Im Februar habe ich im Handelsblatt ausführlich über die akademische Protestbewegung gegen die Preis- und Abo-Politik des Elsevier-Verlags berichtet.
Ausgehend von einigen Mathematikern haben bislang mehr als 11.000 Forscher aus aller Welt (im Februar waren es 6000) erklärt, dass sie ihre Arbeiten nicht mehr in Fachzeitschriften von Elsevier veröffentlichen wollen.
Zu Erfolgsaussichten des Protests schrieb ich damals:
“Dass der Boykottaufruf Elsevier und andere Verlage zum Umdenken bringt, bezweifeln Experten. „6000 protestierende Wissenschaftler klingt nach einer schönen Zahl, aber gemessen daran, wie viele Forscher jedes Jahr Aufsätze veröffentlichen, ist das wenig“, sagt ZBW-Experte Siegert.
Auch Haucap hat Zweifel: „Ich bin skeptisch, ob ohne koordiniertes Verhalten ein Boykott Erfolg hat.“
Eine interessante Umfrage der Kieler Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften (ZWB) bestätigt diese Einschätzung jetzt. Die ZBW befragte 813 Ökonomen – und der Großteil von ihnen gab sich gleichgültig.
Gerade einmal acht Prozent hatten den Boykottaufruf gegen Elsevier unterschrieben. Weitere 46 Prozent hatten nicht von der Aktion gehört, schließt aber eine Teilnahme nicht aus. 39 Prozent hatten sich bewusst dagegen entschieden, acht Prozent hatten noch nicht davon gehört und interessieren sich auch nicht weiter für das Thema.
Es ist vor allem die Angst vor negativen Folgen für den eigenen beruflichen Werdegang, die für diese Lethargie verantwortlich ist. Aus der ZBW-Pressemitteilung: » Weiterlesen
Es war eine ziemlich peinliche Nachricht, die die private Berliner Business School ESMT gestern bekanntgeben musste: Der Stanford-Professor Stefan Reichelstein, der eigentlich in weniger als drei Wochen die Führung der Hochschule übernehmen sollte, kommt doch nicht. Ende Januar hatte Reichelstein seinen Vertrag unterschrieben, im März hatte er sich in Berlin den Mitarbeitern vorstellt.
Auf die Frage nach den Gründen für diesen Schritt schwieg sich die ESMT gestern hartnäckig aus. Gebetsmühlenartig wurde der Satz wiederholt, Reichelstein habe “nach Abwägung aller Faktoren dafür entschieden, weiterhin für die Stanford Graduate School of Business tätig zu sein”. Für alles weitere verwies man mich mehrfach in Berlin ausdrücklich direkt an Reichelstein: “Das kann er ihnen nur selbst erklären.”
Und was macht Stefan Reichelstein? Er schrieb mir heute morgen folgende E-Mail:
“Ich habe mit den ESMT-Verantwortlichen abgesprochen, dass alle externen Anfragen hinsichtlich der Gründe für meinen Nichtantritt an die Abteilung für Presse-und Öffentlichkeitsarbeit der Schule verwiesen werden.
Sie werden insofern hoffentlich Verständnis dafür haben, dass ich Ihnen in dieser Angelegenheit nicht weiterhelfen kann.”
Ehrlich gesagt hält sich mein Verständnis in Grenzen – das habe ich allen Beteiligten heute auch schon mitgeteilt.
Ich fühle mich, ganz ehrlich gesagt, ziemlich auf den Arm genommen. » Weiterlesen
Wer mir bei Twitter folgt, konnte es live miterleben: Als eingefleischter Schalke-Fan habe ich das DFB-Pokalfinale am Samstag in Berlin mit sehr gemischten Gefühlen gesehen, zumal ich vor einem Jahr beim Schalker Pokalgewinn selbst in der Kurve stand.
Aber ich muss gestehen: Es war ein tolles Fußballspiel, und am Ende siegte bei mir die Schadenfreude über die Blamage Bayern Münchens über den Missgunst eines weiteren Erfolgs für die Mannschaft unserer Lokalrivalen aus Lüdenscheid-Nord.
Nächsten Samstag findet in München das nächste Spitzenspiel statt, Bayern tritt im Champions-League-Finale im eigenen Stadion gegen Chelsea an. Die wirklich schwierige und immens wichtige Frage, wen ich als Schalke- und Arsenal-Fan an dem Abend unterstütze, will ich hier nicht weiter diskutieren. Sondern die Frage, ob die Begegnung auch ein Aufeinandertreffen von zwei verschiedenen Geschäftsmodellen des Profifußballs ist.
Auf der seinen Seite stehen die vergleichsweise solide wirtschaftenden Bundesliga-Vereine, in denen dank der “50 plus 1-Regel” Investoren nicht die Mehrheit übernehmen können – auf der anderen Seite die Premier-League-Clubs, die das Hobby- und Prestigeprojekt gelangweilter Oligarchen (Chelsea) und Ölscheichs (Man City) sind. » Weiterlesen
Die Printausgabe der FAZ bekomme ich seit meinem Umzug nach London nur noch selten zu Gesicht. Heute war so ein Tag.
Dank der Lufthansa, die schon in der 7.10-Uhr-Maschine ab Heathrow die aktuelle Ausgabe verteilt.
An sich bin ich großer Fan des Fotos und der Bildzeile auf Seite eins. Heute morgen ist mir aber, wie man in meiner alten Heimat, dem Ruhrgebiet, so schön sagt, der Kitt aus der Brille gefallen.

Ich bin mir nicht sicher, was mich mehr ärgert: Die überhebliche Häme gegenüber den Griechen, oder das altherrenhafte Wortspiel mit den “zauberhaften Täubchen”.
(Oder bin ich der einzige, der dabei an die “herrlich lachende Griechin” denken muss?). » Weiterlesen
Ifo-Chef Hans-Werner Sinn behauptet es seit mehr als einem Jahr: Die Forderungen, die die Bundesbank über das Target2-Zahlungssystem an die EZB hat, seien letztlich ein Kredit der deutschen Notenbank an die Target2-Defizit-Länder: Die Target-Salden seien „eine Art Kontokorrentkredit“ und würden „eine öffentliche internationale Kreditvergabe“ zwischen den Notenbanken „messen“.
Von vielen – auch von mir – ist diese Wortwahl immer wieder kritisiert worden. So betonte der ehemalige Wirtschaftsweise Olaf Sievert in einem offenen Brief an Sinn:
“Über das Target2-System wird kein Kredit gewährt. (…) Eine irreführende Wortwahl bei der Kennzeichnung eines Sachverhalts ist kein guter Einstieg in dessen Analyse”
Zwei Ökonomen der Uni Jena – Peter Burgold und Sebastian Voll – machen in einem jetzt veröffentlichten Arbeitspapier mit dem Titel “Mythos TARGET2 — ein Zahlungsverkehrssystem in der Kritikden gleichen Punkt”. Aus der Zusammenfassung:
“Die Salden sind keine echten Kredite und sollten nicht als solche betrachtet werden. Die zugrunde liegenden ökonomischen Probleme sind weder hinreichend noch notwendig mit dem Zahlungssystem verknüpft und können deswegen darüber nicht sinnvoll angegangen werden. “
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Im folgenden eine Antwort von Ifo-Chef Hans-Werner Sinn auf den Blogpost, den Hans Peter Grüner am 23. April zum Zusammenhang zwischen der Leistungsbilanz und den Target-Salden geschrieben hat:
Lieber Herr Grüner,
vielen Dank für Ihre Antwort vom 23. April 2012. Lassen Sie mich nochmals rekapitulieren. Sie haben als Kritik an meiner Position angeführt, die Target-Salden hätten die Leistungsbilanzdefizite nicht finanzieren können, weil diese Defizite ja auch schon vor der Krise und vor dem Herausbilden der Salden vorhanden gewesen seien. Daraufhin habe ich gesagt, dass ich die Ausweitung der Leistungsbilanzdefizite auch nicht behauptet hatte, sondern nur die Finanzierung dieser Defizite mit Target-Krediten. Ein Leistungsbilanzdefizit im Euroraum müsse nun mal durch Target-Kredite oder durch (normale) Kapitalimporte finanziert werden. Sie erwiderten in Ihrem letzten Brief, dass Leistungsbilanzdefizite auch durch Vermögensübertragungen, wie sie durch Konkurse stattfinden, bezahlt werden können.
Was Sie sagen ist zwar richtig: Ein griechischer Konkurs führt zu einem Forderungsverzicht der Ausländer, der für sich genommen eine Verminderung des griechischen Kapitalimports bedeutet und insofern neben dem normalen Kapitalimport und den Target-Krediten eine weitere Finanzierungsquelle für das Leistungsbilanzdefizit hätte sein können. » Weiterlesen
Diese geniale Überschrift ist leider nicht von mir, sondern von den Volkswirten von Credit Suisse. Die haben heute in einer Research-Note ihre Sicht zur Target2-Debatte dargestellt – und betonen die Bedeutung der Kapitalflucht aus Spanien und Italien für die Explosion der Target-Salden.
Bislang werde die Kapitalflucht hauptsächlich von ausländischen Investoren getrieben, nicht von spanischen und italienischen Sparern.
Zudem unterschreiben die Credit-Suisse-Ökonomen, dass die Target-Salden nur ein Symptom für die Probleme des Währungsraums sind, nicht aber selbst ein Problem darstellen. Eine Sichtweise, die ich seit fast einem Jahr vertrete. Daraus folgt, dass eine wie auch immer geartete Beschränkung der Target-Salden nichts bringt.
Hier die Argumentation der Credit-Suisse-Ökonomen in voller Schönheit: » Weiterlesen
Eine Antwort auf Hans Werner Sinns Kommentar zu meinem Beitrag „Die Dürre Bertha“.
Lieber Herr Sinn,
Ich möchte die Wahl, vor der wir stehen, noch einmal mit Blick auf alle drei Hauptkomponenten der Zahlungsbilanz (Leistungsbilanz, Bilanz der Vermögensübertragungen, Kapitalverkehrsbilanz) beschreiben.
Neben der Leistungsbilanz und der Kapitalverkehrsbilanz gibt es die Bilanz der Vermögensübertragungen. Erst die Salden dieser drei Bilanzen und der Betrag, der den statistisch nicht aufgliederbaren Transaktionen zugewiesen wird, addieren sich zu Null. In normalen Zeiten spielt die Bilanz der Vermögensübertragungen praktisch keine Rolle. Im vorliegenden Fall sehe ich das anders. » Weiterlesen
Die deutschen Unternehmen haben im April wieder einmal eines gezeigt: Mit ihnen ist zu rechnen. Selbstbewusst haben die Firmen bei der monatlichen Ifo-Umfrage klar gemacht, dass sie trotz der wieder aufflammenden Euro-Schuldenkrise erfolgreich Geschäfte machen – und annehmen, dass das künftig so bleibt. Der Chef der Münchener Wirtschaftsforscher aus der Poschingerstraße, Hans-Werner Sinn, sagt das so:
Die deutsche Wirtschaft zeigt sich widerstandsfähig.
Was sich daran ablesen lässt? Die These, dass die deutsche Wirtschaft im Winter nur eine Wachstumspause eingelegt hat – im vierten Quartal 2011 war das Bruttoinlandsprodukt im Vorquartalsvergleich geschrumpft – hat neues Futter bekommen. Inzwischen spricht sehr viel dafür, dass die Zeit der Pessimisten vorbei ist – und das Wachstum spätestens im zweiten Quartal zurückgekehrt ist. » Weiterlesen
Hans Werner Sinn hat Ende März ein neues ausführliches Target 2 Papier verfasst*, das seine Thesen zusammenfasst und auf einige neue Aspekte eingeht – ein Kommentar.
Mehrere deutsche Ökonomen kritisieren die Target Salden innerhalb des ESZB, die sie als „Target Kredite“ bezeichnen. Beginnen will ich mit Hans Werner Sinns Kernaussage:
“Target Kredite bedeuten wie öffentliche Rettungsschirme, dass das deutsche Sparkapital mit dem Geleitschutz der Staatengemeinschaft, faktisch vor allem mit dem Geleitschutz des deutschen Steuerzahlers, wieder aus Deutschland ins Ausland gelockt wird, damit es dort statt hier Arbeitsplätze schafft.”
Jörg Krämer kommt zu einer ähnlich negativen Einschätzung:
“Sie (die EZB) finanziert mittlerweile die Leistungsbilanzdefizite der hochverschuldeten Peripherieländer und bürdet damit den Kernländern der Währungsunion hohe Risiken auf.”**
Beides ist wenigstens in Teilen richtig, aber es ist nur ein Ausschnitt der Lage, der bei alleiniger Betrachtung falsche politische Schlüsse nahelegt.
Tatsächlich gibt es in Italien und den anderen GIIPS der Eurozone schon lange Zeit Leistungsbilanzdefizite. Diese Leistungsbilanzdefizite sinken aber in letzter Zeit leicht (vergleiche hierzu diesen sehr nützlichen Beitrag von Bornhorst und Mody ebenso wie Sinns eigene Abbildung 9 – bei der man allerdings die Steigung der Kurve der kumulierten Leistungsbilanzdefizite betrachten muss). » Weiterlesen