Sind die USA das nächste Griechenland?

Es ist wirklich bemerkenswert, was der Internationale Währungsfonds in seinem gestern veröffentlichten “Fiscal Monitor” zu den US-Staatsfinanzen schreibt. So hart wie selten zuvor geht der IWF mit der amerikanischen Haushaltspolitik ins Gericht.

“Among the advanced economies, the United States, in particular, needs to adopt  measures that would allow it to meet its fiscal commitments. Market  concerns about sustainability remain subdued in the United States, but a  further delay of action could be fiscally costly, with deficit increases  exacerbated by rising yields. Rollover problems for the largest advanced  economies remain a tail risk, but one that would entail huge costs for them  and the rest of the world. In the United States, the additional fiscal stimulus  planned for 2011 means that meeting President Obama’s commitment to  halve the federal deficit by the end of his first term would require an  adjustment of 5 percentage points of GDP over FY2012–13, the largest in at  least half a century.”

Die derzeitige Haushaltspolitik der USA ist laut IWF international ohne Beispiel. Die Vereinigten Staaten seien  die einzige Industrienation, die 2011 ihr Haushaltsdefizit vergrößert, obwohl die Wirtschaft so stark wächst, dass der Staat sein Leben auf Pump zurückfahren könnte. Ohne eine glaubwürdige Strategie zur Sanierung der Staatsfinanzen, so die Kernbotschaft des IWF, setzen die USA das Vertrauen der Finanzmärkte aufs Spiel. Oder anders formuliert: Die größte Volkswirtschaft läuft Gefahr, das nächste Griechenland zu werden – und auf ihren Staatsanleihen sitzen zu bleiben.

Was in der alten Welt passiert – und den USA drohen könnte – beschreibt der IWF so:

“Within Europe, investors are increasingly discriminating in favor of countries with credible policy frameworks. The dispersion in yields has exceeded the pre–European Monetary Union level, including during the European Within Europe, investors are increasingly discriminating in favor of countries with credible policy frameworks. The dispersion in yields has exceeded the pre–European Monetary Union level, including during the European Monetary System crisis of the early 1990s…”
Das ist harter ziemlich harter Tobak – der IWF befindet sich damit nahezu auf einer Linie mit “Dr. Doom” Nouriel Roubini, den ich vor einem Monat hier in London zum ersten Mal live gehört habe und der seinem Spitznamen alle Ehre machte. Denn auch Roubini warnte davor, dass die Schuldenkrise auch die USA erfassen könnte. Ich schrieb damals bei Handelsblatt.com folgendes:
“Es kann an den Anleihemärkten durchaus zu einem Aufstand gegen die USA kommen.” Die Wahrscheinlichkeit sei war gering, aber sie nehme zu. “Wir dürfen dieses Risiko nicht unterschätzen.” [...]
Derzeit entwickle sich die US-Wirtschaft zwar gut – dies liege aber hauptsächlich an den auf Pump finanzierten Konjunkturprogrammen. “Irgendwann wir auch die USA um eine Austeritätspolitik nicht herumkommen.” Höhere Steuern und niedrige Staatsausgaben würden dann die Konjunktur belasten. “Derzeit stielt die USA Wirtschaftswachstum aus der Zukunft”, so Roubini.

Weil die US-Regierung nach wie vor mit allen Händen Geld ausgebe und die Konsolidierung der Staatsfinanzen in die Zukunft verschiebe, wachse das Risiko, dass die Finanzmärkte das Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit der USA verlieren.

Falls das passiert, wäre die Euro-Schuldenkrise und selbst die Lehman-Pleite nur ein Kindergeburtstag – wenn die USA das Vertrauen der Finanzmärkte verlieren sollten, könnte sich die Wirtschaftskrise doch noch zur zweiten Großen Depression ausweiten. Wie groß ist das Risiko? Das kann niemand einschätzen, es ist ein “fat tail event” mit sehr geringer Eintrittswahrscheinlichkeit und potenziell massivem Schaden.

Sollte die Obama-Regierung also ein eisernes Sparpaket auflegen, nach dem Vorbild von David Cameron in Großbritannien? Ich bin ehrlich gesagt froh, dass ich das nicht zu entscheiden habe, denke aber, dass auch das mit massiven Risiken verbunden wäre – die privaten Haushalte in den USA sind noch immer massiv überschuldet, die Arbeitslosigkeit ist – vor allem für US-Verhältnisse – unakzeptabel hoch. Jetzt auf die fiskalpolitische Bremse zu treten würde die Gefahr bergen, die US-Wirtschaft in eine neue Rezession zu stürzen. Obama ist, wie die Angelsachen sagen würden, “stuck between a rock and a hard place”

Besuchen Sie auch meinen englischen Ökonomie-Blog “Economics Intelligence”

Ähnliche Beiträge

Alle Kommentare [2]

  1. “Der Sparer erzeugt mehr Ware, als er selbst kauft, und der Überschuß wird von den Unternehmern mit dem Geld der Sparkassen gekauft und zu neuen Realkapitalien verarbeitet. Aber die Sparer geben das Geld nicht her ohne Zins, und die Unternehmer können keinen Zins bezahlen, wenn das, was sie bauen, nicht wenigstens den gleichen Zins einbringt, den die Sparer fordern. Wird aber eine Zeitlang an der Vermehrung der Häuser, Werkstätten, Schiffe usw. gearbeitet, so fällt naturgemäß der Zins dieser Dinge. Dann können die Unternehmer den von den Sparern geforderten Zins nicht zahlen. Das Geld bleibt in den Sparkassen liegen, und da gerade mit diesem Geld die Warenüberschüsse der Sparer gekauft werden, so fehlt für diese jetzt der Absatz, und die Preise gehen zurück. Die Krise ist da.”

    Silvio Gesell, aus “Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld”, 1916

    Das ist, in der kürzest möglichen Form beschrieben, die wirkliche Ursache der “Finanzkrise”. Alles andere ist Unsinn. Die wirklich interessante Frage lautet: Welcher kollektive Wahnsinn ist dafür verantwortlich, dass eine Menschheit, die bereits Raumfahrt betreibt, etwas im Grunde so Einfaches wie das Geld bis heute nicht verstanden hat?

    Das Ausmaß dieses allgemeinen Wahnsinns muss umso größer sein, als dass unsere seit jeher fehlerhafte Geldordnung (sofern diese überhaupt als “Ordnung” zu bezeichnen ist) nicht nur zu Massenarmut, Überbevölkerung und Umweltzerstörung führt, sondern systemnotwendigerweise auch zu Krieg:

    http://www.deweles.de/files/krieg.pdf

    Man bedenke: In früheren Zeiten wusste noch niemand, wie das Geld gestaltet werden muss, damit der Zins (genauer: die Liquiditätsverzichtsprämie) und damit Massenarmut und Krieg überwunden werden können. Also musste die halbwegs zivilisierte Menschheit erst einmal “wahnsinnig genug” für die Benutzung von Zinsgeld (Edelmetallgeld ist immer Zinsgeld) gemacht werden, damit das, was wir heute “moderne Zivilisation” nennen, überhaupt entstehen konnte!

    Man bedenke weiterhin: Wären sich heute alle Menschen der Geldproblematik (Zinsumverteilung von der Arbeit zum Besitz) voll bewusst, ohne dass das Wissen bereits zur Verfügung stünde, wie die Geld- und Bodenordnung zu gestalten ist, damit Massenarmut, Überbevölkerung, Umweltzerstörung und Krieg endgültig überwunden sind, würden spätestens morgen alle Atomraketen abgefeuert!

    Selbst wenn sich dies gar nicht beweisen ließe: Kein anderer kollektiver Wahnsinn als die Religion, die, unabhängig vom so genannten Glauben, insbesondere das Begriffsvermögen derjenigen trübt, die eine “gesellschaftliche Position” erworben haben, und die bis heute im kollektiv Unbewussten weiterwirkt, wäre dazu in der Lage (gewesen), den Kulturmenschen durch selektive geistige Blindheit an ein fehlerhaftes Geld anzupassen. Doch das lässt sich sogar eindeutig und bis ins letzte Detail beweisen:

    http://www.deweles.de/willkommen.html

  2. Dass es soweit kommt bzw. schon soweit ist, vermute ich seit 25 jahren, also lange bevor Sie ihren Artikel geschrieben haben und Griechenland defacto bankrott erklären musste. Mit allem, was Sie schreiben, haben Sie absolut Recht. Aber es gibt einen Aspekt, der nie erwähnt wird, wenn Wirtschaftsfachleute argumentieren und Szenarien bilden. Die USA sind die einzige militärische Weltmacht. Welcher Staat/welche Volkswirtschaft sollte gegen sie eine Revolte beginnen, dadurch dass man die Staatsanleihen nicht mehr kauft. Wir werden sehen, wie sich die Japaner verhalten werden, wenn sie mit dem Wiederaufbau beginnen, ob sie dann immer noch Kapital in die USA exportieren? Wie wird sich der Yen entwickeln? Szenario 1: kommt es soweit, dass Japan nicht mehr stützen kann und die Chinesen ihre an Wert verlierenden Dollars und die fast schon als junk bonds einzustufenden US-Anleihen loszuwerden versuchen, werden die USA militärisch Druck auf diese Länder ausüben. Übrigens dachte ich bis vor kurzem, ein dritter Weltkrieg sei total unwahrscheinlich, nun finde ich diesen Gedanken gar nicht mehr so abwegig. Die Lage der Weltwirtschaft ist m. E. äußerst kritisch, aber die Faktoren, die hoch explosiv sind, werden schön geredet, siehe Japan.