Die US-Geldpolitik und der Rest der Welt

Ist die nach wie vor lockere  Geldpolitik in den USA ein Irrweg oder genau richtig? Mein Kollege Dirk Heilmann, unser Chefökonom, und ich sind bei dieser Frage uneins. Dirk kritisierte den Kurs der Fed in einem Leitartikel hart, worauf ich den armen Ben ein bisschen verteidigt habe.

Dirk und  das Wirtschaftsblog Lost Generation haben mit ähnlichen Argumenten auf meinen Blogpost reagiert. Eines ihrer Kernargument ist, dass die importierte Inflation in den USA letztlich gar nicht importiert sei, weil die expansive Geldpolitik der Amerikaner in Boom in China anheize, der die internationalen Rohstoffpreise und damit die Inflation in den USA  beflügelt.

Bei Dirk liest sich das  so:

Das Problem ist eben, (…)  dass Bernankes extrem lockere Geldpolitik weltweit über spekulative Zuflüsse amerikanischen Anlagekapitals in die Rohstoffmärkte und manche Immobilienmärkte der Schwellenländer die Inflationsraten vor allem in den wachstumsstärksten Ländern in die Höhe treibt. Diese Inflation importieren die USA vor allem über die Energiepreise.

Lost Gen schreibt:

Die USA importiert keine Inflation, sondern exportiert netto welche – un zwar nach China. Das ist genau der Grund, warum die massiven Konjunkturprogramme wenig Auswirkungen auf das nominale BIP haben. China absorbiert einen großen Teil der frisch gedruckten Dollars mit frisch gedruckten Yuan. Die Inflation, welche die Fed erzeugen wollte, entsteht so in China statt in den USA.

Mir kommen dazu zwei Dinge in den Sinn.

  1. Natürlich stimmt es, dass die Geldpolitik der USA Auswirkungen auf die Schwellenländer hat – unter anderem dank Carry Trades, die zu massiven Kapitalzuflüssen in Schwellenländer führen, gegen die sich die Staaten wie Brasilien mit Kapialverkehrskontrollen schützen wollen.Keine Frage, diese Kapitalzuflüsse sind  für Schwellenländer brandgefährlich. Sie bergen das Risiko neue Blasen – vor allem auf dem Finanz- und Immobilienmarkt.

    Aber sind diese Finanzströme für die hohen Rohfstoffpreise verantwortlich? Ich bin überzeugt: Nein. Die gigantische Nachfrage nach Öl, Eisenerz und allen anderen Rohstoffen in China entsteht doch nicht in erster Linie dadurch, dass die USA Dollar drucken.

    Grund ist ein fundamentaler wirtschaftlicher Aufholprozess in diesen Ländern – China macht im Zeitraffer eine industrielle Revolution durch wie Europa und die USA sie im 19. Jahrhundert erlebt haben. Klar, würde der Westen in einer tiefen Dauerstagnation oder gar einer zweiten Großen Depression versinken, dann würde auch die Entwicklung in China gebremst. Aber die Geldpolitik der USA ist doch weder eine notwenige noch eine hinreichende Bedingung für den Boom in China und den anderen Schwellenländern.

  2. Kann man der Fed vorwerfen, die internationalen Rückwirkungen ihrer Geldpolitik zu ignorieren? Ich glaube: Nein. Die US-Notenbank ist der Preisniveaustabilität und der Beschäftigung in den USA verpflichtet, und nichts sonst. Ben Bernanke kann und darf keine Rücksicht nehmen auf den Kollateralschaden, den sein Kurs im Rest der Welt anrichtet.Das Argument, die Fed solle doch bitteschön international denken, erinnert mich an die Kritik, die viele internationale Ökonomen an der deutschen Lohnpolitik üben. Der Rest der Welt wirft uns vor, dass wir uns durch die massive Lohnzurückhaltung in der Industrie Wettbewerbsvorteile zu Lasten der anderen Euro-Länder verschaffen.

    Ich denke, an dem Argument ist was dran. Trotzdem ist es naiv zu fordern, dass deutsche Unternehmen freiwillig Nachteile in Kauf nehmen, um dem Rest der Welt etwas gutes zu tun.

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Alle Kommentare [5]

  1. Danke für die rege Diskussion.

    @mh: Die grundsätzliche Frage ist: Reden wir über die Welt, wie sie ist; oder reden wir über die Welt, wie sie sein sollte. Im ersten Fall würde ich dir weitgehend Recht geben; im zweiten eher nicht. Da bin ich ganz bei Valorian.

    Jede Wirtschaftsmacht, ob es die USA, China oder die EU ist, hat in erster Linie ihre eigenen Interessen im Sinn – ob einem das gefällt oder nicht. Und gemessen an den Interessen der USA ist die Geldpolitik der Fed meines Erachtens richtig.

    @lostgen: Erstmal was technisches: Der erste Kommentar eines Nutzers muss von uns freigeschaltet werden (Spam-Schutz), daher war der erstmal nicht erschienen. Ich habe das 2. Posting daher mal in den Papierkorb verschoben.

    @kyiannos: Ich sehe es weitgehend wie sie – Deutschland macht eine (zu) egoistische Wirtschaftspolitik, die zu Lasten der EU geht.

    Was die Inflation in China betrifft:

  2. @ mh

    Durchaus gut argumentiert, aber ganz Ihrer Meinung bin ich trotzdem nicht und ich möchte gerne darlegen warum und was ich bei dem Blogeintrag von Herrn Storbeck durchaus richtig finde:

    Ad 1) Es ist durchaus strittig, ob die lockere Geldpolitik oder die “normale” stärkere Nachfrage der Schwellenländer die Rohstoffpreise so treiben. Wahrscheinlich wird es beides zusammen zu gewissen Teilen sein, aber das größere Gewicht würde auch ich dem Rohstoffhunger der Schwellenländer zuschreiben. Auch die Finanzmärkte treiben die Rohstoffe, klar, durch vermehrte Flucht aus den Papierwährungen und die aktive Suche nach einem sicheren Anlageobjekt (als das Rohstoffe oft gesehen werden). Dieser Effekt aber ist auf die Krise, deren Verwerfungen sowie auf die aufgelaufenen Schulden und die Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung in den Industrieländern zurückzuführen und nur zu einem sehr geringen Teil auf die Poltik der Fed oder EZB. Auch bei 1-2% würde dieser Trend anhalten, der Zins müsste schon sehr hoch sein um ihn zu brechen (was wiederum unweigerlich die Wirtschaft abwürgen würde).
    Somit bin ich da schon eher bei Herrn Storbeck….

    2) Ich stimmte Ihnen “mh” darin zu, dass die USA nachdem sie jahrzehntelang das Privileg einer Leitwährung genossen haben, jetzt nicht einfach sagen sollten “our currency, your problem”. Aber wie wir wissen haben sie das schon einmal getan und werden es wieder tun….. Die Welt ist aber meines Erachten bist zu einem gewissen Grade auch selbst schuld. Man hätte durchaus auch nach dem Ende von Bretton Woods ein neues vernünftiges Währungssystem entwickeln und umsetzen können, aber man lehnte sich lieber zurück und benutzte den Dollar. Nun haben wir den Salat.
    Die Schwellenländer leiden zum Teil darunter, durchaus wahr. Aber manche extreme Beispiele (China!) sind da wirklich zu einem großen Teil selbst schuld, denn die gesamte Inflationsdynamik im Reich der Mitte ließe sich sofort einfangen, wenn man den Wechselkurs freigeben würde (ja so pülötzlich geht das nicht, aber man hätte es ja auch die letzten Jahre schon engagierter vorantreiben können…..). Selbst wenn sich die Fed “verantwortungsvoll” verhalten würde und die gesamte Welt im Blick hätte, könnte sie niemals eine halbwegs adäquate Geldpolitik gleichzeitig für die größte aber anämisch wachsende und deflationsgefährdete Volkswirtschaft und die zweitgrößte, rasant wachsende und inflationsgeplagte Volkswirtschaft….. Das passt einfach nicht zusammen und durch den fixierten Wechselkurs importieren die Chinesen unweigerlich die US-Geldpolitik voll und ganz.
    Bei dem verstärkt nötigen Verantwortungsgefühl von internationalen Konzernen und Organisationen bin ich aber natürlich ganz bei Ihnen “mh”!

    Insofern kann ich die Argumente von Herrn Storbeck durchaus nachvollziehen. Für Kritik und Anregungen bin ich immer offen :).

    Mit freundlichen Grüßen

  3. Die Fed ist nicht verantwortlich für die hohen Inflationsraten in China. Grund hierfür ist die Währungsbindung zwischen Yuan und Dollar und die steuert China selbst. Man kann der Fed ihre expansive Geldpolitik daher nicht vorwerfen. Ich würde sie ihr sogar empfehlen solange China die Währungskoppelung aufrecht erhält. Sollte der Yuan entkoppeln und steigen, so erwarte ich den Kurswechsel.

    Und ja es stimmt: Die Fed ist für die USA und den Dollar zuständig, nicht für den Rest der Welt. Sicher ist sie nicht für die weltweit gestiegenen Rohstoffpreise verantwortlich. Nur für den Preisanstieg gemessen in Dollar fällt in ihren Zuständigkeitsbereich. In Euro gemessen ist Gold schon seit einem Jahr nicht mehr merklich gestiegen. Das ist das Resultat der EZB-Politik und der Beweis, dass nicht nur die globale Nachfrage für steigende Preise sorgt. Bei Industrierohstoffen ist anders. Die sind auch in Euro gestiegen und dies liegt an der gestiegenen Nachfrage. Aber auch die gestiegene Nachfrage ist teilweise Resultat spekulativer Einlagerungen.

    Fazit: Auch wenn ich eigentlich kein Freund von Zentralbanken und ungedeckten Geld bin, aber in dieser Situation der unerwünschten Umarmung durch China ist das klar ein Vorteil. Würde die Fed nicht so eine expansive Politik fahren wären die USA in tiefer Deflation, weil die Inflation gegen den Willen der USA exportiert wird.

  4. Sie schreiben ……. Das Argument, die Fed solle doch bitteschön international denken, erinnert mich an die Kritik, die viele internationale Ökonomen an der deutschen Lohnpolitik üben…Der Rest der Welt wirft uns vor, dass wir uns durch die massive Lohnzurückhaltung in der Industrie Wettbewerbsvorteile zu Lasten der anderen Euro-Länder verschaffen…..
    Nur mein lieber Kollege die Fed interessiert fuer die Preisniveaustabilität und der Beschäftigung in den USA, anstatt Deutschland interessiert mehr fuer Deutschland als fuer ganz Europa obwohl die EU das gleiche waerungsystem hat. Deswegen der Rest der Welt macht diese Feststellung ueber die Lohnpolitik Deutschlands. Wie sie feststellen koennen es ist ein grosses Unterschied.

  5. besonders 2. finde ich extrem kurzsichtig in einer globalisierten welt und in bezug auf geldpolitik. der dollar ist als weltreservewährung ein machtinstrument, das die usa gerne nutze und das ihnen dieses hohe ausmaß an verschuldung, für waffentechnische aufrüstung und damit militärische überlegenheit, erst ermöglichte .. nun damit herzukommen und jegliche veranwortung abzulehnen, die auch hinter dem status einer weltreservewährung steht .. puh, da wird mir schlecht.

    aber das ist genau die denkweise, wegen derer globalisierte unternehmen, und banken, immer noch regierungen gegeneinander ausspielen können und somit den gesellschaften ihr diktat aufdrücken.

    damit habe ich dann tatsächlich ein problem, da das instrument den nutzer bestimmt .. und in dieser argumentationskette, hat 2. auch gar nichts zu suchen, denn das ist kein argument, sondern eine sichtweise.

    sichtweise sind, im ökonomischen, seit jeher ein problem, denn sie führen zu dogmen und nicht zu lösungsorientiertem handeln. das ist wie religion.

    ansonsten ist es übrigens unstrittig und viel mehr ein thema, dass die niedrigen zinsen und das quantative easing die rohstoffe treibt. china ist da nur ein akteur. hedgefonds und sonstige markteilnehmer sind andere .. da liegt der hase im pfeffer und damit ist die verantwortung durchaus bei den notenbanken .. auch und gerade bei der fed.

    mfg
    mh