Das transatlantische Missverständnis

Das sitzen Sie nun nebeneinander, und jeder schaut in eine andere Richtung. Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble und sein amerikanischer Kollege Timothy Geithner. Das Bild von der gemeinsamen Pressekonfernez in Berlin hat Symbolkraft. Zeigt es doch, dass Europäer und insbesondere Deutsche die Welt ganz anders sehen als die Amerikaner. Wo hierzulande eiserner Sparwille gepredigt wird, fürchtet man jenseits des Atlantiks um den Aufschwung und fordert deshalb staatliche Konjunkturhilfen.

Auf den ersten Blick verwundern diese Unterschiede. Kämpfen doch sowohl Europa als auch die USA mit einem enormen Schuldenberg. Bei genauerem Hinsehen wird jedoch deutlich, dass sich die beiden Kontinente in sehr unterschiedlichen Ausgangslagen befinden. Hier der “Alte Kontinent”, der sich mit einer alternden Bevölkerung, geringer Zuwanderung und niedrigen Wachstumsraten herumschlagen muss. Dort die “Neue Welt”, die immer noch ein Magnet für Einwanderer ist, dynamisch wächst und traditionell optimistisch in die Zukunft blickt. Dass die einen aus Vorsorge lieber sparen und die anderen mit dem Mut zur Zukunft lieber auf Wachstum setzen, ist also kein Wunder.

Dennoch dürfen Amerika und Europa in der Wirtschaftspolitik nicht getrennte Wege gehen. Beide sind aufeinander angewiesen. Wenn die Europäer endlich mehr dafür tun, ihr Wachstumspotenzial auszunutzen, könnten die USA einen Gang zurückschalten statt erneut einen Aufschwung auf Pump zu finanzieren. Geithner hat recht, wenn er davor warnt, dass Europa sich und den Rest der Welt nicht in die nächste Rezession sparen darf. Aber auch die Amerikaner können ihre Haushaltssanierung nicht auf die lange Bank schieben. Was liegt also näher, dass man die Wirtschaftspolitik koordiniert, damit beide davon profitieren können und die Weltwirtschaft in ein besseres Gleichgewicht findet. Aber dazu müsste man sich zunächst einmal in die Augen schauen.

Ähnliche Beiträge

Alle Kommentare [7]

  1. Es bedarf gewisser Einsichten um die gemeinsamen Aussichten zu erkennen. Herrn Riecke kann man sich in seiner Einschätzung nur
    anschließen.

    Da kann ich Ihnen nur recht geben. So sehe ich dies auch.

    Lg Steve

  2. Man muss sich nur mal die Daten zum US-amerikanischen BIP etwas genauer ansehen, um müde zu lächeln, wenn hier von einem dynamischen Wachstum der \neuen Welt\ fabuliert wird. Die zuletzt positiven Zahlen zum US-Wachstum basieren im Wesentlichen auf der unglaublich expansiven Fiskal- und Geldpolitik der USA sowie auf einem wieder ansteigenden Konsum bei stagnierenden Realeinkommen, hoher Arbeitslosigkeit und einem weiterhin sich kaum veränderndem Leistungsbilanzdefizit. Ein Schelm, wer hier Ähnlichkeiten zum US-Wachstumsmodell der Vorkrisenzeit erkennt, das sich bekanntermaßen vor allem durch seine Stabilität und Nachhaltigkeit auszeichnete…

    Und selbst wenn wir hier in der alten Welt sämtliche noch praktizierten Grundsätze der schwäbischen Hausfrau über die Wupper gehen lassen, was sollten dann wir dann zusätzlich aus den USA importieren? Nutzenentleerte Ipads etwa? Oder innovative Fashion à la Ed Hardy?

    Eigentlich sollten in einer funktionierenden Marktwirtschaft Krisen und Rezessionen dazu genutzt werden, um überkommene Strukturen durch neue zu ersetzen. Das würde jedoch einen überaus schmerzhaften Anpassungsprozess bedeuten, der in einer Mediendemokratie nicht durchsetzbar ist, in der steigende Risikoprämien für weltwirtschaftlich nahezu bedeutungslose Volkswirtschaften und ein sich immer noch weit über der Kaufkraftparität befindender Eurokurs zu Krisen von globalem Ausmaß hochstilisiert werden. So bleibt uns letztendlich doch nichts anderes übrig, als auf den großen Knall zu warten…

  3. Sparen müssen wir, da führt kein Weg daran vorbei. Blos kann man das richtig und falsch machen. Bisher läuft es eher falsch.

    So würde ich es mir wünschen: Weniger Abgaben bei der Bevölkerung, weniger Ausgaben im Öffentlichen Bereich.
    Konjunkturpakete darf es nur für zukunftsträchtige Branchen geben:
    Gen-, Bio- und Nanotechnik, erneuerbare Energien, IT, Materialwissenschaften usw.
    Subventionen können bei Kohle, Atomenergie und der Automobilbranche, Hoteliers abgebaut werden. Ebenso könnte man viel Geld sparen, wenn sich der Staat endlich komplett aus den Angelegenheiten der Kirchen zurückzieht.

  4. Ich stimme Ihnen zu, Herr Riecke, bei diesem Treffen standen sich alte und neue Welt gegenüber. Besser konnten die Gegensätze, zumindest im visuellen Bereich, nicht veranschaulicht werden.

    Das Problem der USA verlagert sich doch mehr und mehr in Richtung China, deren Zentralbank mittlerweile rund 2.000.000.000.000 US-$ Devisenreserven besitzt. Das sollte den AmerikanernAngst machen. Man stelle sich einmal vor, damit würde ein Einstieg in die großen US-Handelelsketten finanziert, die auf Druck der neuen Miteigentümer irgendwann beschließen, es werden nur noch chinesische Waren gekauft und vertrieben….botanist to

  5. Ich glaube nicht an Missverständnisse, sondern daran dass die USA Geld brauchen, und der dumme und besiegte deutsche Michel muß es liefern. Man sollte von Seiten der Journalisten, nicht immer etwas interpretieren. Die deutschen haben eine andere Vorstellungen als die USA, und dies sollte man Respektiren.
    Danke

  6. ich stimme auch mit dem ueberein was H.Riecker sagt. Um aus dieser Krise herauszukommen muss ein gemeinsamer Weg gefunden werden bei dem beide Seiten von Ihrem jetzigen Standpunkt Abstriche machen muessen! Auch sollte versucht werden China mehr mit einzubinden denn wie wir schon gesehen haben hat dieses Land mit seinem Potenzial und Devisenreserven ein entscheidendes Wort hinsichtlich der Erfolgsaussichten eines globalen Finanz- u/o Konjunkturprogramms mitzureden!

  7. Es bedarf gewisser Einsichten um die gemeinsamen Aussichten zu erkennen. Herrn Riecke kann man sich in seiner Einschätzung nur
    anschließen.