»Torsten Riecke 04. November 2009, 11:39 Uhr

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Kassandra meldet sich zurück

Der US-Ökonom Nouriel Roubini ist vermutlich der größte Gewinner der Finanzkrise. Und das zu Recht. Hat er doch als einer der wenigen frühzeitig vor der Misere gewarnt und dafür Ruhm und Respekt geerntet. Jetzt meldet sich Roubini mit einem neuen Kassandra-Ruf zurück: Rund um den Globus hätten sich auf den Aktien-, Anleihe und Devisenmärkten neue Spekulationsblasen gebildet. Es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis uns die kaum genesende Finanzwelt wieder um die Ohren fliege.

Der Ökonom begründet seine Warnung mit einem hochexplosiven Gemisch, das sich auf den Finanzmärkten gebildet hat. Extrem niedrige Zinsen, außerordentlich hohe Liquidität und ein überaus schwacher Dollar laden die wieder risikobereiten Investoren zu einer scheinbar todsicheren Wette ein. Wer sich in den USA billig Geld leiht und es in den bereits wieder boomenden Emerging Markets anlegt, kann offenbar nichts falsch machen. Er pofitiert von hohen Renditen in Brasilien oder den asiatischen Tigerstaaten und kann – wenn der Dollar weiter fällt – sogar noch einen satten Wechselkursgewinn einstreichen. Solche Carry Trades bergen jedoch bekanntlich die Gefahr, dass man von ihnen davongetragen wird. Die Renditen in Asien können jedoch ebenso wenig ewig steigen wie der Dollar ewig sinken kann.

Dass Roubini auch diesmal einen guten Riecher hat, bestätigen jetzt die Weltbank und der Internationale Währungsfonds. Die beiden Think Tanks in Washington haben eine wahre Dollarschwemme in Ostasien ausgemacht und warnen ebenfalls vor “Aktien- und Immobilienblasen” von China bis nach Vietnam. In Hong Kong schießen die Immobilienpreise gegenüber dem Krisenjahr 2008 um mehr als 30 Prozent in die Höhe. Für Luxuswohnungen werden bereits wieder Mondpreise von fast 100.000 Dollar für den Quadratmeter bezahlt. Der Aktienmarkt in Brasilien hat sich in diesem Jahr bereits verdoppelt.

Nicht alles, was im Moment aufpoppt, ist eine gefährliche Spekulationsblase. Oft korrigieren die Märkte nur ihre Untergangsszenarien aus dem Vorjahr. Aber der Zeitpunkt, genauer hinzusehen und sich Gedanken darüber zu machen, wie man neue Exzesse verhindert – dieser Zeitpunkt ist jetzt.

»Torsten Riecke 04. November 2009, 11:39 Uhr

    5 Kommentare zu “Kassandra meldet sich zurück”


  1. Es ist richtig, daran zu erinnern, dass in den letzten Wochen die überaus positive Entwicklung auf den Finanzmärkten und an den Börsen von einseitig optimistischen Argumenten und Prognosen begleitet und auch befeuert wurde. Negative Aspekte wurden systematisch ausgeblendet, einfach unter den Teppich gekehrt, etwa mithilfe der beliebten Redewendung, etwas sei besser als erwartet ausgefallen.

    Realistisch ist das Bild von der Lage und den Perspektiven, das auf diese Weise entstanden ist, nicht mehr. Und wer kann schon sagen, was der Auslöser für das nächste Platzen einer Blase sein wird? Vielleicht hat Roubini recht, vielleicht wird etwas anderes ausschlaggebend sein. Die Dynamik auf den Finanzmärkten ist, so viel steht fest, nicht mehr mit der normal funktionierender Märkte zu vergleichen. Sie mit gezieltem Griff in den vertrauten Instrumentenkasten unter Kontrolle halten zu können, könnte sich aus diesem Grund rasch als Illusion erweisen.

    Es wird also höchste Zeit, wieder einiges gerade zu rücken und auch pessimistische Szenarien ernst zu nehmen und sorgfältig zu prüfen, um zu verhindern, dass die Märkte nicht erneut wieder jede Bodenhaftung verlieren.

  2. Tatsächlich ist der Dollar eindeutig Ausgangswährung für Carry Trades geworden. Damit hat sich die Drehrichtung des Währungskarussell umgekehrt. Vor zwei Jahren transferierten die Anleger noch billige Yen ins höher verzinste westliche Ausland – auch in die USA, wo sich bekanntlich Wertpapiere mit hoher Rendite und niedrigem Risiko kaufen ließen…

  3. Meier says:

    Roubini sagt nur das, was jeder denkt.

    Es weiß doch jeder Bescheid, dass die verantwortungslose Niedrigzinspolitik der Fed die letzten beiden Blasen ausgelöst hat. Und mir kann keiner sagen, dass die (Greenspan und Konsorten) das nicht wussten.

    Jetzt wird kräftig an der nächsten gearbeitet, und da die Zinssätze so niedrig sind wie noch nie, wird die noch viel gigantischer ausfallen als die letzten beiden… Und es wird wahrscheinlich noch 4 oder 5 Jahre dauern, bis sie platzt, weil der reale Abschwung jetzt schon ziemlich kräftig war… Aber wenn die Blase platzt, ist Feierabend in Westeuropa, das ist jetzt schon klar. Alle “realen” Werte wurden ja schon seit Langem nach Asien transferiert, hier wird es dann Dunkel ;)

  4. Thorsten S. says:

    Ich verstehe den Hype um Roubini nicht. Klar, der hat die Krise vorher gesagt. Aber wie heißt es so schön: Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn. Mal im Ernst: Der so genannte Starökonom überzeugt wissenschaftlich nicht.

    Er bleibt ein One-Hit-Wonder. Mehr nicht.

  5. Wolfgang Drechsler says:

    Roubini hat recht. Fallbeispiel Südafrika: das Land findet nach seinem wirtschaftlichen Einbruch nur ganz allmählich festeren Boden. Dennoch hat seine Randwährung seit Jahresbeginn um 25% gegenüber dem Dollar und ähnlich stark gegenüber Euro und Franken gewonnen. Mit der ökonomischen Realität am Kap hat diese Aufwertung nicht viel zu tun. Grund sind vor allem Südafrikas hohe Zinsen, die manch internationalen Anleger zu dem oben beschriebenen Glücksspiel verleiten. Er leiht sich in Amerika oder Europa billig Geld – und legt dies in ein Hochzinsland wie Südafrika mit einer Primerate von 10,5% (Inflation zurzeit 6%). Doch Vorsicht ist geboten: Letzte Woche lockerte Südafrikas Finanzminister bei der Vorlage des Mini-Budgtes überraschend stark die noch verbliebenen Devisenkontrollen aus der Apartheidsära. Und prompt fiel der Rand aus Sorge vor einem stärkeren Kapitalabfluss um mehr als 5%. So attraktiv die Renditen auf den ersten Blick auch scheinen, so schnell können sie auch dahinschmelzen.

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