» 18. April 2012, 15:00 Uhr

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Die Enteignung findet schon statt

Nur 0,14 Prozent muss der Bund den Anlegern noch bezahlen, um zweijährige Papiere verkaufen zu können. Das erinnert auf den ersten Blick an japanische Verhältnisse. Aber nur auf den ersten. Denn in Japan herrscht Deflation, daher sind die Realzinsen positiv. In Europa herrscht Inflation, daher sind die Realizinsen negativ. Um etwa zwei Prozent verliert das Geld, das in Anleihen zu nahe Null investiert wird, jedes Jahr an Wert.

Im Grunde findet damit schon eine Art schleichender Enteignung statt. Das ist einer der vielen Wege, auf denen man aus einer zu hohen Verschuldung herauskommen kann. Der andere besteht darin, dass Schulden zusammengestrichen werden (wie jüngst in Griechenland), oder dass der Staat direkt Vermögensbesitzer enteignet – was in der Demokratie kaum funktioniert. Aber Argentinien zeigt immerhin gerade, dass man ausländische Unternehmen enteignen kann.

Die sanfte Enteignung durch negative Realzinsen ist eher ein angelsächsisches als ein japanisches Modell. Denn fast alle guten Ratschläge, die angelsächsische Experten den Europäern, vor allem den Deutschen, geben, laufen darauf hinaus. Und die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) wahrscheinlich auch.

Die EZB hat die Banken mit billigem  Geld vollgepumpt, damit sie die Märkte für Anleihen schwacher Euro-Staaten stabilisieren. Jetzt wird schon darüber diskutiert, wie sie dieses Geld nach Ablauf von drei Jahren wieder einsammeln kann. Meine Meinung dazu: Entweder die Euro-Länder haben sich bis dahin stabilisiert, dann kann sie das Geld zurückziehen. Oder die Lage bleibt angespannt, dann wird sie wahrscheinlich gezwungen sein, noch mehr Geld nachzuschießen, und das auch wieder durch direkte Käufe von Staatsanleihen auf dem Zweitmarkt.

Zurzeit gibt es große Sorgen, dass diese Ankäufe der EZB den Markt nicht mehr beruhigen. Denn die Zentralbank hat ja beim Schuldenschnitt in Griechenland nicht mitgemacht. Wenn sie kauft, stützt das zwar zeitweilig die Kurse, aber das Risiko bleibt draußen bei den privaten Investoren. Möglicherweise verpufft daher so der Effekt der Käufe – was dazu führt, dass sie noch mehr kaufen muss. Wir werden bald sehen, ob es so ist.

Letztlich ist die EZB zurzeit der einzige wirklich funktionierende Rettungsmechanismus. Der Europäische Rettungsschirm kann bestensfalls kleine Staaten auffangen. Und selbst wenn man ihn immer mehr mit Geld vollstopft, dürfte er zu schwerfällig sein, um die Märkte zu beeindrucken, die sich ja angeblich schon vor lauter Angst vor ihm beruhigen sollen.

Ich glaube nicht an eine schnelle Inflation. Die schwachen Eurostaaten werden sich irgendwie durchwursteln und wieder auf die Füße kommen. Oder das gesamte Finanzsystem sortiert sich neu nach den Ländern und nimmt so schon einen Zusammenbruch der Euro-Zone vorweg. Ich glaube aber, die Chance, dass der Euro überlebt, liegt immer noch deutlich über 50 Prozent. Aber die EZB wird doch immer wieder nachhelfen müssen, und damit auf längere Zeit eine Situation schaffen, in der niedrige Zinsen und eine moderate, vielleicht noch steigende Inflation für negative Realizinsen sorgt. Ich bin immer noch der Meinung, dass die Euro-Krise ihren Höhepunkt überschritten hat. Aber das heißt nicht, dass sie schon bald vorüber sein wird – im Gegenteil, das dauert noch Jahre.

» 18. April 2012, 15:00 Uhr

    9 Kommentare zu “Die Enteignung findet schon statt”


  1. Bonsta sagt:

    Achso, man gibt sein Geld freiwillig lieber dem Staat zu Zinsen unter Inflationsniveau, weil man den “heiligen Märkten” irgenwie doch nicht mehr so recht vertraut und im Handelsblatt wird daraus eine Enteignung. Wenn es nur Dummheit wäre, könnte man damit leben, weil sich sowas irgendwann von selbst erledigen würde. Ich fürchte nur, dass es mit Dummheit nichts zu tun hat. Das Schreckgespenst des Kommunismus muss irgendwie an die Wand gemalt werden, auch wenn das an Idiotie nicht mehr zu überbieten ist.

    Ekelerregend…

  2. Sigmund sagt:

    Meine Vorredner haben es ja schon gesagt, aber ich möchte noch ergänzen:
    Das ist halt Markt! Seid ihr doch sonst auch für.
    Einfach Angebot und Nachfrage. Wenn alle nach Staatsanleihen nachfragen, steigt eben der Preis für den Nachfrager, was hier eben niedrige Zinsen heißt.
    Da seht ihr mal, wie es den Arbeitssuchenden geht. Wenn da zuviele nach Jobs suchen, dann steigt dort auch der Preis, was heißt, sinkt der Lohn.
    Aber die berühmte “eigenverantwortung” gilt ja auch nur für den gewöhnlichen Pöbel.

  3. Frank Wiebe sagt:

    Wer wird gezwungen, diese Anleihen zu kaufen? Glaubt irgendjemand, die Investoren kaufen die aus purem Spaß? Große institutionelle Investoren wie Versicherer oder bestimmte Fonds müssen einen Teil des Geldes sicher anlegen – und dabei gibt es zurzeit nur die Möglichkeit, Sicherheit mit realen Minuszinsen zu erkaufen. Deswegen greifen sie mit vollen Händen zu, obwohl es ein schlechtes Geschäft ist. Und die Kunden dieser Großinvestoren werden natürlich an dem schlechten Geschäft beteiligt.

  4. WKlee sagt:

    Sehr geehrter Herr Wiebe, wird denn jemand gezwungen, diese Staatspapiere zu kaufen? Ihren Artikel hätten Sie sich sparen können.

  5. James sagt:

    Inflation ist Enteignung…

  6. U. Lang sagt:

    Dieser Artikel ist in seiner Naivität und Dümmlichkeit kaum zu überbieten. Ein Armutszeugnis für Verfasser (Finanz-Allraunder?) und Handelsblatt. Mehr fällt mir dazu nicht ein.

  7. Hans Torbin sagt:

    Finanzallrounder? Enteignung ist die Wegnahme des Eigentums einer einzelnen Person durch die Allgemeinheit in Gestalt des Staates!
    Wer zwingt denn Investoren Staatspapiere zu kaufen? Wer das Geld und sein Eigentum so wie dieser Autor liebt, sollte offenbar in hochspekulative Papiere investieren, um einer “Enteignung” zu entfliehen? LOL!!!

  8. Earner sagt:

    Willkommen in der freien Marktwirtschaft, Herr Wiebe!

  9. Geldaufklärer sagt:

    Wieso Enteignung? Wird etwa jemand gezwungen, diese Anleihen zu kaufen?