Die Ängste zahlreicher Anleger richten sich derzeit auf das mögliche Platzen einer Blase in China. Wenn uns nun auch noch der letzte Wachstumsmarkt verloren geht, wer zieht die Weltwirtschaft dann aus dem Sumpf? Und wenn das Reich der Mitte kollabiert, sind dann nicht auch die deutschen Milliardeninvestitionen weg? Doch schauen wir uns zunächst die Lage genauer an, bevor wir in neue Panik verfallen.
Kurz gesagt: Es sind in China tatsächlich einige Gefahren durch die großzügige Verteilung allzu billigen Geldes zu sehen, aber bisher droht offenbar noch keine wirtschaftsbedrohende Anlageblase wie in Japan 1989 oder in den USA 2007.
Die Kreditvergabe hat in der Tat atemberaubende Ausmaße angenommen. Im Jahr 2008 haben die Geschäftsbanken noch 904 Mrd. Yuan (95 Mrd. Euro) an neuem Kapital ausgegeben, 2009 waren es bis zum November zehn Mal mehr, nämlich 10.904 Mrd. Yuan (eine gute Bill. Euro). Zugleich lief ein Konjunkturprogramm im Wert von vier Bill. Yuan (430 Mrd. Euro) für Verkehrsinfrastruktur und einkommensschwache Regionen.
Wohin ging all das Geld?
Aus Sicht der Unternehmen waren die Mittel unwiderstehlich leicht zu bekommen. Da saßen also die Finanzchefs und überlegten – jeder für sich – wie er die meiste Rendite aus den Krediten herausholt.
Der Export in die USA und nach Europa läuft immer noch schlecht. Die Wirtschaftskrise wird zudem noch eine Weile dauern. Jetzt in neue Ausrüstung und zusätzliche Mitarbeiter zu investieren, wäre ein Fehler.
Das einzige, was gut läuft und Rendite abwirft, ist der Immobilienmarkt. Es ist derzeit für den Einzelnen eine rationale Entscheidung, das Geld hier anzulegen. Auf diese Weise hat ein Teil der staatlichen Wirtschaftsstütze die Entstehung der Blase begünstigt.
Doch nicht alles Geld floss auf dem Umweg über Industrieunternehmen in den Immobilienmarkt. Vieles kam tatsächlich der Produktion und vernünftigen Investitionen zugute. Schließlich stieg allein die Binnennachfrage im Jahr 2009 um 4,6 Prozent.
Chinas Regierung ist das Problem einer Blase zudem völlig bewusst. Es ist ihr bereits 2007/2008 gelungen, aus einer Aktienblase an der Börse Shanghai stufenweise die Luft herauszulassen. Für die Anleger waren die Kursverluste ärgerlich, doch es kam zu keiner Vermögensvernichtung, die eine Kettenreaktion nach sich gezogen hätte. So will es die Regierung jetzt offenbar mit den Immobilien handhaben.
Am 12. Januar hat die chinesische Notenbank den Reservesatz für die Geschäftsbanken überraschend angehoben und damit die Abschöpfung der Geldschwemme eingeleitet. Genau gleichzeitig (und das war sicher kein Zufall) haben sieben Regierungsstellen bekannt gegeben, „den übertrieben schnellen Anstieg der Immobilienpreise mit aller Kraft unter Kontrolle“ zu bringen. Zu den Warnern gehörte auch das nationale Landministerium.
Der Staatsrat der Volksrepublik hat diese Ankündigungen mit einer Warnung flankiert. In der „Mitteilung bezüglich der Förderung einer stabilen und gesunden Entwicklung des Immobilienmarkts“ mahnt die mächtigste Institution im Staate zur Zurückhaltung.
Das Gefahrenbewusstsein der Verantwortlichen unterscheidet die derzeitige Lage in China von der in Japan Ende der 80er und in Amerika Anfang der der 2000er-Jahre. Klar, rückblickend gab es den einen oder anderen Warner. Aber es gab keinen Bericht der Notenbank, der das bevorstehende Problem präzise beschrieben hätte.
Es gibt allerdings eine tpyisch chinesische Schwierigkeit im Umgang mit der Wirtschaftspolitik. Die Provinzregierungen verfolgen im Allgemeinen etwas andere Ziele als die Zentrale in Peking. Da Gewinne aus Immobilienverkäufen für die Lokalfürsten eine wichtige Einnahmequelle sind, zeigen sie nur wenig Neigung, etwas gegen den Preisanstieg zu tun.
Mein Eindruck ist jedoch, dass die Preise selbst in Shanghai und Peking nach gar nicht so großartig übertrieben sind – schließlich handelt es sich um zwei der derzeit spannendsten Großstädte der Welt, deren Wert natürlich zunimmt. Die Quadratmeterpreise bei Kauf und Verkauf von Innenstadt-Wohnungen liegen zwischen 30 000 und 50 000 Yuan (gut 4000 Euro). Das ist in etwa mit den Werten für Frankfurt vergleichbar. Auf Manhattan in New York kostet der Quadratmeter immer noch ein Vielfaches.
Zwar verdient ein durchschnittlicher Mittelklassechinese nicht mehr als einige tausend Euro im Jahr, doch wir betrachten ein Land mit großen Einkommensunterschieden. Die Klasse Wohlhabenden übertrifft zahlenmäßig bereits Japan plus Deutschland.
Ein dritter Punkt: China ist riesengroß und unwahrscheinlich vielfältig. Selbst wenn in Shanghai mal was aus dem Ruder läuft, kann das Reich der Mitte das wegstecken.
Die bevorstehende Korrektur der Preise wird für viele Anleger schmerzhaft ausfallen, aber Anzeichen für eine Systemkrise sind nicht zu erkennen.
Die wahre Gefahr besteht daher darin, dass im Portfolio der Geschäftsbanken der Anteil der uneinbringlichen Kredit für Unternehmen hochschnellt. Im ohnehin etwas intransparenten China können Problemdarlehen besonders gefährlich werden. Oft verschweigen Bankmanager das Ausmaß ihrer Belastung mit faulen Krediten. Das fällt leicht, denn die Bewertung des einzelnene Schuldners kennt außer der Bank selbst nur der jeweiligen Kreditnehmer, und der wird bestimmt ebenfalls nicht aktiv auf seine Geldknappheit hineweisen.
Wenn die Geschäftsbanken jedoch zur Anhebung ihrer Kreditqualität den Hahn zudrehen müssen, dann fallen sie zur Stützung der Wirtschaft aus.











6 Kommentare zu “Chinas Ungleichgewichte (1): Die Immobilien”
[...] wäre jedoch ein starkes Signal, dass der Staat etwas gegen das allzu forsche Wachstum und die Überhitzung des Immobilienmarktes tun will. Die Frage bleibt, ob Peking sich das leisten kann. Schließlich kommt der Staat alles in [...]
[...] mögliche Immobilienblase und der Wechselkurs des Yuan sind nur zwei der aktuellen Herausfoderungen für Chinas Regierung und [...]
Erst mal möchte ich mich bedanken, dass es diese Blog überhaupt gibt. Leider gibt es wenige Blogs auf Deutsch über China.
Mit Herrn Eichner stimme ich zum Thema Kontrolle überein. Wie auch schon von Herrn Mayer-Kuckuk erläutert, hat die Regierung in Peking zunehmend Probleme Beschlüsse auch in allen Provinzen durchzusetzen (- manchmal hat man das Gefühl China hat nicht eine Regierung sondern 23).
Zu der Blase im Immobilienmarkt, hat sich ja klammheimlich auch noch eine im Aktienmarkt hinzugesellt. Dieser ist nun seit September 2009 um 10 Prozent gefallen, den größten Teil davon im Januar 2010. Es findet also eine Korrektur statt, die auch dringend nötig, da ein Großteil des billigen Geldes der Geschäftsbanken auch in die Aktienmärkte geflossen ist. Die Banken vergeben weiter bereitwillig große Kredite, aus Angst, dass bald weitere Bestimmungen aus Peking kommen, die das Ganze eindämmen werden. Ich bin mir sicher diese Bestimmungen werden in naher Zukunft kommen – in welcher Form auch immer.
Ich teile aber den Optimismus von Herrn Mayer-Kuckuk, auch wenn meine Ausführung ernüchternd wirkt. Selbst wenn sich die Lage an den Aktien- und Immobilienmärkten zuspitzt, wird es der Regierung in Peking gelingen die Luft aus der Blase zu lassen, bevor sie platzt. In Zukunft wird man vielleicht drübernachdenken, das Anwachsen solcher Blasen durch Bestimmungen mit mehr Weitblick (den man den Asiaten ja nachsagt) zu vermeiden.
Man wird sehen was die Zukunft bringt. Ich bin jedoch optimistisch es wird weiterhin Wachstum geben.
Mit den besten Grüßen aus Peking
Fabian Knopf
[...] Finn Mayer-Kuckuk. Quelle: [...]
[...] This post was mentioned on Twitter by Daten Info Service, REYACA. REYACA said: Chinas Ungleichgewichte (1): Die Immobilien http://blog.handelsblatt.com/globalmarkets/2010/02/09/chinas-ungleichgewichte-1-die-immobilien/ [...]
Das Problem ist ein anderes: Die Beherrschbarkeit.
Es ist richtig, dass China entschlossener handelt – das liegt aber wohl vor allem am politischen System. Die Entwicklung in China ist jedoch nicht unabhängig davon, was woanders passiert, in Europa, in den USA, in Japan. Zudem wird schon seit Wochen vor allerlei Blasen gewarnt.
Es ist die große Frage, inwieweit die chinesische Regierung tatsächlich alles unter Kontrolle halten kann. China kann auch lediglich ein (besonders großer) Dominostein sein. Skepsis ist insofern durchaus angebracht, zumal Peking die Sache selbst nicht mehr ganz geheuer ist.