Bernankes “richtigen Weg” hatten wir schonmal – an den Folgen leiden wir noch heute

Nachdem sich mein lieber Kollege Olaf Storbeck veranlasst sah, meinem Leitartikel im Handelsblatt zu Inflation und Geldpolitik wortreich zu widersprechen, kann ich mir meinerseits eine Replik nicht verkneifen. Olafs Argumente, warum Ben Bernanke doch auf dem richtigen Weg sei, haben mich nämlich wiederum nicht überzeugt.

Sie hätten mich nachdenklicher gestimmt, wenn die USA eine Insel wären. Aber das sind sie bekanntlich nicht. Sie sind ein maßgeblicher Bestandteil der globalen Wirtschaft und die Heimat der größten Kapitalmärkte. Darum führt es am Kern des Problems vorbei, die Wirkungen der US-Geldpolitik nur auf die US-Wirtschaft zu betrachten. Das Problem ist eben, wie ich im Leiter beschrieben habe,  dass Bernankes extrem lockere Geldpolitik weltweit über spekulative Zuflüsse amerikanischen Anlagekapitals in die Rohstoffmärkte und manche Immobilienmärkte der Schwellenländer die Inflationsraten vor allem in den wachstumsstärksten Ländern in die Höhe treibt. Diese Inflation importieren die USA vor allem über die Energiepreise. Das schwächt wiederum den privaten Konsum, weil die Amerikaner mehr Geld an den Zapfsäulen lassen müssen. Ausgerechnet die durch diese Wirkungskette verursachte Dämpfung des US-Wirtschaftswachstums wird nun als Argument herangezogen, dass Helikopter-Ben die Geldpolitik noch nicht straffen dürfe. Das ist pervers.

Damit sind wir schon bei Olafs Punkt “1) US-Wirtschaft nach wie vor extrem wackelig”. Da fällt es schwer, grundsätzlich zu widersprechen, aber zum Teil sind die USA eben, wie oben ausgeführt, selbst schuld daran. Lässt man diese von Bernanke am Mittwochabend in seiner ersten Pressekonferenz nach einem FOMC-Treffen zu Recht als “mehrheitlich vorübergehend” bezeichneten Effekte beiseite, sieht es für die US-Wirtschaft aber gar nicht so schlecht aus. Die aufs Jahr hochgerechnete Wachstumsrate ist zwar im ersten Quartal von 3,1 auf 1,8 Prozent zurückgegangen, aber die Wachstumstreiber sind die Investitionen der Unternehmen und – trotz der Benzinpreise – der private Konsum. Die Mehrheit der Ökonomen geht daher von deutlich höheren Wachstumsraten im Rest des Jahres aus.  Davon abgesehen: Die Zinsen nahe Null zu halten, bis die US-Bürger sich von ihren Immobilienschulden befreit haben, kann nicht Dein Ernst sein, Olaf.

Zum Punkt “2.) Wirkungen der Konjunkturprogramme.” Zweifellos sind die Wachstumsraten, die wir jetzt sehen, zu einem guten Teil den größten Konjunkturprogrammen der Geschichte zu verdanken. Aber diese Programme und die verlängerten Steuernachlässe der Bush-Ära sind zugleich für die größte Wachstumsbremse im ersten Quartal verantwortlich - den Staatskonsum. Der ist um 5,2 Prozent annualisiert geschrumpft, weil bei den Rüstungsausgaben sowie den Ausgaben der Bundesstaaten und Kommunen kräftig gespart wurde. Da kurbelt also die linke Hand die Konjunktur mit Staatsausgaben an, während die rechte Hand den Rotstift ansetzt. Was nützt ein noch dickeres Konjunkturprogramm, wenn sich der Staat damit ruiniert?

Bei Punkt “3.) Inflationsdruck ist nach wie vor gering, Arbeitslosigkeit ist hoch” kann ich am wenigsten widersprechen. Zum Thema Inflation bleibt mir, die Argumente vom Anfang zu wiederholen. Dass den USA eine Deflation droht, sehe ich nicht. Man sollte auch ein Stagflationsszenario nicht außer Acht lassen, und da schaden Nullzinsen doch wohl eher. Das Beispiel Japan zeigt doch auch, dass Geldpolititk, die die Zinsen ein Jahrzehnt lang bei Null hält, irgendwann auch nichts mehr nützt, wenn die Fiskalpolitik nicht stimmt. Dass die Arbeitslosigkeit bedrückend hoch ist, ist unbestreitbar.

Bei Punkt “4.) Die Fed kann nur einen Teil der Inflation kontrollieren” analysiert Olaf richtig, dass die Inflation in den USA derzeit wie in Europa großenteils importiert ist, verschweigt aber erneut, dass sie von der extrem lockeren Geldpolitik im Westen mit verantwortet ist. Ich stimme auch der Aussage zu, dass die Notenbanken erst eingreifen sollten, wenn es Zweitrundeneffekte gibt. Aber das heißt doch nicht, dass sie bis dahin die Zinsen bei praktisch Null lassen müssen. Der normale Zinssatz für die aktuelle wirtschaftliche Lage ist weder in Europa ein Prozent noch in den USA null Prozent.

Die Notenbanken müssen doch – wenn sie der Analyse zustimmen, dass die Große Depression 2008/09 überwunden ist – erst einmal die Zinsen wieder auf ein Normalniveau für eine Phase eines eher schwächlichen Aufschwungs anheben und von dort aus auf sich bildende Inflationsgefahren reagieren. Oder wollen wir jetzt Nullzinsen als quasi neutrale Geldpolitik definieren, zwei Prozent Zinsen als Inflationsbekämpfungsmodus im Boom und Quantitative Easing in Billionenhöhe als Geldpolitik in Krisenzeiten? Dann sind wir in der Tat im Japan-Modus.

Was die Analysen vieler Bankvolkswirte anbelangt, sei noch die Anmerkung erlaubt, dass sie natürlich ein starkes Interesse an  niedrigen Zinsen haben. Denn eins ist klar: Der Boom an den Aktienmärkten und anderen Kapitalmärkten ist längst nicht mehr mit den glänzenden Aussichten der Weltwirtschaft, sondern nur noch mit den glänzenden Augen angesichts der beispiellosen Geldschwemme zu erklären.

Fazit: Wer wieder wie einst Greenspan nach dem Platzen der Blase aufwischen will, der braucht beim nächsten Mal den größten Feudel aller Zeiten.

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Alle Kommentare [1]

  1. Ich habe nicht studiert,trotzdem muss doch eigentlich jeder vernünftige Mensch sehen das die nächste Krise vor der Tür steht!Das Problem ist die Gier der Menschen!Zum einen die der Amerikaner die alles auf Pump kaufen müssen, und zum anderen die der Kapitalmärkte.Diese Spirale der Exzesse dreht sich meines Erachtens immer schneller.Die Veränderungen(Schwankungen) sei es an Aktienkursen oder an Rohstoffen haben ein gefährliches Mass angenommen.Es kann nicht immer nur Wachstum geben.Renditen jenseits der 20% wie manche Bänker versprechen können nicht gut gehen.?Deshalb wird wie oben beschrieben die Blase platzen!Früher oder später.Und ich denke das Griechenland,Portugal,Irland und Co. die nächste Krise uns evtl. noch härter treffen könnte.