2011: Zeit für den Haarschnitt

Es ist völlig offen, wie es gelingen soll, dass Griechenland den Schuldenstand von über 120 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes in absehbarer Zeit wieder auf ein deutlich niedrigeres Maß zurückführen soll. Alleine damit die Schuldenquote konstant bleibt müsste in Griechenland bei einer Neuverschuldung von drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes die Wirtschaftsleistung um 2,5 Prozent jährlich wachsen. Das passt nicht zu den Daten der letzten 10 Jahre. Ein Schuldenabbau würde noch mehr Wachstum oder eine geringere Neuverschuldung erfordern. Selbst bei einem niedrigeren Risikoaufschlag erscheint diese Aufgabe für die Politik in Griechenland nicht lösbar.

An den Risikoaufschlägen wird deutlich, dass diese Einschätzung von vielen Marktteilnehmern geteilt wird. Die Regierungen Europas und die EZB thematisieren einen möglichen Haircut oder eine Umschuldung aber nicht. Das deutet darauf hin, dass alle darauf hoffen, dass eine solche Umschuldung zu einem späteren Zeitpunkt durchgeführt wird, zu dem die Märkte dann wieder beruhigt sind. Aber genau diese Hoffnung kann sich als trügerisch erweisen.

Daß die Märkte sich gerade Europa und nicht die USA vorknöpfen, liegt wohl vor allem daran, daß man Europa mit seinen vielen makroökonomischen Akteuren eine Lösung des fiskalischen Problems nicht so gut zutraut wie den USA. Eine echte Lösung des griechischen Problems würde in dieser Hinsicht ein erstes positives Zeichen setzen. Es ist gut möglich, dass sich die Lage am Markt für portugiesische und spanische Bonds entspannt, wenn es Europa endlich gelingt, ein tragfähiges Sanierungskonzept für Griechenland vorzulegen, das die Gläubiger einbezieht. Ausserdem würden bei einer Beteiligung privater Gläubiger Ressourcen frei für die Unterstützung der Länder, bei denen wie in Portugal noch Hoffnung besteht.

Ein Sanierungskonzept für Griechenland hätte zwei Teile. Zum Ersten müsste Griechenland die Rückzahlung von etwa einem Drittel seiner Staatsschulden einstellen. Das würde den Anteil des Defizits am Bruttoinlandsprodukt von über 120 auf etwa 80 Prozent reduzieren. Für diese 80 Prozent sollten die anderen EU-Staaten garantieren. Für die folgenden 10 Jahre sollten die anderen EU-Staaten eine Garantie für die Erneuerung dieser Staatsschulden abgeben.

Mit einer so reduzierten Schuldenlast kann es Griechenland gelingen, auf Basis der bisher mit dem IWF und der EU ausgearbeiteten Plänen dauerhaft solide zu wirtschaften. Nach 10 Jahren könnte das Vertrauen der Investoren dann bei einer entsprechenden Konsolidierung wiederhergestellt sein und es besteht die Möglichkeit, dass Griechenland aus eigener Kraft neue Bonds ausgibt.

Bis dahin wären, bei einem Schuldenstand von 80 Prozent, Garantien durch den Rest der EU relativ unproblematisch. Allerdings hat die Europäische Zentralbank durch das Ankaufsprogramm vermutlich im zweistelligen Milliardenbereich griechische Staatsschulden auf den Büchern. Die EZB hätte also mit Verlusten von bis zu 25 Milliarden Euro zu rechnen. Diese Verluste sollten durch eine Rekapitalisierung der EZB durch die EU-Staaten ausgeglichen werden, um die Verluste nicht inflationswirksam werden zu lassen und die Glaubwürdigkeit der EZB zu bewahren. Ausserdem gibt es über die nächsten drei Jahre Kredite Europas und des IWF an Griechenland von bis zu 110 Milliarden Euro. Auf Deutschland käme dann zusätzlich zur Rekapitalisierung der EZB ein Verlust von bis zu 10 Milliarden Euro zu.

Zugleich müssten die EU-Staaten jenen systemrelevanten Finanzinstituten helfen, die durch den Haircut in Schieflage geraten und es entstehen Verluste bei staatseigenen Banken. Allerdings gibt es auch andere Gläubiger, deren Verluste von der EU nicht aufgefangen werden müssten.

Wartet man mit dem Haircut bis 2013, dann wäre nur noch etwa die Hälfte der griechischen Schulden im Markt, der Rest läge bei der EZB, dem IWF und den anderen EU Staaten. Die Kreditausfälle lägen bei etwa 50 Milliarden Euro. Für einen früheren Haircut spricht, daß die EZB den Banken zur Zeit noch unbegrenzt Liquidität zur Verfügung stellt.

Vielleicht spielt es bei der abwartenden Haltung Europas auch eine Rolle, daß man kurzfristig an den bilateralen Krediten verdient. Dem stehen aber die Ausweitung des EU Anteils an zukünftigen Verlusten und die hohe Zinslast für Griechenland gegenüber, die eine volle Rückzahlung unwahrscheinlicher macht.

Eine frühe tragfähige Lösung der Probleme in Griechenland würde die Handlungsfähigkeit der EU unter Beweis stellen, und einer Überlastung der Staatsfinanzen der gesamten Eurozone vorbeugen. Sie würde deutlich machen, daß Europa den Euro behalten will ohne ausufernde Staatsverschuldung zuzulassen.

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Alle Kommentare [1]

  1. “Unser Geld bedingt den Kapitalismus, den Zins, die Massenarmut, die Revolte und schließlich den Bürgerkrieg, der zur Barbarei zurückführt. …Wer es vorzieht, seinen eigenen Kopf etwas anzustrengen statt fremde Köpfe einzuschlagen, der studiere das Geldwesen.”

    Silvio Gesell

    “Wenn jemand nicht zuerst das Wasser kennt, kennt er nichts. Denn was nützt es ihm, wenn er darin getauft wird? Wenn jemand nicht weiß, wie der wehende Wind entstanden ist, wird er mit ihm hinweggeweht werden. …Jemand, der nicht kennen wird die Wurzel der Schlechtigkeit, ist ihr kein Fremder.”

    Jesus von Nazareth (nicht in der Bibel zu finden)

    Wo wir heute vielleicht schon sein könnten, wäre die Natürliche Wirtschaftsordnung (echte Soziale Marktwirtschaft = freie Marktwirtschaft ohne Kapitalismus) bereits 1916 verwirklicht worden, kann bestenfalls erahnen, wer die “Großen Vier” (Heinlein, Asimov, Lem, Clarke) vollständig gelesen hat.

    Wo die Menschheit aber heute wäre, hätte es die “heilige katholische Kirche” nicht gegeben, sprengt jedes Vorstellungsvermögen. Herzlich Willkommen im 21. Jahrhundert:

    http://www.deweles.de/willkommen/cancel-program-genesis.html