»Ralf Drescher 20. Juli 2010, 23:02 Uhr

Spekulation grotesk

Rohstoffe werden Anlegern immer wieder als alternative Anlageklasse ans Herz gelegt. Doch richtig Freude bereiten sie den meisten schon eine ganze Weile nicht mehr. Nicht nur, dass sie in turbulenten Marktphasen meist im Einklang mit den meisten anderen Anlageklassen nachgeben und die versprochene Risikominderung durch Diversifizierung fehlschlägt. Die Rohstoffmärkte sind vor allem hochkomplex und für Anleger kaum durchschaubar, wie ein aktueller Fall vom Kakaomarkt zeigt.

Der britische Hedge-Fonds Armajaro, der gleichzeitig als Großhändler für Kakao und Kaffee fungiert, hat mal eben 241.000 Tonnen Kakaobohnen aufgekauft. Genug, um 5,3 Milliarden Schokoladenriegel herzustellen, wie der Daily Telegraph vorrechnet.

Nun kann man davon ausgehen, dass weder dem Hedge-Fonds Armajaro noch seinem Gründer Anthony Ward sonderlich daran gelegen ist, in die Schokoladenproduktion einzusteigen. Sie spekulieren schlicht auf satte Gewinne. Laut Daily Telegraph hat Ward bei einem ähnlichen Deal vor acht Jahren schon einmal 40 Millionen Pfund Gewinn gemacht.

Der Zeitpunkt könnte auch diesmal günstig sein. Seit Ende vergangenen Jahres ist der Kakaopreis aber ein gutes Stück gesunken. Und für steigende Preise gibt es durchaus fundamentale Gründe wie Ernteausfälle in der Elfenbeinküste in den vergangenen Jahren.

Allerdings zeigt die längerfristige Betrachtung, dass Kakao heute doppelt so teuer ist wie 2007. Und solche Kursausschläge rechtfertigt das Verhältnis von Angebot zu Nachfrage nicht. Es sind vielmehr Spekulanten wie Wards Armajaro, die immer wieder für heftige Turbulenzen sorgen - undzwar am liebsten dort, wo die Liquidität am geringsten ist.

Das gilt besonders für den Markt der Agrarrohstoffe. Im laufenden Jahr drehen nicht nur die Preise für Kaffee durch, auch am Zuckermarkt ging es im ersten Halbjahr in grotesken Bewegungen erst steil nach oben und dann wieder im Sturzflug nach unten. Von fairer Preisbildung kann da keine Rede mehr sein, der Otto-Normalanleger tut gut daran, die Finger von diesen Märkten zu lassen – Megatrend hin, Megatrend her.

Das Ganze hat aber noch eine andere, wesentlich bedeutsamere Dimension. Je stärker Spekulanten das Geschehen an den Warenterminmärkten verzerren, desto unsicherer und in letzter Konsequenz vor allem teurer werden wichtige Grundnahrungsmittel. Bei Kakao als Genussmittel mag das noch zu verschmerzen sein, steigende Preise belasten die Schokoladenproduzenten und damit letztlich die Verbraucher in wohlhabenderen Staaten.

Aber was, wenn sich die Spekulanten als nächstes den Reispreis oder die Märkte für Mais, Weizen oder Sojabohnen vornehmen?  Starke Preissteigerungen an diesen Märkten treffen die Ärmsten der Armen in Entwicklungsländern. In Extremszenarien können sie wie 2008 in Haiti zu Hungersnöten und Unruhen führen. Es wäre ein extrem hoher Preis dafür, dass einige Spekulanten ein paar Millionen mehr auf dem Konto haben.

»Ralf Drescher 20. Juli 2010, 23:02 Uhr

    9 Kommentare zu “Spekulation grotesk”


  1. Pipapo sagt:

    Man sollte sich von Spekulanten nicht ins Bockshorn jagen lassen. Das ist doch Panikmache. Dieser Armajero-Fond hätte gerne Panik bei den Käufern, daß jetzt der Preis wegsteigt. Und igentwelche Ideologen wollen aus anderen ( ideologisch politischen oder kommerziellen) Gründen eine Panik erzeugen, indem sie auf die bösen Spekulaten zeigen.

    Dabei kann man doch den Spekulanten mit seinen eigenen Waffen schlagen. Schließlich wissen wir ja jetzt, daß jemad 241000 Tonnen Kakao hortet, die früher oder später auf den Markt kommen werden. Wenn es also insegesamt überhaupt genug Kakao gibt, wird das den Preis drücken. Da der Preis bestimmt schon angestiegen ist, während der Fonds den Kakao zusammengekauft hat, hat dieser ja auch schon einen erhöhten mittleren Preis bezahlt. Außerdem hat er auch Lager- und andere Kosten, kann also nicht ewig durchhalten. Wenn es also insgesamt überhaupt genug Kakao gibt, können wir also leicht auf fallende Kakaopreise und damit gegen den Fonds spekulieren. Mal sehen, wie lange der das durchhält. Wenn wir dann noch Ruhe bewahren, und keine Panik aufkommen lassen, macht der Fonds Miese. Und hat keinen Bock mehr auf Kakao-Spekulationen.

    Wenn es insgesamt genug Kakao gibt… – Wenn dem aber nicht so ist, hat der Fonds Recht und die Preise wären auch so gestiegen ( nur etwas langsamer). Dann sollte die Produktion erhöht werden. Bis das passiert, kann der Fonds geld verdienen, danach nicht mehr.

  2. Peter Müller sagt:

    Sie wollen Spekulanten wie Anthony Ward den Hahn abdrehen ? Nichts leichter als das ! Stellen Sie ihm kein offer Preis zur Verfügung und Sie werden sehen wie schnell sich dieser dünner Markt “stabilisiert”. Es sind genau solche Handelsblatt Berichte wie dieser, der ahnungslose “Glücksritter” in die Falle locken. Retail Investoren, die glauben der Preis sei zu hoch gestiegen, gehen short Positionen ein und erlauben es Mr. Ward seine longs zu liquidieren und Kasse zu machen.

  3. [...] Handelsblatt Global Markets: Rohstoffe – Spekulation grotesk [...]

  4. Gerd Kintzel sagt:

    @ Lonestar

    Schon vergessen, wie z.B. die Mexikaner vor zwei Jahren auf die Straßen gingen, weil durch den vermehrten Verkauf von Mais an Bio-Sprit Erzeuger – die boten einfach mehr für die Ernten, sich der Preis für ihre Grundnahrungsmittel innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelte?

    Sie schreiben selbst ” ….in den armen Ländern”….. Und dort befolgt man die gleichen Marktstrategien wie bei uns. Glauben Sie allen ernstes, die Erzeuger gäben durch Preisnachlässe den Mehrerlös als Wohltat an die arme Bevölkerung ab?

    Sind Sie mir bitte nicht böse, aber das ist etwas sehr kurz gedacht – oder nur naiv.

  5. Pinkus sagt:

    Eine treffliche Beschreibung der Symptome von Wettbewerbsverzerrungen auf einem Gütermarkt. Märkte sind vor allem u. a. vorzügliche Preisfindungs- -koordinationsinstrumente zur optimalen Güterallokation, sofern ein funktionsfähiger Wettbewerb (größere Anzahl von Teilnehmern mit ähnlichem Informationsstand) besteht. Sind diese Bedingungen wegen fehlender oder unzureichender staatlicher Aufsicht verletzt, kommt es zu Wettbewerbsverzerrungen bis hin zum Marktversagen. Die erwähnten u. a. Symptome stellen sich ein.

    Die Besonderheiten von börsenorganisierten Terminmärkten sind Clearingstellen, bei denen jeder Teilnehmer Geld als Teilsicherheit für die reibungslose Vertragserfüllung bei Fälligkeit hinterlegen muss. Die Zwischenschaltung der Clearingsstelle als Vertragspartner ermöglicht zudem, dass Verträge jederzeit unter Verrechnung pro und contra aufgehoben werden. Wegen der großen Teilnehmerzahl besitzen die Märkte eine hohe Liquidität und eignen sich für Produzenten, Händler und Industrie zum Abschluss von temporären Sicherungsgeschäften.

    Die Börsen sind Selbstverwaltungsorganisationen, deren Gesellschafter die Börsenmitglieder mit erworbenen Anteilen (Sitzen) sind. Je größer ein Börsenmitglied ist, um so mehr Anteile und Stimmrecht. Die Organe legen die Satzung, die Art der gehandelten Kontrakte und die Höhe der Sicherheitsleistung fest. Über die Festlegung der Höhe der Sicherheitsleistung können von Börsenseite Preisexzesse bedingt eingedämmt werden.

    Das Eingreifen staatliche Aufsichtsbehörden durch Festlegen von Positionshöchstgrenzen und Aussetzen des Handels sind die Ultima Ratio, um Preisexzesse bei Verdacht von Marktversagen zu vermeiden. Oberste Maxime dabei ist der volkswirtschaftliche Nutzen dieser Märkte. Im Fall der UK-Märkte wird dieser allerdings umgedeutet in dem Sinne, daß die Anteil der durch die UK-Börsenindustrie generierten Erträge am BIP im Vordergrund steht und nicht der globale. Kommerzielle Teilnehmer können bei deratigen Preisschwankungen die finanziellen Sicherheitenleistungen aufgrund der Asynchronität der Zahlungsströme nicht länger erbringen und müssen beiseite stehen.

    So etwas hat es in der Vergangenheit häufig gegeben. Die besondere Qualität in der Gegenwart nun ist, dass Kapitalsammelstellen (Pensions-, Hedge und andere Fonds) mit ihren geradezu unbegrenzten finanziellen Mitteln bereitstehen, um große Handelskonzerne mit ihrem Know-How bei der Gewinnmaximerung durch exzessive Akkumulation von Kontrakten zu finanzieren. Es hat den
    Anschein, als ob staatliche Untätigkeit und die Duldung derartiger markbeherrschender Spekulationskartelle das
    beschriebene Marktversagen geradezu fördern.

    Und der kleine Kakao-Farmer kommt der zumindest in den Genuß der gestiegene Kakao-Preise. Mitnichten! Sobald er seine Produktion nach Ablauf einer meist längeren Übergangszeit erweitert hat, sind die Preise schon wieder gefallen. Und bei den gegenwärtig hohen Preise mußte er schon vorher verkaufen, um den Anbau und den Familienunterhalt zu finanzieren.

  6. Bernhard Reiter sagt:

    Durch Spekulation kann insbesondere bei verderblichen Produkten der Marktpreis nur kurzfristig verzehrt werden. Die Weltbevölkerung nimmt täglich zu und der Wohlstand auch. Deshalb steigt die Nachfrage und daher die Preise. Natürlich ist es einfacher “böse Spekulanten” für den Hunger in armen Ländern verantwortlich zu machen. Tatsächlich ist es aber der Konsum von Fleisch, Milch und Ethanol der Wohlstandsländer, die diese Misere verursachen. Spekulanten ziehen diese Preisesteigerungen nur zeitlich nach vorne und ermöglichen sogar dadurch mit Ausweitungen von Anbauflächen auf tatsächliche Engpässe zu reagieren.

  7. Ralf Drescher sagt:

    @Lonestar:

    In der Theorie mag das sicher richtig sein. Die Frage, inwieweit steigende Preise für Landwirtschaftserzeugnisse den Armen nutzen oder Hunger und Mangelernährung noch verstärken, ist in der Wissenschaft allerdings umstritten. Zahlreiche Studien kommen zu dem Ergebnis, dass vor allem die urbane Bevölkerung in Entwicklungsländern stark unter Preisanstiegen leidet. Schließlich erhöhen diese die Neigung der Staaten, Agrarrohstoffe zu exportieren und nicht für den Binnenkonsum bereitzustellen. Und dass die steigenden Erlöse aus dem Verkauf der Rohstoffe der armen Bevölkerung zugute kommen, ist eine schöne Vermutung, die sich mit der Realität leider in vielen Entwicklungsländern nicht deckt.

  8. Lonestar sagt:

    Die Behauptung, dass steigende Preise für Grundnahrungsmittel die Ärmsten der Armen belaten ist schlichtweg falsch. Tatsache ist, dass die armen Länder einen sehr hohen Teil ihrer Produktionskapazitäten im Agrarsektor vorweisen. Aufgrund ihrer geringen Produktivität können Sie am Markt nicht profitabel exportieren. Steigen die Preise, werden sie profitabel und verdienen an den Preissteigerungen mit. Die überhöhten Preise müssen sie dagegen selbst nicht bezahlen, da sie keine Agrarprodukte importieren müssen.

  9. Hoppala! sagt:

    Schön langsam wird es öffentlich bekannt, unter welchen Umständen Spekulation sehr wohl einen Trend herstellen – und nicht etwa nur verstärken – kann. Dann werden auch die “bösen” Regulierer eingreifen können um die “freien” Märkte wieder zu normalisieren.