»Olaf Storbeck 06. April 2011, 21:33 Uhr

Noch ein schlechter Ökonomen-Aufruf

Ökonomenaufrufe haben derzeit Hochkonjunktur. Mitte Februar veröffentlichte das “Plenum der Ökonomen” eine “Stellungname zur EU-Schuldenkrise” , die die Kollegen der “Financial Times Deutschland” herrlich – und vollkommen zu Recht – komplett auseinandergenommen haben. (Die Ökonomen, die selbst gerne alle Welt kritisieren, wo sie nur gehen und stehen, reagierten übrigens erstaunlich dünnhäutig auf diese Kritik.)

Heute abend nun hat mich Birger Priddat von der Universität Witten/Herdecke auf einen weiteren Ökonomen-Aufruf aufmerksam gemacht. 19 Volkswirte – die Mehrzahl von ihnen aus Frankreich und der Schweiz – fordern darin eine grundlegende Erneuerung der Forschung und Lehre in der VWL – das Fach müsse wieder dem Allgemeinwohl dienen.

Die Unterzeichner – Priddat ist der einzige Deutsche – schreiben:

Forschung muss zum Allgemeinwohl beitragen und nicht wohlwollende Analysen produzieren über die vermeintlichen Vorteile der Finanzdurchdringung des gesamten Wirtschaftssystems, Vorteile, die sich ergeben sollen aus vermuteten Segnungen  von  Innovation und Finanzspekulation.

Sie sprechen sich für mehr Pluralismus in der Wirtschaftswissenschaft und eine und  ”Rückkehr zur  Vielfalt der Analyseansätze” aus.

Konkret forder sie:

… Voraussetzungen [...], damit die Diversität  auf allen  Stufen  der  akademischen Hierarchie  anerkannt und gefördert wird. Das soll durch folgende Strategien ermöglicht werden:

- Bei der Einstellung  neuer Professoren muss berücksichtigt werden, ob die Kandidaten darauf ausgerichtet sind, sozio­ökonomische Probleme  zu  lösen und  ob sie  der  Ethik, der  Stabilität und  Nachhaltigkeit  des Wirtschafts­ und Finanzsystems verpflichtet sind.

- Die Bewertungskriterien der  Forschung müssen erweitert werden, um die  Eignung  der  ausgewählten Forschungsziele einzubeziehen, den Inhalt und  den interdisziplinären Charakter  der publizierten Artikel  oder Bücher zu prüfen und nicht allein die Anzahl der Publikationen in gewissen monolithischen Zeitschriften zu registrieren.

In vielerlei Hinsicht sympathisiere ich mit den Forderungen der Unterzeichner – auch ich bin der Meinung, dass große Teile der VWL den Bezug zur Wirklichkeit verloren haben und sich dringend erneuern müssten.  Im Detail habe ich meine Kritik letzten September im meinem Essay “Leben in der Scheinwelt” formuliert.

In mehrfacher Hinsicht muss ich allerdings trotzdem mit dem Kopf schütteln – denn ironischerweise führt der Aufruf selbst zwei tiegreifende Probleme der VWL drastisch vor Augen.

1. Ökonomen können nicht kommunizieren

Die Sprache des Aufrufs ist gräßlich und wichtigtuerisch: Die Sätze sind lange Bandwurm-Konstruktionen, die Sprache ist geschwollen. Ein paar Kostproben:

Dieser Aufruf ist sowohl öffentlich als international und ist Teil eines breiteren Rahmens konvergierender Initiativen.
Als Treuhänder  des Volksvertrauens und  als Produzenten  von Ideen, die  das Verhalten von  Menschen  und  die Politik  beeinflussen, möchten wir die  Öffentlichkeit und die Politiker auf die Tatsache aufmerksam machen, dass die  Bedingungen für die  verantwortungsvolle Erfüllung  unserer Mission in Frage gestellt sind.
Professoren, Lehrkräfte  und  Forscher  sind  Träger des Vertrauens der  Gesellschaft, die  ihnen die  Aufgabe  auferlegt hat, ihr zu  dienen  durch die  ständige Suche nach einem besseren Verständnis der realen Welt und durch die  Weitergabe dieses Wissens.
Haben die Herren Professoren  das mutmaßlich französische Original von Google Translator  übersetzen lassen? Vermutlich nicht, dann wäre die Qualität wahrscheinlich besser.
Wer die öffentliche Meinung, die Wirtschaftspolitik und die Art und Weise, wie Wirtschaftswissenschaft gemacht wird,  beeinflussen will, sollte so reden, dass er auch verstanden wird – und sich wichtigtuerischen Dünkel verkneifen.
2. Ökonomen haben Probleme,  die Realität wahrzunehmen

Die Unterzeichner beklagen, dass die Debatte über die Neuausrichtung der VWL bislang nur “hinter  verschlossenen Türen  unter Spezialisten , die  alle nach  dem gleichen Muster funktionieren”, hinweg zu kommen. Ich kann mir nicht helfen, aber zumindest das Handelsblatt haben die Herren in den vergangenen drei Jahren nicht genau genug gelesen. Seit Sommer 2008 haben wir immer wieder über die Debatte berichtet, hier eine Kostprobe, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt:

“Wissenschaft mit Motorschaden?” (25.8.2008)
Das systemische Versagen der Ökonomen (6.10.2009)
Krugman will alte Weisheiten beerdigen (11.1.2010)
Volkswirte überdenken ihre Theorien (1.4.2010)
Millionenangriff auf die etablierte Ökonomie 14.4.2010)
Das Ancien Regime schweigt (27.6.2010)
Wie die Finanzkrise die VWL auf den Kopf stellt (14.1.2010)
Krise hat blinde Flecken der VWL offenbart (27.9.2010)
Wie bei den anomymen Alkoholikern (16.1.2011)
Das große Vergessen (28.03.2011)

Nun gut, wer liest in Frankreich und der Schweiz schon das Handelsblatt, konnte man sagen.
Auch der “Economist” hat die Probleme der VWL zu einer Titelgeschichte gemacht, Paul Krugman hat ein riesiges Essay im Magazin der New York Times veröffentlicht, hier in Großbritannien hat eine Bemerkung der Queen die Ökonomen monatelang beschäftigt, und an vielen anderen Stellen wurden die Probleme öffentlich diskutiert.  Auch all das haben die Unterzeichner irgendwie übersehen. Ein klares Indiz für “Einigelung”, die die Unterzeichner dem Rest ihres Fachs (in großen Teilen zu Recht) vorwerfen.
All das bereitet mir größere Probleme, diese Leute ernst nehmen zu können. Von vermeintlichen “Trägern des Volksvertrauens” hätte ich wirklich mehr erwartet.
»Olaf Storbeck 06. April 2011, 21:33 Uhr

    6 Kommentare zu “Noch ein schlechter Ökonomen-Aufruf”


  1. Hagen Tunt sagt:

    Wiederholte Vorwürfe der einen Sorte von Patentrezept-Verkäufern an die andere, in herablassendem und besserwisserischem Ton vorgetragen, helfen nicht weiter. Wissenschaft besteht aus Versuchen und Irrtümern. Auch die erleuchteten Kritiker des Mainstreams, der wohl die amorphe Masse der anderen umfasst, kochen nur mit Wasser. Mehr Pluralität könnten alle gut vertragen, etwas mehr Gelassenheit und weniger Empörung über den Rest der Welt auch.

  2. Danke für Ihren Kommentar, da gebe ich Ihnen vollkommen Recht.

  3. [...] Olaf Storbeck: Krise der VWL – Noch ein schlechter Ökonomen-Aufruf [...]

  4. Andreas sagt:

    Schade, dass Sie den größten Widerspruch dieses Aufrufes gerade nicht offen gelegt haben: Die Diskrepanz, einerseits für mehr Pluralismus einzustehen, gleichzeitig aber der Ruf nach Dirigismus und Prüfung ob Professoren auch “ethisch korrekt” und “sozioökonomische” Probleme lösen. Hier vermisse ich einen Aufschrei. Entweder man ist der Wahrheit verpflichtet, oder einer Ethik. Bei ersterem betreibt man Wissenschaft, die auch unbequemes zu Tage fördern kann, bei letzterem Religion. Und fürs Probleme lösen ist die Wissenschaft nicht da, eher fürs Erkennen der Probleme.

  5. Hallo Andreas,
    da ist was dran – andererseits teile ich schon (nicht komplett, aber bis zu einem gewissen Grad) die Einschätzung der Unterzeichner, dass eine bestimmte Richtung der VWL das Fach fast vollständig okkupiert hat. Was aber tatsächlich fragwürdig ist: Die Forderungen der Unterzeichner können auf eine Art Gewissensprüfung für neue Profs hinauslaufen. Und das kann es in der Tat nicht sein.
    Beste Grüße
    Olaf

  6. da mußte ich herzlich lachen!

    natürlich sind die französischen schweizer ein wenig moralisch in ihrer attitude, und natürlich lesen sie das handelsblatt nicht. und dennoch wissen sie, welche diskussionen in der ökonomie inzwischen laufen. aber das alles ist fernab ihrer fakultäten: der normalbetrieb hat damit wenig zu tun.

    es geht ihnen weniger um den kritischen diskurs – dazu leistet der aufruf fast nichts-, sondern vordringlich um die lehre: wie organisiert man die seminare so, daß die künftigen entscheidungsträger in die lage kommen, verantwortlich zu handeln.

    hier beginnt dann die frage, wie man denken und konzeptionieren gelernt hat, d.h. welche – differenten – theorien man kennt. daß es notwendig ist, die ökonomische theorie zu ändern, steht auf einem anderen blatt. dazu bedarf es vieler anstrengungen. daß man jetzt bereits aber anfangen kann, indem man theoretische pluralität forciert, ist der kern der initiative. das klingt einfacher, als es die bolognagestrafften lehrfabrikationen zulassen.

    es ist im grunde ein aufruf an das gewissen der fakultäten. moralische appelle haben natürlich grenzen, und der angemessene weg ist es, selber aktiv zu werden unter den vorsätzen, denen man sich committed, und an einer anderen theorie zu arbeiten (und vielleicht studenten den hinweis zu geben auf die handelsblatt-ökonomie-internetseite).