Man vergleicht Bundesbankpräsident Jens Weidmann jetzt gern mit seinem Vorgänger Axel Weber, oder mit Jürgen Stark, dem ehemaligen Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank. Aber ich glaube, dieser Vergleich trügt – und das zeigt auch wieder der heutige Tag.
Weber und Stark waren Überzeugungstäter. Sie hatten bestimmte Grundsätze. Und sie resignierten, als sie diese Grundsätze in der europäischen Geldpolitik nicht weiter durchsetzen konnten. Weidmann hat sein Amt zu einer Zeit angetreten, als diese Grundsätze schon beschädigt waren - und er dürfte klug genug gewesen sein, das richtig einzuschätzen.
Weidmann vertritt in der Öffentlichkeit eine ähnliche Linie wie Weber und Stark. Aber so es ist: Er vertritt eine Linie, er spielt sogar eine Rolle. Das heißt nicht, dass er von seinen eigenen Argumenten nicht überzeugt wäre. Aber er ist gewiss kein Überzeugungstäter, sondern ein Pragmatiker. Der größte Unterschied zu Weber und Stark ist: Weidmann – das vermute ich jedenfalls ganz stark – würde nicht deswegen zurücktreten, weil er seine Überzeugungen nicht durchsetzen kann.
Die “Brief-Affäre” zeigt das deutlich. Weidmann schrieb einen besorgten Brief an EZB-Präsident Mario Draghi und kritisierte die nach seiner Ansicht zu laxen Kreditvergabe. Ganz zufällig landete der Brief bei FAZ. Weidmann hat so Profil gezeigt. Aber in einem Gastbeitrag für die FAZ vom heutigen Tage finden sich doch eher beruhigende Töne. Und in der Pressekonferenz streicht er sein gutes Verhältnis zu Draghi heraus und betont, er sei in der EZB nicht isoliert.
Das bestätigt den Eindruck: Weidmann spielt eine ganz bestimmte, durchaus sehr wichtige Rolle. Er ist der Mahner. Er setzt sich für Stabilität ein. Damit bildet er in der EZB und nach außen hin ein Gegengewicht zu den Leuten, die die Zentralbank lieber noch großzügiger sähen oder sie am liebsten gleich schlachten würden wie ein Geldschwein. Außerdem demonstriert Weidmann so gegenüber dem deutschen Steuerzahler: Wir achten auf dein Geld! – was ihm freilich nicht mehr alle abnehmen.
Letztlich spielt Weidmann so eine sehr fein abgestimmte Rolle im mehr oder minder gut organsierten Theater der deutschen und der europäischen Politik. Bei Weber und Stark war es anders: Sie wollten nicht spielen, deswegen mussten sie die Bühne verlassen. Aber wer nicht mehr mitspielt, kann sich gar kein Gehör mehr verschaffen.

