Die mögliche Immobilienblase und der Wechselkurs des Yuan sind nur zwei der aktuellen Herausfoderungen für Chinas Regierung und die Banken. Ernster als diese beiden vergleichsweise prominenten Gefahren wirkt derzeit die übermäßige Kreditvergabe. Seit 1990 haben die Banken durchschnittlich jedes Jahr 18 Prozent mehr Darlehen vergeben. Diese gigantische Steigerungsrate liegt noch einmal deutlich über dem erheblichen Wirtschaftswachstum. Dieses ganze Geld soll wirklich mit Zinsen zu den Banken zurückkommen?
“Investmentgesellschaften der Lokalregierungen haben … einen Haufen Schulden angehäuft und können vor Bonitätsproblemen stehen. Sie könnten zahlungsunfähig werden und den Banken faule Kredite bescheren”, warnte die Weltbank gestern in ihrem Vierteljahresbericht zu China. Im Jahr 2009 lag die Kreditvergabe an solche Investmentplattformen bei neun Bill. Yuan – einer knappen Bill. Euro. Zum Vergleich: Das deutsche Bruttoinlandprodukt kommt auf etwa 2,4 Bill. Euro.
In den ersten Zwölf Monaten der Krise stieg der Kreditausstoß noch einmal um ein Drittel. Die Banken zeigten auf staatliches Geheiß sich in einer Zeit besonders großzügig, als die Exporte abstürzten. Das hat die Wirtschaft stimuliert, kein Zweifel. Die aktuellen Wachstumszahlen belegen es. Doch die Dopingspritze wird schon bald an Kraft verlieren, während die Banken auf die Rückzahlung all der Kredite hoffen. Mit Zinsen.
Es gibt tatsächlich ein Szenario, unter dem das einige Jahre gut gehen könnte. Es sieht so aus: Die Regierung in Peking macht jedes Jahr eine weitere Dreiviertelbillion Euro locker, um immer neue Dosen der Droge zu verabreichen. Die neuen Kredite schaffen neue Nachfrage, die wiederum Kredite rechtfertigt.
Japan macht es seit 1990 so. Immer höhere Staatsausgaben halten die Wirtschaft in Schwung und schaffen Wachstum. Erst jetzt erreicht Nippon die Grenze dieses Schneeballsystems.
Es gibt jedoch einen entscheidenden Unterschied zwischen Japan 1990 und China 2010. Japan war damals schon reich und entwickelt, eine zufriedene Gesellschaft von Mittelschichtbürgern. Auf ihren Bankkonten befanden sich nach den Wachstumsjahrzehnten seit dem Krieg die Aberbillionen, die sich der Staat für seine Konjunkturprogramme leihen konnte.
China ist jedoch erst auf halbem Weg der Entwicklung. Die meisten Einwohner des Reichs der Mitte sind noch arm. Auf dem Lande liegt das Durchschnittseinkommen bei etwa 500 Euro – im Jahr! China weist zwar immer noch eine beneidenswert niedrige Verschuldung auf, doch es kann langfristig kein künstliches Wachstum schaffen, ohne die Ungleichgewichte im Land zu vergrößern.
China muss also zum soliden Wirtschaften zurückkehren. Das bedeutet, dass das Wachstum sich früher oder später wieder selbst tragen muss. Die normalen Mechanismen der Marktwirtschaft müssen wieder greifen. Künftig sollten die Banken wieder nur dann einen Kredit vergeben, wenn die Rückzahlung einigermaßen sicher ist.
Die Wahrscheinlichkeit, dass die Mehrheit der Investitionen des Jahres 2009 eine vernünftige Rendite abwerfen, ist dagegen gleich Null. Die Weltbank weist darauf hin, dass die Chinesen in den vergangenen Jahrzehnten gute Erfahrungen mit staatlichen Infrastrukturinvestitionen gemacht haben. Doch bisher haben sie mit Containerhäfen und Eisenbahnlinien eher Sachen gebaut, die dem künftigen Wachstum einen enormen Schub gegeben haben.
Die jetzigen Investitionen fließen dagegen eher in überdimensionierte Prachtbauten für die örtlichen Regierungen, die natürlich künftig nur kosten und nichts bringen. Auf der positiven Seite leisten sich viele Städte eine vernünftige Kanalisation, was zwar lobenswert ist, aber auch keine riesige Rendite auf die Kredite dahinter verspricht.
Ein Teil der Darlehen in den Portfolios der Banken wird sich also als nicht einbringlich erweisen. Im Banker-Slang sind das faule Kredite.
Japan hatte so ein Problem in den 90er-Jahren nach dem Platzen der eigenen Immobilienblase. Die Aufräumarbeiten dauerten lange, taten weh und waren zunächst sehr teuer. Um das Finanzsystem zu retten, kaufte eine Bad Bank den Geldhäusern die faulen Kredite ab, während die Regierung sie auf der anderen Seite rekapitalisierte.
Doch auch hier bin ich überzeugt, dass der Regierung in Peking die Lage völlig bewusst ist, dass sie eine Strategie zum Umgang mit der Herausforderung hat und dass sie versuchen wird, einen Ausweg aus dem Dilemma zu managen. Das Potential Chinas ist keine Illusion. Die Leute sind enorm fleißig, und sie sind fest entschlossen, voranzukommen.











4 Kommentare zu “China (3): Die Gefahr fauler Kredite”
[...] hat. Zusätzlich zu einem Konjunkturpaket in Höhe von 400 Mrd. Euro hat Peking von den Banken eine erhöhte Kreditvergabe von einer Bill. Euro im vergangenen Jahr [...]
[...] einigen Tagen habe ich hier darüber geschrieben, dass die allzu großzügige Kreditvergabe in China nicht auf Dauer gut gehen [...]
Das Geld was aus dem Ausland nach China kam, haben die Chinesen schön gesammelt. Ausländische Währungen werden sehr stark kontrolliert und von der Regierung verwaltet. Das sieht man ja sehr gut an der riesigen Menge an Dollardevisen, welche die Chinesen über die letzten Jahre angehäuft haben. Am Kapital mangelt es den Chinesen also nicht. Die Produktivität dieses Geld zweckmäßig einzusetzen scheint dagegen eher mangelhaft zu sein.
Bis vor wenigen Jahren hatte nur die chinesische Regierung mit den Geldmassen zu kämpfen. Spätestens seit der Finanzkrise und den daraus folgendem Konjunkturprogram der Regierung, das zu einem großen Teil benutzt wurde um auch die chinesische Bevölkerung mit billigem Geld zu versorgen, hat nun auch die Bevölkerung eine große Verantwortung bekommen. Ein Prinzip was überall auf der Welt angewandt wurde. Nun folgt aber, dass es fraglich ist ob dieses Geld auch produktiv genutzt wurde. Klar ist, dass einiges davon in die Spekulationsblasen – Immobilien- und Wertpapiermärkte – geflossen ist. Letzteres hat sich bereits seit September letzten Jahres einer Korrektur unterzogen und soll, nach Angaben von JP Morgan Chase und UBS, wieder in „geregelten Bahnen“ verlaufen. Der Blase im Immobilienmarkt hat man seit den letzten zwei Monaten mit Restriktionen von Hypotheken versucht Einhalt zu gebieten. Auf die Resultate müssen wir noch warten. Beiden Blasen sind jedoch Probleme die von der chinesischen Regierung auch als solche erkannt werden. Diese beiden Märkte könnten also Renditen bringen.
Ein großes Problem im Allgemeinen ist der ökonomische Umgang mit Ressourcen. Dazu kommt das unzweckmäßige Setzen von Anreizen durch Belohnen von guten Leistungen und das Bestrafen von Fehlverhalten. Die westlichen Volkswirtschaften sind da zurzeit leider kein gutes Vorbild (Stichwort: staatliche Hilfe für gescheiterte Banken). China hat zwar die Schuld der Finanzkrise auf die USA geschoben, scheint aber selber auch nicht besonders viel daraus gelernt zu haben, wenn man sich die Situation im Immobilienmarkt anschaut. Die Ausgangssituation ist aber eine andere. Verändert allerdings den Ernst der Lage nicht.
Die Investition durch Teile des Konjunkturpakets in Infrastruktur ist überaus wichtig für China. Eben genau um die etwa 700 Millionen Chinesen, die bis jetzt eher bedingt vom Aufschwung Chinas profitiert haben, in die wirtschaftliche Entwicklung zu integrieren. Richtig ist natürlich, dass dies Langzeitinvestitionen sind und das Konjunkturpaket dafür erstens nicht ausreicht und, dass sich die Rendite für diese Investition erst nach mehreren Jahren zeigen wird. Fraglich ist auch, ob sich die Transportmittel nicht gegenseitig ausspielen. Die chinesischen Airlines haben noch keine schwarzen Zahlen gesehen und die kostspieligen Hochgeschwindigkeitszüge die vom Konjunkturprogramm profitieren, müssen darauf wohl auch noch lange warten.
Fest steht, dass 2010 für China ein beschwerliches Jahr wird, da das Konjunkturpaket an Wirkung verliert und man sehen wird, ob die Renditen aus den Krediten eingefahren wurden können. Zur Not steht ja immer noch eine Regierung mit viel Kapitalmacht hinter den Chinesen. Die Frage dabei ist nur wie lange dieses Kapital noch reicht.
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[...] Finn Mayer-Kuckuk. Quelle: Handelsblatt [...]