» 20. August 2012, 10:31 Uhr

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Flinkes Kabel für superschnelle Trades

Auf den ersten Blick eine Techniknachricht – auf den zweiten Blick eine Wirtschaftsnachricht: Zwischen Tokio, Hongkong und Singapur geht heute ein neues Untersee-Internetkabel in Betrieb. Doch auch wenn private Surfer ebenfalls etwas von der schnelleren Anbindung haben dürften – der eigentlich Grund für das teure Projekt liegt im modernen Börsenhandel.

Denn die Signale legen die Strecke in dem neuen Kabel drei Millisekunden schneller zurück als bisher. Für die meisten Internet-Anwendungen ist dieser Zeitgewinn egal. Für Hochgeschwindigkeits-Trading macht er einen Riesenunterschied. 

Es fällt schon auf, welche drei Städte das neue Kabel verbindet. In Tokio, Hongkong und Singapur befinden sie die drei Leitbörsen Asiens.

Außerdem handelt es sich um Städte, die bisher schon hervorragend ans weltweite Netz angebunden sind. Als ich in Tokio gelebt habe, hatte mein Haus einen eigenen Glasfaseranschluss. Meine Verbindung hat ein Gigabyte pro Sekunde durchgesetzt. Das war viel mehr, als ich aus Deuschland gewöhnt war.

Nein, das Kabel war wahrhaftig nicht nötig, um die technikwütigen Ostasiaten mit noch mehr Daten zu versorgen. Doch die Steigerung der Latenzzeit, also der Verzögerung durch die Weiterverarbeitung der Information, bei der neuerdings eingesetzten Technik, spielt eine Rolle für den Computerhandel an der Börse.

Beim Hochfreqzenzhandel nutzen Computer innerhalb von Millisekunden beispielsweise Mikrotrends aus – sie springen auf eine Aufwärtsbewegung auf, die wegen der Langsamkeit menschlicher Akteure erfahrungsgemäß einige Sekunden anhalten. Aus Sicht einer schnellen Software ist das eine Ewigkeit. Ein Kursberg, der sich weidlich für Gewinne ausnutzen lässt.

Oder die Programme nutzen Kursdifferenzen für gleiche Assetzklassen in verschiedenen Märkten. Sie machen also so genannte Arbitragegeschäfte. Auch hier zählen heutzutage Sekundenbruchteile, weil die Kurse sich – auch und gerade durch solche Geschäfte – schnell wieder angleichen.

Solcher algorithmischer Handel läuft zunehmend auch international. Doch er ist verständlicherweise sinnlos, wenn die Übertragunszeit der Daten zu lang ist.

Die Software sieht dann einen Kursstand, der vielleicht schon mehrere Hundertstelsekunden alt ist  – eine Ewigkeit, da könnte sie gleich auf Tafeln mit babylonischer Keilschrift nachschauen. Und sie kann ihre Reaktion vielleicht auch nur im Bereich von Hundertstelsekunden senden – viel zu langsam, da wäre ein Zeigertelegraf (oder ein Pferdebote) ebenso gut.

Fragt sich nur, ob die reale Wirtschaft von dem Geschwindigkeitszauber wirklich profitiert. Erhöht die Beschleunigung um drei Millisekunden zwischen Tokio und Singapur die Effizienz der Kapitalzuordnung? Ich glaube nicht.

 

» 20. August 2012, 10:31 Uhr