Deutsche Wirtschaft: Statistiker weisen Stagnation aus

Heute Morgen haben die Statistiker in Wiesbaden ihre Drohung wahr gemacht. Sie haben für das vierte Quartal eine Stagnation der deutschen Wirtschaft gemeldet: Das um Saison- und Kalendereinflüsse bereinigte Bruttoinlandsprodukt stagnierte im vierten Quartal gegenüber dem dritten Quartal. Das Statistische Bundesamt hatte zwar schon vor Wochen eine Seitwärtsbewegung angedeutet. Aber die meisten Volkswirte hatten wie ich wegen der gestiegenen Industrieproduktion (1,0% gegenüber Q3) und höherer Exporte mit einem leichten Plus (0,2%) gerechnet. Nach Angaben der Statistiker sind im vierten Quartal der Konsum und die Investitionen gefallen. Am 24. Februar werden die Statistiker detaillierte Angaben machen.

Mich beeindruckt die Stagnation im vierten Quartal nicht sonderlich. Erstens kommt sie nach einem satten Plus im dritten Quartal (0,7%). Zweitens dürfte das vierte Quartal durch einen Kalendereffekt gedämpft worden sein: Der 1. Januar war in diesem Jahr ein Freitag, so dass die zwischen Weihnachten und Neujahr üblichen Werksferien vor allem in den Dezember 2009 fielen. Drittens weist der Trend bei den Auftragseingängen noch nach oben, auch ist das aussagekräftige Ifo-Geschäftsklima bis zuletzt gestiegen.
Nach der Stagnation im vierten Quartal erwarte ich für das erste Quartal, dass das deutsche Bruttoinlandsprodukt gegenüber dem vierten Quartal um ordentliche 0,5% zulegen wird. Ohne den harten Winter würde ich sogar 0,3 Prozentpunkte mehr sehen.

Alles in allem ist die deutsche Wirtschaft seit dem Ende der Rezession im Frühjahr 2009 ordentlich gewachsen. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass sich das Aufwärtstempo vom Frühjahr an abschwächen sollte. Schließlich sind die wirtschaftlichen Ungleichgewichte – auch die in den Peripherieländern der Währungsunion – nur teilweise bereinigt. Darüber hinaus sollte man sich nicht nur auf die Zuwachsraten, sondern auch auf das Niveau des Bruttoinlandsprodukts konzentrieren. Die deutsche Wirtschaft hat gemessen am Bruttoinlandsprodukt Ende 2009 erst 16% der Produktionsverluste aufgeholt, die sie während der Rezession erlitten hatte. Wie nach Finanzmarktkrisen üblich wird sich die Wirtschaft in den westlichen Ländern lange mit niedrig ausgelasteten Kapazitäten herumschlagen müssen. Das ist für mich das Hauptargument, warum die Ära strukturell niedriger Zinsen am langen Ende der Zinsstrukturkurve trotz hoher Staatsschulden noch nicht beendet ist.

Dr. Jörg Krämer, Chefvolkswirt, Commerzbank AG

Kategorie: Konjunktur | Tags: ,
Jörg Krämer

Über Jörg Krämer

Jörg Krämer ist Chefvolkswirt der Commerzbank. Er studierte Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Bonn und Münster und promovierte 1995 am Institut für Weltwirtschaft (IfW) beim ehemaligen Institutspräsidenten Prof. Dr. Horst Siebert.

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