer Stelle äußern. In jedem Fall ist die Lektüre des Artikels von Olaf Storbeck keinesfalls zu empfehlen. Wir empfehlen die Lektüre des Originals.
Ich hätte nicht gedacht, dass ich mit dem Ifo-Institut nicht nur über ökonomische Zusammenhänge debattiere, sondern auch über die deutsche Sprache…
PS: Willem Buiter, Chefvolkswirt der Citi Group und ehemaliger Professor der London School of Economics, hat sich heute auch in der Causa Target2 zu Wort gemeldet. Mehr dazu hier.
Update: Der Ifo-Pressesprecher Jürgen Gaulke bat mich klarzustellen, dass es sich bei dem Leser-Kommentar auf Handelsblatt.com nicht um seine Privat-Meinung handelt, sondern um eine offizielle Stellungnahme des Ifo-Instituts.
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5 Kommentare zu ““Lektüre des Artikels von Olaf Storbeck ist keinesfalls zu empfehlen””
In dem Artikel ‘EZB-Chefvolkswirt Stark teilt ordentlich aus’ muss ich folgende Aussage des EZB-Chefvolkswirts lesen:
‘Die wachsenden Zahlungsströme in Target 2 reflektierten lediglich die wachsende Integration innerhalb der Währungsunion.’ Die seit den Jahr 2007 explodierenden TARGET2-Salden sind ein Integrationsphänomen und haben rein gar nichts mit der seither ausgebrochenen Euro Krise zu tun? Sollte Herr Stark diese Meinung ernsthaft vertreten, dann muss man ernsthafte Zweifel an seiner Kompetenz haben und sich fragen, ob er der geeignete Mann für diesen Job ist.
[...] Olaf Storbeck wurde nun vom Ifo-Institut gerwissermaßen „persönlich“ kritisiert. [...]
HWS zu kritisieren, das ist ja auch Blasphemie. Lassen Sie das bitte sein, Herr Storbeck, sonst wird Sie der Zorn Gottes ereilen!
Lieber Herr Storbeck,
wenn Sie Herrn Sinn, gegen den Sie scheinbar persönliche Abneigungen hegen, sachlich und fundiert attackieren wollen, müssen Sie sich schon wärmer anziehen. Ihr Handelsblatt-Artikel von vergangenem Freitag war wissenschaftlich niveaulos und unredlich. Mich wundert, dass Herr Sinn darauf (wenn auch deutlich und zugleich amüsant) eingegangen ist.
Gruß aus der Wirklichkeit,
A. Carstens
[...] zur Lektüre, das Ifo-Institut dagegen warnte in einem Leserkommentar auf Handelsblatt.com: “Lektüre des Artikels von Olaf Storbeck ist keinesfalls zu empfehlen”. Am Dienstag nach Pfingsten erschien im Handelsblatt Sinns Replik, in der er mir [...]