Im Schutze der Anonymität

Prognosen sind eine schwierige Sache – erst Recht, wenn sie die Zukunft betreffen. Dieser gern zitierte Spruch ist spätestens seit der Finanzkrise in aller Munde.

So hatte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) beispielsweise Anfang Oktober 2008 noch für das Jahr 2009 einen Anstieg des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von einem Prozent erwartet. Der damalige DIW-Chef Klaus Zimmermann sagte:

“Wir gehen davon aus, dass eine Eindämmung der Finanzkrise gelingt.”

Was tatsächlich geschah, ist bekannt: Das BIP stürzte um knapp fünf Prozent ab. Und die Realwirtschaft war – ganz anders als es das DIW und viele andere erwartet hatten – in erheblichem Umfang betroffen.

Die Auguren haben dadurch erheblich an Glaubwürdigkeit verloren. Das DIW traute sich im Frühjahr 2009 dann gar keine Prognosen mehr zu und schrieb:

In der gegenwärtig noch immer anhaltenden Situation extrem großer Unsicherheiten sei eine quantitative Prognose für das nächste Jahr derzeit nicht sinnvoll, so das Institut in einer heute veröffentlichten Erklärung. „Seit der Verschärfung der Finanzkrise laufen alle Vorhersagen der tatsächlichen Entwicklung drastisch hinterher“, sagte DIW-Präsident Klaus F. Zimmermann. „Sämtliche Prognostiker – das DIW Berlin inbegriffen – haben die Entwicklung in all ihrer Dramatik so nicht vorausgesehen. Die Makroökonomik befindet sich in einem Erklärungsnotstand.“

Immerhin, der ein oder andere sogenannte Experte hat damals etwas an Zurückhaltung gewonnen. Die Unsicherheit, mit der Punktprognosen stets behaftet sind, betonen sie seither stärker und verkaufen sie nicht mehr als Wahrheiten. Zudem ist die Aufgeschlossenheit von Volkswirten und der Öffentlichkeit für neue Methoden offenbar gewachsen.

Manchmal sähen Experten vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Das hat ein angesehener Konjunkturexperte, der Deutschland-Chefvolkswirt von Unicredit, Andreas Rees, einmal im Gespräch mit dem Handelsblatt zugegeben. Er sagte auch:

“Wer nicht jede kleine Veränderung beachtet, sieht das große Ganze vielleicht manchmal besser.”

Genau darauf setzen sogenannte Prognosebörsen. Sie basieren auf der Idee, dass viele Laien besser als ein Experte prognostizieren. Wer Interesse an Makrodaten hat und informiert ist, kann hier, im Schutze der Anonymität, Vorhersagen abgeben. Wer weiß, vielleicht traut sich der ein oder andere hier eher Prognosen abseits des Mainstreams zu oder steht unter keinen Zwängen, sich entsprechend der “Linie des Hauses” zu äußern.

Das Handelsblatt unterstützt diese Idee und hat ein Experiment gewagt. Gemeinsam mit dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW), dem Institut für Informationswirtschaft- und management und dem Forschungszentrum Informatik, die beide dem Karlsruher Institut für Technologie angegliedert sind, ist eine Plattform entstanden. Dort handeln die Teilnehmer für Deutschland

  1. die Zahl der Arbeitslosen
  2. die Inflationsrate
  3. das Bruttoinlandsprodukt
  4. die Bruttoanlageinvestitionen
  5. den Export
  6. und seit einigen Monaten auch den Ifo-Geschäftsklimaindex.

Vergangenen Herbst begann bereits die zweite “Runde”. Jeden Tag werden im Durchschnitt mehr als hundert Order abgegeben, hat das KIT gerade ausgewertet. Besonders beliebt sind bei den Händlern die Inflationsrate und der Arbeitslosenzahl, zeigen überdurchschnittlich viele Prognosen.

Eine Zwischenauswertung des KIT zeigt auch: Die Ergebnisse der Börse werden immer besser, die Prognosen immer treffsicherer. Je näher die Veröffentlichung der amtlichen Zahl jeweils rückt, je mehr Informationen die “Masse” also hat, desto besser werden ihre Prognosen an der Börse.

Diese Grafik zeigt, wie treffsicher die Prognose funktioniert:

Neugierig? Einfach mitmachen
Für sachliche Kritik und Anregungen ist das Prognosebörsenteam offen.

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Alle Kommentare [1]

  1. Für mich stellen Prognosen kein Problem dar.
    Ich sehe in die Kugel und ich sehe eine große Explosion.
    Jetzt günstig in Rüstungsaktien einsteigen.