Vorhang auf für “Quantitative Tightening” (QT)

Sie haben bestimmt schon von „Quantitative Easing“ (QE) gehört, der quantitativen Lockerung. Dieses Schlagwort steht für eine neue, unkonventionelle Form der Geldpolitik, mit der die Federal Reserve Bank und andere Notenbanken gegen die Finanz- und Wirtschaftskrise kämpfen.

Aber kennen Sie auch „Quantitative Tightening“ (QT), also quantitative Straffung? Diesen Begriff hat Stephen King, geprägt, Chefökonom der britisch-asiatischen Großbank HSBC. Das erste Mal habe davon vor ein paar Wochen auf einer Konferenz bei der London Business School gehört. Heute hat HSBC seinen neuen Emerging Market Index veröffentlicht, und ich hatte die Gelegenheit, King zu interviewen.

Was also ist QT?

Der Begriff beschreibt eine Form der Geldpolitik für aufstrebende Schwellenländer, die im Endeffekt eine spiegelbildliche Reaktion auf das QE des Westens ist. Hintergrund ist, dass die Notenbanken in den Schwellenländern vor einem ausgewachsenen Dilemma stehen: Sie haben mit enormen Inflationsraten zu kämpfen und sehen sich zudem zum Teil erheblichen Kapital-Zuflüssen ausgesetzt. Dieses Kapital heizt die Kreditvergabe im Inland an und beflügelt die Bildung von Spekulationsblasen auf Aktien- und Immobilienmärkten.

Daher können die betroffenen Länder die Inflation nicht einfach mit den herkömmlichen Instrumenten der Geldpolitik bekämpfen, argumentiert King. Denn höher Leitzinsen würden nur noch mehr Kapitalzuflüsse auslösen und so zu einer Aufwertung der Währung führen. Das würde die Exportindustrie der betroffenen Länder schwächen.

Die Nachfrage im Inland mit einer restriktiven Fiskalpolitik zu bremsen, ist laut King keine Alternative. Die Staatsausgaben zu kürzen oder die Steuern zu erhöhen, sei schmerzhaft, unpopular und politisch kaum durchzusetzen. Daher sei QT letztlich das einzige Instrument, das diesen Ländern bleibe.

Im Kern besagt die Idee, dass die Zentralbanken nicht versuchen, den Preis, sondern die Menge der in der Wirtschaft verfügbaren Kredite zu steuern. Das geht auf drei verschiedenen Wegen:

  • Kapitalkontrollen. “Ein Land, dass unter übermäßigen Kapitalzuflüssen leidet, kann einfach versuchen, sie nicht mehr zuzulassen”, sagt King.
  • Bremsen der Kreditnachfrage. Die Regierungen können versuchen, mit Gesetzen und Vorschriften die Kreditnachfrage zu schwächen. Sie könnten zum Beispiel bei Hypothekenkrediten Eigenkapital-Untergrenzen vorschreiben – und verfügen, dass Kreditnehmer mindestens 30 Prozent Eigenkapital mitbringen müssen. Dadurch würde das Kreditwachstum in der Wirtschaft gebremst.
  • Höhere Mindestreserve-Vorschriften für Banken. Dadurch würde die Möglichkeit der Kreditvergabe direkt eingeschränkt.

Laut King wendet China derzeit Kapitalkontrollen und Mindestreservevorschriften an. Bewähren sich diese Instrumente? „Die Wirkung ist ist perfekt, weil die Inflation immer noch ziemlich hoch ist“, sagt der HSBC-Chefökonom. Allerdings habe sich das Wachstum von Geldmenge und Kreditvolumen in China zuletzt deutlich verlangsamt.

Rät er also Regierungen und Notenbanken zum Einsatz von QT? Eine direkte Empfehlung gibt er nicht ab. Indirekt lautet seine Antwort allerdings: „Ja“.

Er argumentiert, dass Inflation in den Schwellenländern derzeit die größte wirtschaftliche Bedrohung ist. King:

„Wir stehen an einer kritischen Schwelle, an der Notenbanker und Wirtschaftspolitiker tief durchatmen und hoffen, dass ihre Entscheidungen wirklich die Inflation bremsen. Es besteht aber die Gefahr, dass Inflation zu einem dauerhaften Problem wird – und das in einer Situation, in der das Wirtschaftswachstum an Schwung verloren hat.“

Daher sei es absolut notwendig, dass die Schwellenländer die Inflation in den Griff kriegen. Sonst drohten soziale und politische Unruhen.

Angesichts der Tatsache, dass andere geldpolitische Instrumente noch mehr Nachteile hätten, “würde ich niemandem einen Vorwurf machen, der quantiative Straffung betreibt.“

Die Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank sieht King dagegen sehr kritisch. „Die EZB läuft Gefahr, den gleichen Fehler zu machen wie die japanische Notenbank im Jahr 1990“, sagte er. Die Bank of Japan erhöhte damals nach dem Platzen der Immobilienblase zu früh die Leitzinsen und verschärfte nach Ansicht vieler Experten die Wirtschaftskrise deutlich – das Land erlebte zwei verlorene Jahrzehnte mit wenig Wachstum und fallenden Verbraucherpreisen.

In der Euro-Zone seien derzeit viele Unternehmen und Verbraucher nach wie vor überschuldet, argumentierte King. Bis sie ihre Bilanzen in Ordnung gebracht hätten, würden Investitionen und Konsumnachfrage belastet. Zudem bestehe die Gefahr, dass die Euro-Krise die Wirtschaft nachhaltig destabilisiere. „Außerdem ist fraglich, wie viel Einfluss die Geldpolitik der EZB überhaupt auf die Inflation im Euro-Raum hat“, sagte King dem Handelsblatt. Ein großer Teil der Preisanstiege entstehe durch die hohen Öl- und Rohstoffpreise. Dafür seien aber politische Spannungen und Unsicherheiten verantwortlich, nicht die Binnenwirtschaft im Euroraum.

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Alle Kommentare [1]

  1. Folglich ist auf Basis eines reprasentativen Haushaltes der Anreiz der Zentralbank zu inflationieren durch die Offnung gemindert.124Der zweiten Argumentation liegt die Annahme zu Grunde dass die Globalisierung nicht nur die Unternehmen sondern auch die Regierungen einer Art globalem Benchmarking aussetzt und dadurch die Bildung stabilitatsorientierter geldpolitischer Institutionen gefordert hat. Bean 2006 spricht demnach auch von …designed in…United Kingdom…assembled in…China… 133. Bean 2006 macht Zuwanderung in United Kingdom fur zwei Drittel des gestiegenen Arbeits-angebots seit 1997 verantwortlich.