»Michael Maisch 18. November 2009, 11:55 Uhr

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Braucht Großbritannien negative Zinsen?

Dass auch die britischen Notenbanker nicht wissen, in welche Richtung sich die angeschlagene Wirtschaft des Königreichs entwickelt, ist kaum überraschend. Das Protokoll der jüngsten Sitzung der Bank of England zeigt, dass der geldpolitische Rat gleich in drei Richtungen gespalten war: Die einen wollten noch viel mehr Geld in die Wirtschaft pumpen, die anderen gar nichts. Am Ende setzte sich die dritte Partei durch, das Programm zur Ausweitung wurde noch einmal moderat um 25 Mrd. Pfund aufgestockt.

Das eigentlich Interessante an der Sitzung war aber, dass die Notenbanker erneut diskutierten, ob  sie nicht noch unkonventionellere Mittel einsetzen müssen, um das viele Geld wirklich dahin zu bringen, wo es die Nachfrage ankurbelt. Denn bislang parken die Banken einen Großteil der zusätzlichen Liquidität einfach bei der Zentralbank. Das heißt, das Geld, das die Notenbanker durch die Vordertür in die Wirtschaft schaufeln, kommt durch die Hintertür wieder herein. Deshalb überlegen Zentralbank-Gouverneur Mervyn King und seine Kollegen, die Zinsen zu kürzen, die sie Geschäftsbanken für die Anlage ihrer Überschussreserven bezahlt. Da der britische Leitzins bereits bei 0,5 Prozent liegt, hieße das de facto, dass die Banken keinerlei Zins für ihre Einlagen bei der Notenbank bekämen oder sogar eine Abgabe für das Parken des Geldes entrichten müssten. Die Senkung des Einlagensatzes soll die Banken dazu bringen, weniger Geld bei der Notenbank anzulegen und es stattdessen in den Kreditkreislauf einzuspeisen.

Die radikalste Lösung für dieses Problem hat bisher Schweden gefunden. Als erstes Land überhaupt senkten die Skandinavier im Juli den Einlagensatz für Überschussreserven auf einen negativen Satz. Statt positive Zinsen zu kassieren, müssen die schwedischen Geldhäuser für ihre Einlagen bei der Notenbank nun eine Abgabe von 0,25 Prozent bezahlen. Japan dachte während der langen Wirtschaftskrise, die das Land in den 90er Jahren lähmte, ebenfalls über die Einführung negativer Zinsen nach, schreckte am Ende aber vor der Einführung der radikalen Maßnahme zurück.

Auch die britischen Notenbanker haben sich erst einmal gegen den Einsatz des unkonventionellen Mittels entschieden, aber gleichzeitig betont, dass man diese Waffe in Zukunft durchaus einsetzen könnte. In die Tat umsetzen dürften sie das aber nur im absoluten Notfall. Denn ein negativer Zins wäre das klare Eingeständnis, dass es um die britische Wirtschaft noch viel schlimmer steht, als es selbst Pessimisten für möglich halten.

»Michael Maisch 18. November 2009, 11:55 Uhr

    3 Kommentare zu “Braucht Großbritannien negative Zinsen?”


  1. Matthias sagt:

    Sorry, ich glaube ich habe einen gedanklichen Fehler gemacht. Ich habe die Einlagenfazilität mit der remuneration rate verwechselt, die auf auf die Zentralbankguthaben der Banken bei der BoE angewendet wird und in der Tat bei 0,5 Prozent liegt. Sorry.

  2. Matthias sagt:

    Ich glaube Sie haben in Ihrem Artikel den Leitzins (“Bank Rate”) mit der Einlagefazilität (“Operational Standing Deposit Facility”) verwechselt. Während der Leitzins seit dem 05.03.09 in der Tat bei 0,5 Prozent liegt, befindet sich der für die Einlagefazilität relevante Zinssatz schon bei 0 Prozent (ebenfalls seit dem 05.03.09). Davor war dieser Zinssatz immer 0,25 Prozent unterhalb des Leitzinses angesiedelt. D.h. die Geschäftsbanken bekommen schon gar keine Zinsen mehr für ihre Zentralbankguthaben. Das ist auch nicht wirklich eine “unkonventionelle” geldpolitische Maßnahme, da sich die Fed erst im Oktober 08 zur Einführung einer Einlagenfazilizät entschlossen hat. Bis dahin gab es in den USA nur eine über dem Leitzins (Fed Fund Rate) angesiedelte Spitzenrefinanzierungsfazilität. Die Fed hat sich zur Einführung einer solchen Fazilität entschieden, da sie im Zuge der Finanzmarktturbulenzen nicht mehr in der Lage war, den Marktzinssatz (effective Fed Funds Rate) an der Zielmarke (Fed Funds Rate) zu halten.

  3. Marktzyniker sagt:

    Ein interessanter Artikel, aber schade, dass Sie sich nicht darüber berichtet haben, welche Auswirkungen die schwedische Negativzinspolitik gezeitigt hat.
    Ist das Geld in der schwedischen Realwirtschaft angekommen?
    Oder wird das Geld zum Zwecke von Carrytrades “exportiert” ?