US-Präsident Barack Obama hat in den vergangenen Wochen von China mehrfach scharf gefordert, die Landeswährung Yuan aufzuwerten. Die Chinesen verkauften ihre Waren in Amerika unangemessen billig, klagte der Präsident. Ein Parteigenosse, Senator Arlen Specter, warf Peking sogar „Straßenräuberei“ vor: „Sie nehmen unser Geld, leihen es zurück und besitzen nun einen guten Teil der Vereinigten Staaten!“ Das laute Geschrei wird jedoch vor allem eines bewirken: das Gegenteil des Verlangten.
Obwohl die chinesische Führung bereit ist, den Yuan aufzuwerten, wird sie sich damit alle Zeit der Welt lassen. Denn etwas aus freien Stücken zu tun ist eine Sache, dem Druck des globalen Rivalen USA nachzugeben, ist eine andere Sache. Päsident Hu wird sich von Präsident Obama keinesfalls drängeln lassen.
Der Vorwurf, die Chinesen hätten den Amerikanern unfair ihr Geld weggenommen, klingt zudem aus asiatischer Perspektive absurd. Das aufstrebende China produziert Waren in großer Zahl und guter Qualität zu einem günstigen Preis. Keiner zwingt die Amerikaner, sie zu kaufen. Washington hat freiwillig in einem Handelsabkommen auf Zölle verzichtet. Denn die Warenflut aus China verschafft den US-Bürgern mehr Reichtum.
Die Haushalte zwischen New York und LA sind viel besser ausgestattet, als sie es ohne China wären. Denn zu den Preisen, die Produktion in Amerika kostet, hätte es fürs gleiche Geld weniger Sachen gegeben. Die Amerikaner (und natürlich auch die Europäer) profitieren von der harten Arbeit der Chinesen durch materiellen Reichtum. Wenn der Westen wirklich seine Abhängigkeit von China verringern wollte, müssten die Verbraucher auf diesen Segen verzichten. Das ist unwahrscheinlich.
Doch die offenkundigen Vorteile des Handels mit China ändern nichts daran, dass Obama grundsätzlich recht hat. Es gibt zwar keinen „richtigen“ Wechselkurs. Auch freie Devisenmärkte können zuweilen seltsame Verzerrungen hervorbringen. Doch außer Frage steht, dass an dem derzeitigen Verhältnis von 6,8 Yuan pro Dollar etwas faul ist.
Der Yuan wird nicht frei gehandelt. Er lässt sich nur bei chinesischen Regierungsistitutionen tauschen – stets zu ungefähr diesem Kurs. (Trippelschritte sind möglich.)
Am freien Markt würde der Kurs jedoch sicher hoch nach oben schießen, vielleicht auf vier Yuan pro Dollar. Denn im staatlichen Devisenhandel bleiben laufend Dollar übrig. Das beweist: Es herrscht hohe Nachfrage nach Yuan und ein Überangebot an Dollar. In so einer Lage steigen die Preise des knappen Guts.
Werfen wir einen Blick darauf, entlang welcher Linien das Geld fließt – wo dieser Dollar-Überschuss also herkommt.
Eine Fabrik in Shenzhen stellt einen Bluray-Player her, den eine Exportfirma auf einen Container laden und nach Kalifornien bringen lässt. Der Kunde in San Francisco zahlt im Elektromarkt den Preis für das Gerät in Dollar, versteht sich.
Die chinesischen Firmen brauchen jedoch letztlich Yuan, um ihre Mitarbeiter und die Stromrechnung zu bezahlen und den Besitzern der Firma einen Gewinn auszuschütten. Der Exporteur gibt die Dollar daher (über seine Geschäftsbank) der Staatsbank, die im Gegenzug Yuan zurück überweist. Zum Kurs von 6,8 zu eins.
Die Dollar behält der chinesische Finanzminister nun und investiert sie in amerikanische Anleihen. (Dafür sollte Obama übrigens dankbar sein. Wer würde sonst das Defizit finanzieren, das durch das Verhalten amerikanischer Banker aufgelaufen ist?)
Umgekehrt gibt China natürlich auch Dollar aus. Das Reich der Mitte zahlt am Weltmarkt für Öl und andere Rohstoffe (aber auch für iPhones oder Weizen) mit harter Währung. Beim Kauf ausländischer Waren geht das Geld also den umgekehrten Weg. Die chinesische Firma gibt der Staatsbank Yuan und erhält dafür Dollar. Doch das Entscheidende ist: Es bleibt ständig etwas übrig. Derzeit sitzt China auf rund 2,4 Billion Dollar, davon 755 Mrd. in Form von US-Staatsanleihen.
Manchmal heißt es in den Medien, China hätte diesen Schatz durch Dollar-Käufe aufgebaut. Das stimmt grundsätzlich, erweckt aber einen falschen Eindruck. Im Falle Japans trifft die Formulierung voll zu: Tokio hat am Markt Yen für Dollar verkauft, um die eigene Währung zu drücken. Peking hat das jedoch nicht nötig. Die Zentralbank kontrolliert den Yuan ohnehin komplett. Mit dem Markt muss sie sich nicht aufhalten.
Doch es liegt auf der Hand, dass die Anhäufung von Dollar nicht ewig so weitergehen kann. Es mag für China schmeichelhaft sein, die USA durch den Schuldenkauf in eine gewisse Abhängigkeit gebracht zu haben, aber das führt zu nichts. China will den Wohlstand der eigenen Bevölkerung erhöhen und derzeit vor allem die rückständigen Provinzen entwickeln. (Das liegt übrigens im Interesse aller, aber auch wirklich aller Beteiligten: Der chinesischen Bürger, der Kommunistischen Partei, des Westens.)
Doch für eine gesunde Entwicklung der Wirtschaft bringt es nichts, die Überschüsse des Landes in Form von unbrauchbaren Dollars zu horten. Liquide Mittel für Investitionen sind nötig – am besten in der eigenen Währung, auf die die Chinesen zunehmend stolz sind. Für Notfälle reicht eine Devisenreserve von vielleicht 500 Mrd. Dollar aus.
Doch Peking hat handfeste Gründe, mit dem Kurswechsel zu zögern. Denn es bleibt der unbestreitbare Vorteil für den Export, der sich aus dem unterbewerteten Yuan ergibt. Schließlich würde der Kunde sonst vielleicht zu einem koreanischen oder (wenn es sowas überhaupt noch gibt) einem amerikanischen Bluray-Player greifen. Gerade in der Krise ist diese Exportstütze wichtig fürs Wachstum.
Mittelfristig aber ist die Aufwertung unvermeidlich. Eine komplette Freigabe wird Peking zwar derzeit nicht einmal erwägen: Nachdem Japan 1985 den Yen freigegeben hatte, stieg er in schwindelerregende Höhen. Bis der Yuan zur Gemeinschaft von Dollar, Euro und Yen gehören kann, muss China durch Innovation und Forschung so viele wirklich einzigartige Produkte herstellen, dass die Welt gar nicht umhin kommt, sie zu kaufen. (In dieser luxuriösen Lage befinden sich Japan, die USA und glücklicherweise auch Deutschland.)
Doch eine Aufwertung im Bereich von einigen Prozent noch 2010 erscheint sehr wahrscheinlich. Die Ökonomen achten vor allem auf die Inflation. Wenn der Wert des Yuan steigt, lassen sich Waren wie Öl im Ausland billiger kaufen. Die Regierung kann damit Preissteigerungen im Inland entgegen wirken, über die das Volks ansonsten murren würde. Experten erwarten einen starken Anstieg der Inflation im Jahresverlauf, was Peking also die Entscheidung über eine Yuan-Aufwertung erleichtern wird.
Obama wäre also am besten einfach still, wenn es ihm wirklich um den Wechselkurs ginge und nicht nur um politische Punkte in Zeiten schwindender Popularität.











2 Kommentare zu “Chinas Ungleichgewichte (2): Der Yuan”
[...] halten seine Landeswährung künstlich niedrig, klagen die USA. Sie fordern eine Freigabe des Yuan. Die Begeisterung in Washington war dementsprechend groß, als [...]
[...] die Regierung den Yuan nicht freigiebt (was noch Jahre dauern kann) und solange China billiger und besser produziert als die USA, bleibt auch der [...]