» 09. Juni 2012, 11:01 Uhr

Trotz allem: Europa ist auf dem richtigen Weg

Die Griechenland-Wahl vor der Tür, Spanien in Not und in Italien eine wachsende politische Verzweiflung: Gefühlt steuert die Euro-Zone auf einen neuen Tiefpunkt zu. Aber die Entwicklung ist besser als die Stimmung.

Zum einen darf man nicht übersehen, was in der letzten Zeit alles funktioniert hat. Die Umschuldung in Griechenland etwa, die vom Volumen eine historische Dimension hatte, ist mit einer Beteiligung von 97 Prozent der privaten Gläubiger über die Bühne gegangen. Und – ist die Welt untergegangen? Nein, und das ist eine gute Nachricht, die zurzeit völlig übersehen wird.

Genauso übersehen wird, dass sich die Euro-Zone inzwischen weitgehend so sortiert hat, dass sie wahrscheinlich sogar einen Austritt Griechenlands verkraften würde. Das heißt nicht, das so ein Austritt gut oder auch nur wahrscheinlich wäre. Im Gegenteil: Einfacher wäre es für Griechenland wie auch die Euro-Zone, die Probleme innerhalb der Währungsunion zu lösen. Und die Chancen dazu sind immer noch vorhanden. Die griechischen Wähler rücken laut Umfragen etwas mehr zur Mitte. Und selbst der radikale Sozialist Alexis Tsipras findet im Gespräch mit ausländischen Vertretern weitaus gemäßigtere Töne als im Wahlkampf gegenüber den eigenen Anhängern. Weil auf der anderen Seite auch die ökonomische Vernunft gebietet, Griechenland etwas mehr Zeit und Luft zum Atmen zu lassen, dürfte die Tür für Kompromisse noch offen sein.

Und was Spanien angeht: Die Probleme dort kommen endlich auf den Tisch. Und sie werden gelöst: auf die europäische Art, mit ein bisschen Geschiebe und Getrickse, aber letztlich zählt doch, was am Ende dabei herauskommt. Das Beispiel Spanien zeigt letztlich eines ganz deutlich: Die Euro-Krise ist nicht das Problem, sondern Teil der Lösung. Denn sie zwingt alle Beteiligten dazu, die Augen aufzumachen und sich etwas einfallen zu lassen.

Die Stimmung ist schlechter als die Lage. Ein Grund dafür ist, dass Märkte, Medien und Politiker auf die falschen Kennzahlen schauen. Der starre Blick auf das Staatsdefizit in Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) in den angeschlagenen Staaten ist trügerisch. Und der Blick auf das Wachstum – oder die Schrumpfung – des BIP ebenfalls. Denn es ist klar, dass auch bei einem absolut sinkenden Defizit die Quote nicht mitsinkt, wenn zugleich das BIP schrumpft. Auf der anderen Seite ist es aber logisch, dass das BIP da, wo es in den Jahren zuvor vor allem durch Konsum auf Pump finanziert wurde, zunächst einmal schrumpfen muss, wenn die Strukturen sich verbessern sollen. Wenn die angeschlagenen Länder in die Rezession rutschen und das prozentuale Defizit zunächst hartnäckig hoch bleibt, dann ist das also schlichtweg eine Frage der ökonomischen Logik und nicht ein Zeichen dafür, dass die wir auf dem falschen Weg sind.

Die richtigen Kennzahlen wären: Wie stark sinkt das ABSOLUTE Defizit in diesen Ländern? Wie entwickeln sich die Exporte, und vor allem, wie entwickelt sich die gesamte Leistungsbilanz? Wie stark sind die Löhne wieder gesunken – und damit: wie sehr haben die Länder ihre verlorene Wettbewerbsfähigkeit, gemessen an den Lohnkosten, schon wieder zurückgewonnen?

Bei allen diesen Fragen gibt es zurzeit schon positive Antworten. Und wenn man die Blick auf die gesamte Euro-Zone wirft, dann gehen Experten davon aus, dass die Verschuldung insgesamt in den nächsten Jahren tendenziell, wegen der harten Sparmaßnahmen in einigen Ländern, wieder zurückgehen wird. Ganz anders als in den USA, wo sie wieder ansteigt. Wenn man sich fragt, woher die Gefahr einer hohen Inflation rührt, dann ist aber die Blick auf die gesamte Verschuldung entscheidender als einzelne gigantische Hilfmaßnahmen der Europäischen Zentralbank. Denn wenn die gesamte Verschuldung unter Kontrolle bleibt, dann kann die Geldpolitik ebenfalls die Zügel in der Hand behalten. Gerät dagegen die gesamte Verschuldung außer Kontrolle, bleibt der Notenbank irgendwann nichts anderes mehr übrig, als immer mehr Geld zu drucken.

Daher bleibt es dabei: Europa ist letztlich auf dem richtigen Weg, und zwar nicht TROTZ der Krise, sondern WEGEN der Krise. Alle Versuche, die Krise durch Eurobonds, gemeinsame Einlagensicherung oder ähnliche Späße zu überdecken, dienen daher nicht zur Lösung der Probleme, sondern nur dazu, die Probleme weiterschwelen zu lassen.

» 09. Juni 2012, 11:01 Uhr

    17 Kommentare zu “Trotz allem: Europa ist auf dem richtigen Weg”


  1. [...] Frank Wiebe: Trotz allem: Europa ist auf dem richtigen Weg [...]

  2. Wiebe sagt:

    Vielen Dank für Ihre kritischen Kommentare!
    Ich möchte nur betonen, dass ich weder den totalen Krieg ausgerufen noch behauptet habe, alle Probleme wären gelöst. Die Frage ist nur,
    ob die Richtung stimmt. Und ich glaube, sie stimmt, trotz allem …

  3. DerFrankenberger sagt:

    Lieber Herr Wiebe,
    Sie wären ein guter Politiker. Ich glaube Herr Schäuble käme gut mit Ihnen klar oder der Herr Barroso. Zum Totlachen, wenn es nicht so traurig wäre. Das Handelsblatt sollte seine Redakteure oder Kolumnisten mal verpflichten, das Buch von Thilo Sarrazin zu lesen, was stattdessen von Leuten, die nicht 10% soviel Sachverstand haben wie Sarrazin ideologisch und zu Unrecht totgeschrieben wird. Der Zweck heiligt die Mittel und Vertragsbruch ist in Europa die neue political correctness. Europa mir graut vor dir. Ansonsten alles super.

  4. alpha 242 sagt:

    Sind jetzt bewußtseinserweiternde Drogen bei den Handelsblatt-Redakteuren Pflicht ??

    Die Euro Zone ist dem Kollaps (endlich) näher als je zuvor und sie malen rosarote Wölkchen..

    Ich empfehle die Lektüre der Welt-Online. Da scheint man doch ein wenig mehr Realitätssinn aufzuweisen.

  5. ddd sagt:

    dddd

  6. Karl Schaefer sagt:

    Sehr geehrter Herr Wiebe,

    Bleiben Sie so wie Sie sind.
    Ihr Artikel trifft den Nagel auf dem Kopf.
    Die Welt lebt von schlechten Nachrichten, nicht von guten!
    Wie immer im Leben.
    Hoffe bald wieder von Ihnen zu lesen.

    Wir brauchen Highlights in der Hysterie.
    Vielen Dank.

  7. Hans Vorderwuelbecke sagt:

    Mit zwei Worten: Eurokraten-Propaganda. Ist dies noch das Handelsblatt?
    Europa ist auf dem richtigen Weg?! Auf dem Holzweg.

    Wer die Sachlage mit akademischem Sachverstand, common sense (sorely lacking these days) und kühlem Kopf analysiert wird unweigerlich feststellen, dass sich die strukturellen Probleme der Eurozone keinesfalls mit geldpolitischen Maßnahmen heilen lassen. Es hakt in der Währungsunion unter Anderem an viel zu heterogener Wettbewerbsfähigkeit und insbesondere an kulturellen Unterschieden.
    Die angestrebte Fiskalunion verstößt gegen das Grundgesetz. Die postulierte Transferunion ist sozialistisches Hirngespinst, das den einzigen Zahler – Deutschland – mittelfristig überfordert.
    Und von der politischen Dynamik, die die Vermögensumverteilungen zu Lasten des deutschen Volkes angesichts des Müßiggangs im Club Med entwickelt, möchte ich erst gar nicht anfangen…

    Wann besinnen sich unsere Politiker endlich auf ihren Eid und stellen das Wohl des deutschen Volkes in das Zentrum ihres Handelns??!

  8. Calimero sagt:

    @aspi

    Die Eurokrise ist eine Vertrauenskrise und zugleich eine Verschuldungskrise. Die Medien trifft keine aber keine Schuld. Die Schuld liegt einzig und allein bei der EU. Mit dem Bruch der No-Bailout Klausel und ihrer Wischiwaschi Politik hat sich die EU ihr Totengrab selber geschaufelt. Dieser verniedlicht die Probleme genauso wie es die EU bei der Aufnahme vieler Länder gemacht hat.

  9. Überzeugter Europäer sagt:

    Endlich mal ein positiver Artikel, in der Wüste der negativen Berichterstattung der letzten 2 Jahre. Liebe Leser des Handelsblatts, laßt uns immer im Vordergrund stellen was wir zusammen in Europa erreicht haben nach 1945. Dies haben wir alle gemeinsam erreicht mit vereinten Kräften und alle Länder Europas von Finnland, über Deutschland und Holland, bis hin zu Frankreich, Portugal und Griechenland haben davon profitiert. Alle mußten dafür ihren Beitrag leisten, der eine mehr der andere weniger, aber das gemeinsam Erreichte, ist etwas worauf wir alle stolz sein können. Unser Europa… Schirm gegen alles Böse was in uns steckt(e) und kreative Lebensquelle für die schrittweise Vereinigung eines Kontinents mit ähnlicher kultureller Vergangenheit und eine enorme Vielfalt… Werdet nicht schwach durch die Krise und seid optimistisch… in den Sturm braucht man echte Kapitäne, Deutschland ist einer davon, dieses Mal ein wichtiger und ein guter… und das Boot steuert auf den sicheren und besseren Hafen zu, das Glas ist halbvoll liebe Freunde, nicht halbleer…

  10. Sanne sagt:

    Lieber Herr Wiebe,
    geht es Ihnen gut? Ich meine gesundheitlich? Bei einem solchen Artikel muss ich in der Tat nach Ihrem Zustand fragen.
    Griechenlands “Umschuldung” hat geklappt? Die stehen genauso schlecht da wie vorher, nur dass jetzt seitens der Medien mehr auf die Spanier gechaut wird. Und die Verschuldung kann unter Kontrolle bleiben? Ich kann aus Platzgründen nicht auf jeden unsinnigen Punkt von Ihnen eingehen, aber ich bin entsetzt, wie man hier unter Umgehung jeglicher Tatsachen so einen Unsinn in die Welt setzen kann.

  11. Old sagt:

    Wer nicht versteht, dass eine Währung im Verhältnis zu seiner Wirtschaftskraft stehen muss, hat trotz vieler Beispiele nichts begriffen. Deshalb wird der Euro, in der jetzigen Form, bald Geschichte sein.

    Die Eurokraten sind nicht besser als die Führung der UDSSR, die 70 Jahre lang, diktatorisch allen integrierten Ländern Jahrespläne aufgestellt hat. Nicht einmal diese relativ lange Zeit hat die unterschiedlichen Kulturen unterdrücken können.

    Wenn wir den Weg beschreiten, ein einheitliches Wirtschaftswachstum in Europa zu schaffen, anderes funktioniert eine einheitliche Währung nicht mehr, sind wir nicht weit weg von einer Planwirtschaft.

  12. aspi sagt:

    Ein treffender Kommentar! Hinzufügen sollte man noch: Die Eurokrise ist in erster Linie eine Vertrauenskrise, ausgelöst durch eine massive Anti- und Panik-Berichterstattung der Medien. Diese wird genährt durch einen durch die “political correctness” unterdrückten und dennoch unter der Oberfläche kochenden Links/Rechts/wasauchimmer-Nationalismus in den meisten Redaktionen (und den Leserkommentarspalten sowieso): Man prügelt den Euro und meint aber “das Ausland”, vor allem die “faulen Südländer” (und umgekehrt).

  13. whoknow sagt:

    Nun Schäuble sagte letztens: “die Euro-Krise ist gelöst”.

    Oder wie die Amis sagen: Europe is fixed.

    Noch Fragen?

  14. Elitenhasser sagt:

    Wohl zu viel Goebbels geschaut, Herr Wiebe! Sie sollten wissen, wie das ausging, als er im Sportpalast den totalen Krieg ausgerufen hat.

    Wenn Sie jetzt darangehen und einen Euro beschreien, totaler und radikaler als wir uns das überhaupt noch vorstellen können, legen Sie Ihren Lesern nahe, daß es mit dem Euro ein ähnliches Ende nehmen wird wie mit Goebbels, Hitler und dem Dritten Reich.

    Wenn’s nach mir ginge, lieber heute als morgen.

  15. Zahlmeister sagt:

    Der Endsieg steht unmittelbar bevor.

    Heil Euro !!

  16. dw-seneca sagt:

    … sagte der Fallschirspringer auf dem Weg nach unten, um den vergessenen Fallschirm zu holen.

  17. nordsud007 sagt:

    Gestern sah es noch verzweifelt aus in Europa, wenn man den Zeitungen glaubte. Nun gut, dass sich die Stimmung täglich ändert. Das kommt zum Teil daher, dass Gesetze von den Politikern nicht mehr so genau genommen werden, was die EU betrifft. Morgen kann es wieder katastrophal aussehen, je nachdem zu welcher Seite unsere Angie ihr Köpchen nickt. Eine politische Linie ist nicht erwünscht, da die Wirtschaft mit ihrem zweiten Bein, nämlich der Spekulation, viel mehr Gewinne einfahren kann als mit der Produktion von Waren und Dienstleistungen. Geht die Spekulation mal daneben, ist der Steuerzahler am Zug.