Deutsches Bruttoinlandsprodukt: Ein Sommermärchen

Im zweiten Quartal hat die deutsche Wirtschaft gegenüber dem ersten Quartal um phänomenale 2,2% zugelegt. Außerdem haben die Statistiker die Quartale davor massiv nach oben revidiert. Wir erhöhen unsere 2010er Deutschland-Prognose von 2,5% auf 3¼%.

Die Daten: Das um Saison- und Kalendereinflüsse bereinigte Bruttoinlandsprodukt Deutschlands hat gegenüber dem ersten Quartal um 2,2% zugelegt, deutlich mehr als der Durchschnitt der Volkswirte (Konsens: 1,3%) und wir (Commerzbank: 1,5%) erwartet hatten. Seit der Wiedervereinigung hat das Bruttoinlandsprodukt noch nie so stark zugelegt. Rechnet man das Quartalswachstum wie in den USA üblich auf Jahresrate hoch, dann ergibt sich ein sagenhaftes Plus von 8,8%. Natürlich hat das zweite Quartal davon profitiert, dass sich die Bauwirtschaft nach dem ungewöhnlich harten Winterwetter im zweiten Quartal erholt hat. Rechnet man diesen Effekt heraus, ergibt sich für das zweite Quartal immer noch ein äußerst kräftiges Plus von 1,5%. Das dürfte vor allem an den Ausrüstungsinvestitionen und dem Außenhandel liegen, die Details veröffentlicht das Statistische Bundesamt am 24. August.

Beträchtliche Revisionen: Die Statistiker haben die zurückliegenden Zahlen kräftig nach oben revidiert. So weisen sie für das erste Quartal jetzt ein Plus von 0,5% nach den ursprünglich gemeldeten 0,2%. Durch die Revisionen und das überraschend starke Plus im zweiten Quartal verbessert sich die Ausgangslage für unsere Gesamtjahresprognose um knapp einen Prozentpunkt.

Höhere Prognose für 2010: Wir haben deshalb unsere Konjunkturprognose für das gesamte Jahr 2010 von 2,5% auf 3¼% angehoben. Dabei haben wir bereits unterstellt, dass die Wirtschaft nach dem phänomenalen Wachstum im zweiten Quartal im dritten Quartal um weniger zunimmt als wir bisher unterstellt hatten (0,3% statt 0,6%). Auch in den Quartalen danach wird es verhaltener bergauf gehen. Das liegt auch daran, dass die Frühindikatoren in den USA und in China nach unten weisen. Eine solche Delle in der Aufwärtsbewegung ist üblich, wir rechnen für die USA nicht mit einem Rückfall in die Rezession.
Konsequenzen für die EZB: Man sollte Deutschland nicht mit dem Euroraum gleichsetzen. Ohne Deutschland dürfte der Euroraum in diesem Jahr nur um 0,8% zulegen, für den Euroraum als ganzes erwarten wir jetzt ein Plus von 1½%. Das entspricht nicht einmal dem Zuwachs des Produktionspotentials, das wir auf knapp 2% veranschlagen. Die EZB dürfte ihren Leitzins noch lange bei 1,0% belassen, wir sehen keine hohen Risiken, dass sie ihn früher anhebt als wir bisher unterstellt hatten (viertes Quartal 2011)

Dr. Jörg Krämer, Chefvolkswirt, Commerzbank AG

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