Jens Boysen-Hogrefe, Ökonom am Kieler Institut für Weltwirtschaft, weist in einem neuen Paper auf einen wichtigen Punkt im Zusammenhang mit der Euro-Krise hin, der in der deutschen Diskussion leider fast immer übersehen wird’:
Selbst, wenn die Euro-Zone einen funktionierenden Frühwarnmechanismus für unsolide Staatsfinanzen gehabt hätte, hätte das nicht viel geholfen.
Vor der Krise (…) sahen die Staatsfinanzen von Spanien oder Irland nahezu mustergültig aus, gemessen am Stabilitäts- und Wachstumspakt. Selbst in Griechenland gab es Jahre, in denen der Schuldenstand gesunken ist.
Boysen-Hogrefe greift einen Gedanken auf, der mir schon länger durch den Kopf geht: Das Moral Hazard-Problem – das Phänomen, dass Regierungen auf den Bailout spekulieren und daher unsoliche wirtschaften – wird mit Blick auf den Bailout der Krisenstaaten wahrscheinlich stark überschätzt.
Denn:
“Die Länder haben nicht mit Aussicht auf einen möglichen Bail-Out verantwortungslos gewirtschaftet, sondern sind durch die extreme Belastung ihrer Haushalte in der Krise in die massive Verschuldung geschlittert. Boysen-Hogrefe belegt anhand der Veränderungen der Renditedifferenzen, dass auf den Märkten erst ab Herbst 2008 und dann nur in geringem Ausmaß auf den Bail-Out-Anreiz reagiert wurde.”
Hinzu kommt, dass die Situation in Griechenland und Irland ja trotz Bailout nicht gerade rosig ist – die Regierungen müssen dort einen Austeritätskurs fahren, der für die Bevölkerung extrem schmerzhaft ist.
Die Politik ist überaus unpopulär und wird noch der ein oder anderen Regierung das Amt kosten. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich Politiker in anderen Ländern das zum positiven Beispiel nehmen und bewusst eine halsbrecherische Haushaltspolitik fahren, weil sie wissen, dass ihnen der Rest der Währungsunion im Fall der Fälle aus der Patsche hilft.
Genauso argumentiert auch Boysen-Hogrefe:
Durch die zahlreichen Konditionen des Rettungsschirms, ist es nicht sonderlich erstrebenswert, diese Hilfen in Anspruch zu nehmen und die politischen Kosten sind hoch. (…) Mit beidem verbunden ist eine gewisse Unsicherheit darüber, ob die Konditionen fortlaufend erfüllt werden und der Rettungsschirm tatsächlich dauerhaft funktioniert. Dadurch bleibt auch die Gläubigerhaftung intakt.
Nun mag man einwenden, dass die Regierungen, die die Probleme verursachen, gar nicht mehr im Amt sind, wenn alles zusammenbricht. Dieses Argument gilt aber unabhängig davon, ob es einen Bailout gibt oder nicht. Wenn, dann führt die Hoffnung auf einen Bailout dazu, dass die Risikoaufschläge an den Finanzmärkten geringer sind – dank der implizieten Garantien können sich die Länder womöglich etwas günstiger verschulen.
Wie relevant aber ist dieses Argument in der Praxis? Schwer zu sagen. Im Moment zumindest scheint es außer Kraft gesetzt zu sein: die Problem-Staaten zumindest enorme Risiko-Aufschläge zahlen, obwohl es einen Bailout gibt.
Alles in allem lautet meine Schlussfolgerung: Die Angst vor Moral Hazard sollte uns nicht davon abhalten, einen Zusammenbruch des Euro zu verhindern – und den Pleitestaaten aus der Patsche zu helfen.
Besuchen Sie auch meinen englischen Ökonomie-Blog “Economics Intelligence”
>> One year on – Top 10 posts on “Economics Intelligence”
>> Economists of the World, unite! You have Nothing to lose but your models
>> What our driving reveals about our character











5 Kommentare zu “Bailouts in Euroland: Moral Hazard wird überschätzt”
dazu zwei dinge:
a) dass die griechenland-zahlen gut aussahen… sorry, aber die waren gefälscht. das kann man nicht ausgangslage nehmen.
b) natürlich strebt kein staat den bailout an. das halte ich ebenfalls für quark. bei banken ist es da anders, wobei das problem auch hier nicht die rettung ist, sondern die vorher kassierten boni .. es ist einfach niemand verantwortlich aber die möglichkeit zur bereicherung ist vorhanden.
das ist etwas tricky in der beweisführung.
———————————–
das problem mit dem bailout ist ein anders: er löst die probleme nicht sondern verschärft sie, da der gleiche blödsinn wieterfinanziert wird und im gegenzug versucht wird eine veränderung zu erzwingen, für die es jahre, wenn nicht gar jahrzehnte bräuchte.
deswegen bin ich für den default bei gleichzeitiger systemanpassung. das lässt sich besser dem volk verkaufen, das land bekommt eine chance und die kosten belaufen sich über die zeit hinweg in ähnlichen regionen.
die bailout folgen für die jeweiligen bankensysteme sind dabei beabsichtigt. sie ermöglichen eine regulierung der dann schwachen bankenlobbys.
die alternative ist die transferunion. aber auch die geht nicht ohne wirtschaftliche steuerung. der finanzierungskram ist mE jedenfalls auch kein bailout in dem sinne… die schwerkraft zieht ja trotzdem noch, siehe eben griechenland.
mfg
mh
[...] Storbeck weißt im Handelsblog auf ein Paper von Jens Boysen-Hogrefe hin. Tenor ist, dass die Rolle von [...]
Herr Storbeck,
Gerade Sie müssten wissen: selbst wenn Griechenland Staatsbankrott anmelden würde – der Euro würde deswegen nicht zusammenbrechen. Und der “Moral Hazard” ist selbstverständlich keine Gefahr in Bezug auf die Regierungen , sondern auf die Anleger. Die können auch weoterhin ungestraft auf unsere Rettungspakete spekulieren.
@jweidert: naja so ganz richtig ist das aber auch nicht. aus dem handel heraus kann ich dir zumindest versichern, dass griechenlandanleihen atm trotz aller bekundungen keine kaufenswerte angelegenheit sind.. denn der haircut, so er denn kommen möge (hohe wahrscheinlichkeit) müsste bei 60-70% (auf den nominalwert bezogen) liegen um das sinnvoll sein zu lassen.
d.h. selbst bei aktuellen kursen ist das keine sinnvolle option (bis zu 50% verlustrisko, welches mit hoher wahrscheinlichkeit eintritt bei nicht mal so hoher rendite)… da kann man mit aktien, bei weniger risiko eine ähnlich gute rendite erzielen. das ist auch alles insofern keine option, als dass die kapitalflucht in griechenland anhält.
die mischung ist: politische unsicherheit im inneren, ein streikendes volk im inneren, hoher spardruck aus dem ausland, kapitalflucht aus dem inneren.. und geldpolitisch kein handlungsspielraum.
ich hielt griechenland vor einem jahr bei ca. 110% verschuldung am bip für sanierbar. das ist ja auch geschichte… trotz aller getroffenen maßnahmen wird das nix und weitere kredite erhalten zwar das system, aber sie sanieren da nix. zu den aktuellen zinsen ohnehin nicht. das zeitfenster ist zu.
da bleiben nur noch die CDS und das ist keine positive spekulation. ;P
mE nimmt der markt hier die entwicklung vorweg .. nämlich dass es keine chance darauf gibt, dass man per griechenland einen moral hazard überhaupt noch organisieren könnte. schwerkraft zieht. immer.
die ausnahmen sind privatleger die den regierungen glauben und durchgeknallte hedgefonds, die mit extrem hohem risiko nach dem ultimativen deal gieren.
kann man beides machen, aber nicht bei seriöser anlagestrategie.
mfg
mh
[...] Olaf Storbeck: Bailouts in Euroland: Moral Hazard wird überschätzt [...]