Inflation: Erhöht die EZB die Zinsen?

Im Dezember ist die Inflationsrate im Euroraum überraschend auf 2,2% gestiegen – vor allem wegen höherer Energiepreise. Nun befürchtet die EZB, dass die Inflation in den kommenden Monaten weiter zulegen könnte, bevor sie gegen Ende des Jahres wieder sinkt. Diese kurzfristige Aufwärtsrisiken hätten aber noch nicht die Einschätzung der EZB geändert, dass mittel- bis langfristig Preisstabilität gegeben sei.
Trotzdem erinnerte Trichet an das Jahr 2008, als die EZB ihren Leitzins inmitten der Finanzmarktkrise erhöht hatte, weil die Inflation auf 4% gestiegen war und die langfristigen Inflationserwartungen nach oben ausgebrochen waren. Ich glaube nicht, dass die EZB ihren Leitzins bereits in diesem Jahr erhöht. Schließlich steckt der Euroraum in der tiefsten Krise seit Einführung des Euro. Außerdem hat die steigende Arbeitslosigkeit den Lohnauftrieb massiv abgeschwächt. So sind die Arbeitskosten je Stunde zuletzt nur noch um 0,8% gestiegen. Deshalb dürfte die Kerninflation in den kommenden Monaten bei 1¼% verharren. Ich würde meine Prognose eines ersten EZB-Zinsschritts nur dann vom ersten Quartal 2012 in dieses Jahr vorverlegen, wenn die monatlichen Inflationsdaten sowie die Inflationserwartungen deutlich stiegen.

Dr. Jörg Krämer, Chefvolkswirt, Commerzbank AG

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Alle Kommentare [2]

  1. Die jetzige Inflation wird durch steigende Lebensmittel- und Rohstoffpreise aufgrund von Spekulation mit frisch gedruckten Dollars verursacht. Auf diese von Außen induzierte Inflation kann mit Zinserhöhungen im Innern des Euroraumes kein Einfluß genommen werden.
    Zugleich werden mit der Weigerung der US-Regierung, die US-Kreditnehmer durch gesetzliche Kreditfestschreibung zu schützen, wegen Kreditausfällen in den USA und ihren damit fällig werdenden CDS-Kreditausfallversicherungen aus Europa gigantische Euro-Beträge in die USA abgezockt. Die deutschen Dax30-Konzerne allein halten CDS-Verpflichtungen von rd. 1.000 Mrd. Euro.
    Diese CDS-Verpflichtungen addieren sich zu den ohnehin bereits uneinbringlichen Krediten der US-Schuldner.
    Das Europa dadurch insgesamt entzogene Geld hat im Euroraum eine gefährliche deflationäre Tendenz.
    Der Geldabfluß und der damit drohende Kapitalabfluß aus Europa kann nur durch gigantische Investitionen in echtes Kapital kompensiert werden.
    Dazu ist billigstes Geld bereitzustellen und seine Verwendung für Konsum- und Spekulationszwecke perfekt zu verhindern bzw. geschickt investitionsorientiert zu besteuern.
    Es wäre also gefährlicher volkswirtschaftlicher Unsinn, die Zinsen zu erhöhen.
    Mit billigem Geld unter begleitenden, mißbrauchverhindernden Auflagen ließen sich sicherlich auch die jetzigen PIIGS-Euro-Probleme bewältigen.

  2. Die Bewertung der Inflationsrate im Hinblick auf eventuelle geldpolitische Aktionen kann und darf sich nicht lediglich an der nackten Zahl orientieren.

    Eine konstatierte Prozentzahl ist lediglich das summarische Ergebnis eines komplexen Prozesses. Es gilt zunächst Ursachenforschung zu betreiben; bekanntlich kann Inflation viele unterschiedliche Gründe und Kausalitäten haben, die weiterhin auch im Zusammenspiel wirken. Keineswegs müssen dabei Einflüsse von der Geldseite her die tragende Rolle spielen.

    Veränderungen auf der Seite der Realwirtschaft, z.B. Knappheiten im Sektor bestimmter Rohstoffe und Zunahme von gestiegenen Produktionskosten dort, werden nicht durch Zinsanhebungen zielgerecht beantwortet werden können. Möglicherweise wären derartige Zinsbeschlüsse sogar kontraproduktiv.