Die Zukunft der Bundesbank

Viele Beobachter finden, dass es Axel Webers Aufgabe gewesen wäre, in der EZB als Präsident eine „deutsche Linie“ durchzusetzen. Dahinter stecken gleich zwei verkehrte Vorstellungen. Erstens wird die Macht des Präsidenten im Zentralbankrat völlig überschätzt. Der Präsident kann alleine wenig erreichen, und vermutlich ist die Rolle des Chefvolkswirts in der EZB wenigstens vergleichbar wichtig wie die des Präsidenten. Zweitens ist die Vorstellung falsch, dass die Franzosen, Italiener, Spanier und Portugiesen im Rat der EZB entweder grundsätzlich nicht in der Lage sind zu begreifen, dass das der Ankauf griechischer Staatsanleihen durch die Zentralbank zu Inflation führen kann oder, daß ihnen Inflation eben nicht so wichtig ist, wie ihren deutschen Kollegen. Nur nach dieser Vorstellung bedarf es eines deutschen Lehrmeisters, der in der EZB die Sachen in Ordnung bringt.

Tatsächlich sind konservative Zentralbanker in Europa und innerhalb der EZB viel weiter verbreitet als viele Deutsche glauben mögen. Bei der Entscheidung, Staatsanleihen vom Sekundärmarkt aufzukaufen ging es im Mai 2010 aber schlicht darum, ob die Zentralbank bei angespannten Bond- und Interbankenmärkten und einem Schuldenstand von 84 % des Bruttosozialprodukts in Europa Regierungen und Märkte sich weiterhin selbst überlässt. Das große Risiko einer bloßen Fortsetzung der quantitativen Lockerung hätte darin gelegen, daß die EZB im Falle einer späteren vergeblichen Neuausgabe von Staatsanleihen eines Landes keine neuen Bonds hätte kaufen dürfen. Die EZB Entscheidung vom Mai 2010 birgt hingegen das Risiko des Einstiegs in die Inflation in sich. Auch für einen inflationsaversen Zentralbanker ist das keine leichte Entscheidung. Von außen betrachtet scheinen sowohl die Haltung, die Axel Weber nach der Zentralbanksitzung öffentlich gemacht hat, als auch die Haltung der überwiegenden Mehrheit des EZB Rates irgendwie vertretbar.

Die jetzige Schuldenkrise ist das Ergebnis fiskalpolitischer Entscheidungen, darunter der Entscheidung Gerhard Schröders, den Stabilitätspakt auszuhebeln. Vor diesem Hintergrund kann es heute nicht darum gehen, von Deutschland aus Zentralbanker anderer Länder „auf Kurs zu bringen“. Die Rolle der Bundesbank und ihres Präsidenten sollte eine ganz andere sein. Der Beitrag, den nationale Zentralbanken zur europäischen Geldpolitik leisten können ist erstens, hervorragende Mitarbeiter hervorzubringen, die dann irgendwann in die Zentrale der Europäischen Zentralbank wechseln. Zum anderen geht es darum, durch Leistung in der wissenschaftlichen Analyse der Geldpolitik Entscheidungsgrundlagen für das gesamte europäische System der Zentralbanken zu liefern.

Eine nationale Zentralbank hat umso mehr Gewicht je besser ihre Forschung ist. Forschungsposition innerhalb nationaler Zentralbanken sollten kompetitiv gestaltet werden. Wissenschaftler müssen zum Beispiel angemessen Zeit zum Forschen haben. Aufstiegschancen und externe Mobilität sind ebenfalls wichtig. Der neue Präsident der deutschen Bundesbank sollte seine Aufgabe vor allem darin sehen, die analytischen Leistungen des eigenen Hauses weiter zu stärken. Die europäischen Regierungen müssen aber ihre fiskalpolitischen Hausaufgaben machen. Das ist wichtiger als die Frage, wie deutsch die EZB ist.

Ähnliche Beiträge

Alle Kommentare [6]

  1. Nun, eine “Rolle” der Buba seit Ausbruch der Finanzkrise war : “Die Bundesbank finanziert den Rest der Euro-Zone stillschweigend mit einer dreistelligen Milliardensumme – und täglich wird es mehr Geld. ” WIWO, 18.2.2011.

  2. Der ganze Artikel ärgert mich sehr. Und daß er Autor dann empfiehlt, die eigentliche Aufgabe bestünde in der angemessenen Ausstattung und Unterstützung der wissenschaftlichen Mitarbeiter verrät nur unverständliche Weltfremdheit.

    Tatsache ist, daß man diese ganzen Sachverhalte einfach für den Leser darstellen sollte. Die Krise in den PIGS Staaten ist doch nur entstanden, weil es in diesen Ländern historisch einmalig möglich war, zu billigen EZB Konditionen Kredite aufzunehmen. Dies führte zu kriminellen Exzessen im Immobiliensektor und zu einer Selbstbedienungsmentalität einer kleinen Politiker- und Wirtschaftskaste, vorbei an der Bevölkerung.

    Die Maßnahmen, die jetzt ergriffen werden, kann man sowohl sozialistisch als auch erzkapitalistisch ( meine Position ) kritisieren. Der Sozialist wird sagen, die Austeritätsmaßnahmen sind ungerecht, da die Bevölkerung für die Verluste haftbar gemacht wird, während Bondholder und Banken ihre Gewinner privatisieren können.

    Der Kapitaist wird Staaten wie Griechenland mit Unternehmen vergleichen und aufgebracht sein, daß Mißwirtschaft, Mißmanagement usw. keinerlei Haftungskonsequenzen hat.

    Einerlei : die wirklich wichtige Frage ist doch, wie wollen wir mit a) der Abkopplung der Geldwirtschaft von der Realwirtschaft, und b) der Abkopplung einer völlig undemokratischen EU-Wirschafts/Politik Governannce-Junta mit ihren ThinkTanks von den realen volkwirtschaftlichen Bedürfnissen der Bevölkerungen andererseits – umgehen ?

    Dies gelingt nur wenn Geld an sich wieder einen Wert darstellt, wie vor Bretton Woods.

    Auf jeden Fall sollte Deutschland nicht Zahlmeister der EU sein. Und wir brauchen einen starken, in den Medien präsenten Bundesbankchef, der unsere Positionen vertritt.

  3. Die deutsche ZB kann keinen “deutschen Weg” im Rat der EZB durchsetzen, soweit dort Mehrheiten dagegen stehen.

    Der Frage, warum sich die Mehrheit für den Ankauf von Staatsanleihen entschied, kann man rein sachlich nachgehen oder auch politisch. Der letztere Weg dürfte sich im Nebel der Spekulationen verlieren.

    Damit wird der unangenehme Beigeschmack einer möglichen Beeinflussung der EZB durch die Regierungen der Euroländer jedoch keineswegs beseitigt.

  4. Mit dem Ankauf fauler Staatschuldentitel hat die EZB einen schweren Fehler begangen. Erst kürzlich musste sie ihr Eigenkapital um 5 Mrd. € erhöhen, keine Ende in Sicht. Deutschland zahlt natürlich den höchsten Anteil. Schuldner und Gläubiger zu disziplinieren, beide gleichermaßen, klappt nur über Forderungsausfälle, aber nicht mit Rettungsschirmen, wie geschehen. Die Gläubiger kassieren die überhohen Renditen völlig risikolos. Wo gibt es das noch? Nur in der EURO-Zone mit der EZB, auch mit dem IWF, und natürlich mit den eingeknickten EURO-Regierungen, vor allem mit Berlin. Argentien hat 2001 einen Staatsbankrott hingelegt, seither alles gut überstanden, jetzt werden wieder Staatsanleihen emittiert. Warum nicht bei Griechenland und Irland? Immer wieder nur Bankenrettung! Als Steuerzahler kann man das schon nicht mehr hören. Der EURO wäre überhaupt nicht gefährdet, wenn es mal einen Staatskonkurs geben würde. Die Zeichner von dubiosen Staatsanleihen würden dann wenigstens mal lernen, was ein Risiko ist. Wenn die EZB alle faulen Staatspapiere übernimmt, ist kein Ende in Sicht. Der Steuerzahler soll’s am Ende richten… nein danke!

  5. Kein Kommentar aber eine Frage: Da die größte europäische Katastrophen der letzten 150 Jahren ihren Ursprung in Deutschland hatten, wie kommen die Deutsche dazu zu glauben dass gerade Deutschland den anderen Ländern sagen soll wo es lang geht?
    Ist es genetisch zu erklären? En somme eine Erklärung à la Sarrazin?

  6. Die BuBa steht wie keine andere Zentralbank der Welt für geldpolitische Stabilität. Ihre Zentralbanker sind eindeutig dem Lager der
    Falken zuzurechnen. Es geht daher nicht darum wie deutsch dei EZB sein könnte, sonder wie wenig deutsch sie in Zukunft sein wird. Wer wenn nicht Weber wird jetzt noch für eine stabile Geldpolitik eintreten. Mit dem Abgang Webers und der Ernennung eines Vasallen aus dem Kanzleramt zu seinem Nachfolger, ist die Richtung für die Zukunft vorgegeben: Ende der Hartwährungspolitk zu Gunsten stärkerer politischer Kontrolle bei der Geldentwertung. Das ist die eigentliche politische Botschaft der letzten Tage. Die Falken braucht man nicht mehr.