Angesichts der ungewohnt hohen deutschen Staatsverschuldung von nur wenig unter zwei Billionen Euro fordern viele brave Bürger ein Umdenken im Umgang mit den Staatsfinanzen. Statt sich im Notfall Mittel zu leihen, soll die Regierung vorher Rücklagen für schlechte Zeiten bilden. Doch Geld lässt sich gar nicht in der nötigen Menge aufheben – wie das Beispiel Chinas und Japans zeigt. Manchmal trügt die Alltagserfahrung. Physiklehrer kämpfen immer wieder damit, dass ihre Schüler die Begriffe Energie, Leistung und Kraft durcheinander bringen – weil für die drei Phänomene für den Körper des Menschen so ziemliche auf den selben Effekt hinauslaufen: Hinterher ist man müde.
Ein bisschen so ist es mit dem Geld. Der individuelle Umgang mit dem Geld ist immer noch von seiner physischen Form geprägt, den Münzen und Scheinen. Der Verbraucher kann sie bestens ein paar Jahre aufheben, bevor er sie ausgibt. Doch im ganz großen Maßstab zeigt Geld seine wahre Natur. Das mussten Länder Ostasien erfahren, die gerne monumentale Summen auf die hohe Kante gelegt hätten.
Aber bleiben wir noch einen Moment beim Geld. Obwohl es im Alltag manchmal in physischer Form daherkommt, ist es eigentlich körperlos. Es verhält sich ein bisschen wie mit dem Begriff “Wind”. Ohne Bewegung ist Wind kein Wind, sondern bloß stehende Luft. Auch Geld existiert eigentlich nicht, wenn es sich nicht bewegt. Dann handelt es sich bloß um bedrucktes Papier oder Daten.
Schließlich gleicht das Geld nur Waren und Dienstleistungen gegeneinander ab, die tatsächlich erbracht werden. Wenn ein Friseur einem VW-Mitarbeiter zweitausend Mal die Haare schneidet, hat er sich dadurch ein Auto verdient – damit er sich statt dessen einen Cappucino kaufen kann und der Cafébesitzer sich statt dessen einen Wagen leisten kann, gibt es Geld.
Würde der Staat versuchen, eine Billione Euro für Notfälle sicher festzulegen, würde er grob fahrlässig handeln. Er würde potenziell zu erbringende Produktion und Dienstleistungen blockieren. Theoretisch ließe sich das Geld von einem Staatsfonds anlegen (dann käme es als Investition der Privatwirtschaft zugute), doch wie das Jahr 2009 gezeigt hat: Eine Krise ist ein sehr schlechter Zeitpunkt, um einige hunder Mrd. Euro in Aktien flüssig machen zu wollen.
Weil Geld nur in Bewegung existiert, müssen die Banken mit den Guthaben ihrer Kunden arbeiten. Die Kontodaten einfach auf Festplatte zu schreiben und es dabei bewenden zu lassen, wäre eine Riesenverschwendung. Die Kreditinstitute sollen das Geld für sinnvolle Projekte weiterverleihen – nur dann bleibt die Wirtschaft in Schwung.
Das gilt auch für den Staat. Steuergeld soll er möglichst schnell (und möglichst sinnvoll!) wieder ausgeben.
China besitzt Devisenreserven, die mit 1,9 Bill. Euro derzeit 200 Mrd. Euro höher liegen als die deutschen Schulden. Ein bisschen hat die Regierung in Peking darin eine Versicherung für schlechte Zeiten gesehen – für eine Krise oder für den Zeitpunkt, an dem die Überalterung der Gesellschaft die Sozialsysteme strapaziert.
Der Löwenanteil der Reserven ist in US-Dollar angelegt. Da sich Bargeld nicht einfach so vorhalten lässt, investiert Peking in das Nächstbeste: In US-Staatsanleihen.
Und jetzt? Wenn China versuchen würde, die Anleihen alle zu verkaufen, wären sie schnell am Markt nichts mehr wert. Der Finanzminister in Peking sitzt auf einem Schatz, mit dem er kurzfristig nichts anfangen kann. Langfristig drohen ihn Inflation und andere Probleme der USA zu entwerten.
Damit haben die Chinesen den Amerikanern gleich mehrere Gefallen getan. Der enorme Fleiß und die Entbehrungen der chinesischen Arbeiter haben den US-Bürgern erst wilden Konsum erlaubt. Durch den Ankauf der Schuldern aus Washington bezahlt Peking dafür nun auch noch die Rechnung. Unsicher ist dagegen, ob Amerika sich jemals für diese Leistungen revanchiert. Die US-Regierung müsste den Chinesen eigentlich täglich für ihre Unterstützung danken, doch das wäre wohl kaum allzu populär.
Was soll ein seriöser Staat nun statt dessen tun? In guten Zeiten soll er die Schulden abbauen und sich damit hohe Kreditwürdigkeit für den Fall erarbeiten, dass die Hütte brennt. Aber bitte nicht auf die Idee kommen, Rücklagen zu bilden.
Nachbemerkung: Für die Rentenversicherung gilt das gleiche. Die erforderlichen Summen für langfristige Rücklagen lassen sich nicht verantwortungsvoll anlegen – das Umlagesystem ist dagegen gar nicht so übel. Es hält die Euro in Schwung.











Ein Kommentar zu “Geld lässt sich nicht einfrieren”
[...] Handelsblatt Global Markets: Geld lässt sich nicht einfrieren [...]