Die Deutschen und die Teaparty

Aus deutscher Sicht erscheint manches in den USA ziemlich bizarr zu sein, zum Teil sogar unmoralisch. Angefangen von der Todesstrafe über den freien Waffenbesitz bis hin zum dünnen sozialen Netz und vor allem den vor Obama noch riesigen Löchern im System der Krankenversicherungen. Wo sonst wird in reichen Ländern darüber diskutiert, ob auch Leute, die es sich nicht leisten können, Anspruch auf medizinische Behandlung haben?
Als besonders bizarr erscheint den Deutschen – und vielen Amerikarn auch, übrigens – die Tea Party, die sozusagen den rechten Flügel der Konservativen bildet. Dabei wird aber oft übersehen, dass es einige Übereinstimmungen mit Meinungen gibt, die auch in Deutschland weit verbreitet sind.
Die Leute der Tea-Party halten nichts von einer expansiven Finanzpolitik. Sie glauben, dass man im Zweifel alle Probleme durchs Sparen lösen kann. Sie verstehen zum Teil auch nicht oder wollen es nicht, dass staatliches Sparen in die Rezession führen kann. Dafür verstehen sie sehr gut, und haben damit auch Recht, dass permanente staatliche Verschuldung auf Dauer in den Ruin oder in die Inflation führt.
Ist diese Art zu denken – mit allen Vorzügen und Schwächen – nicht auch in Deutschland weit verbreitet? Zumindest wenn es um andere Länder wie Spanien, Italien, oder Griechenland geht, sind in Deutschland auch viele sehr schnell bereit zu glauben, man könne mit mehr Sparsamkeit alles richten. Auch in Deutschland fehlt oft das Verständnis dafür, dass zumindest bei exportschwachen Staaten öffentliches Sparen immer tiefer in die Misere führen kann. Auch in Deutschland gibt es eine berechtigte Angst vor hohen Staatschulden und Inflation.
Eine ähnliche Parallele gibt es in der Geldpolitik. Während in vielen Ländern die Notenbanken letztlich doch als ökonomische Geheimwaffe geschätzt werden, genießen sie in Deutschland entweder großer Achtung (Bundesbank) oderbegegnen inzwischen einem deutlichen Misstrauen (EZB). In den USA ist die Notenbank den Anhängern der Tea Party eher verhasst. Dahinter steckt aber ebenso wie in Deutschland ein tiefes – und weitgehend auch berechtigtes – Misstrauen gegenüber den Tricks, mit denen die Notenbanken immer wieder Konjunktur und Regierungen retten wollen. Die US-Notenbank gilt hier als besonders willig, die EZB als nachgiebiger gegenüber unsittlichen Ansinnen und die Bundesbank als besonders widerstandsfähig – lassen wir das mal so stehen, ohne näher die Hintergründe zu beleuchten; so kommen jedenfalls die unterschiedlichen Einschätzungen zustande.
Es zeigt sich also: Hinter scharfen Gegensätzen auf den ersten Blick verbergen sich manchmal erstaunliche Gemeinsamkeiten. Letztlich würden viele Deutsche ebenso wie die Teaparty-Leute am liebsten in einem Staat leben, der einfach aufhört Schulden zu machen und Geld zu drucken. Nur dass sie trotzdem gerne noch ein paar Sozialleistungen mehr hätten als die rechten Amerikaner.

Japan Airlines kehrt an die Börse zurück

Anfang 2010 erschütterte eine Sensationsnachricht die Luftfahrtbranche: Japan Airlines, einer der angesehensten Spieler der Branche, war zahlungsunfähig. Wegen der Weltwirtschaftskrise waren die Passagierzahlen gesunken. JAL hatte da ohnehin hohe Schulden. Die Aktie ging in Tokio aus dem Markt.

Jetzt, zwei Jahre später, ist die Fluglinie runderneuert. Am 19. September soll die Aktie an den Markt zurückkehren. Heute gab JAL den Preis bekannt: 6,6 Milliarden Euro soll die so genannte „Erstnotiz“ (die so gesehen keine ist) einbringen.

JAL ist – wie der US-Autohersteller GM – ein gutes Beispiel dafür, dass die geordnete Insolvenz eine viel tiefer gehende Gesundung bringt als Durchwurschteln.  » Weiterlesen

Soros, Draghi und die Frage, was „unbegrenzt“ heißt

Der Milliardär George Soros rät den Deutschen, aus dem Euro auszusteigen. Und das, nachdem Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank, den Euro gerade gerettet hat. Denn wahrscheinlich hat er das mit seiner Ankündigung „unbegrenzter“ Ankäufe von Anleihen schwacher Euro-Staaten wirklich getan. Die Frage ist nur, ob das eine gute oder eine schlechte Nachricht ist.

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Ein Staatsfonds für Deutschland?

Daniel Gros und Thomas Mayer sind immer gut für überraschende Ideen. Der neueste Vorschlag der beiden Ökonomen: Deutschland sollte ähnlich wie zum Beispiel Norwegen und Saud-Arabien, aber auch viele fernöstliche Staaten, einen Staatsfonds gründen, der gezielt deutsches Geld im Ausland anlegt. Auf den ersten Blick ist der Vorschlag brillant. Auf den zweiten ist er immer noch hoch interessant, weil er eine eher ungewohnte Perspektive auf die Euro-Zone eröffnet. Auf den dritten Blick sehe ich allerdings eine Menge praktischer Probleme.

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Der Goldene Elephant ist kein Subprime Loan

Die Nachrichtenagtur Reuters verbreitet gerade eine groß aufgezogene Geschichte: China sei von windigen Geldanlageprodukten überflutet. Es drohe ein Debakel wie in den USA 2007/2008. Mit der Volksrepublik werde der Wachstumsmotor der Weltwirtschaft ausfallen.

Reine Angstmacherei.  » Weiterlesen

Grexit wäre ein Bumerang

„Grexit“, der mögliche Ausstieg Griechenlands aus der Euro-Zone, ist gerade wieder ein großes Thema. Angela Merkel hat am Wochenende die Leute, die ständig davon reden, zurückgepfiffen – spät genug. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hat sich im Spiegel-Interview sehr sachlich geäußert, aber seine Bemerkung, die EZB könne nicht den Verbleib aller Länder in der Währungsunion garantieren, unterstützt natürlich die Grexit-Fans. » Weiterlesen

Flinkes Kabel für superschnelle Trades

Auf den ersten Blick eine Techniknachricht – auf den zweiten Blick eine Wirtschaftsnachricht: Zwischen Tokio, Hongkong und Singapur geht heute ein neues Untersee-Internetkabel in Betrieb. Doch auch wenn private Surfer ebenfalls etwas von der schnelleren Anbindung haben dürften – der eigentlich Grund für das teure Projekt liegt im modernen Börsenhandel.

Denn die Signale legen die Strecke in dem neuen Kabel drei Millisekunden schneller zurück als bisher. Für die meisten Internet-Anwendungen ist dieser Zeitgewinn egal. Für Hochgeschwindigkeits-Trading macht er einen Riesenunterschied.  » Weiterlesen

Die Grenze überschritten

Wenn die Europäische Zentralbank, wie der „Spiegel“ schreibt, tatsächlich feste Zinsobergrenzen für einzelne Länder festsetzt, dann wäre damit eine wichtige Grenze hin zu einer unseriösen Geldpolitik überschritten. Man mag einwenden, dass die EZB bisher auch schon indirekt Staaten finanziert, was sie eigentlich nicht soll. Man mag auch einwenden, dass die Notenbanken in den USA und in Großbritannien auch durch massive Käufe die Zinsen ihrer Staaten drücken. Aber es gäbe – wenn es tatsächlich so eintritt, was ich noch nicht so ganz glaube – zwei wichtige Unterschiede.
Erstens nennt zum Beispiel die US-Notenbank keine Obergrenze für den Zins, sie gibt keine Garantie ab, Anleihen zu kaufen. Nur so kann sie verhindern, dass ihr die Entwicklung aus der Hand genommen wird, indem der Staat praktisch unbegrenzt Anleihen an sie verkauft. Wenn die EZB tatsächlich unbegrenzt bestimmte Obergrenzen garantiert, gibt sie die Kontrolle über das Volumen ihrer eigenen Ankaufaktionen aus der Hand. Keine gute Idee.
Der zweite Unterschied ist noch wichtiger. Wenn bei einer Notenbank, die für einen Staat zuständig ist, Geld- und Finanzpolitik durcheinander geraten, ist das schlimm genug. Noch schlimmer wird es, wenn die Notenbank für viele Staaten zuständig ist. Dann kann nämlich ein einzelner Staat den Liquiditätsvorteil durch die Ankäufe für sich selbst einheimsen und das gegenüberstehende Inflationsrisiko allen anderen aufbürden. Solche Anreizstrukturen können auf Dauer nur eine schlechte Wirkung haben.
Vielleicht ist nichts dran an den angeblichen Plänen der EZB. Vielleicht werden sie gestreut, um die Reaktionen zu testen. Vielleicht sind der EZB die Gerüchte selber sogar ganz recht, weil sie möglicherweise den Markt beruhigen. Vielleicht handelt es sich um Notpläne für den Fall, dass Griechenland aus der Euro-Zone fällt und die Kapitalmärkte völlig austrocknen. Wir werden sehen. Wenn es tatsächlich so weit kommen sollte, wäre das schon ein Ausdruck der Verzweiflung.
Natürlich wird man versuchen, im Gegenzug die Staaten zu strengen Auflagen zu verpflichten. Aber was, wenn die Auflagen verfehlt werden? Wenn die Märkte glauben, dass die Zins-Garantie der EZB nur unter bestimmten Bedingungen gilt, dann wird die Garantie nicht funktionieren. Wenn die Garantie auf JEDEN Fall gelten soll, dann hat die EZB kein Instrument mehr, um die Einhaltung der Bedingungen zu kontrollieren. Hoffen wir, dass es nicht so weit kommt.

Gefährliche Wetten gegen Deutschland

Einige Hedge-Fonds, so ist mehrfach zu lesen, wetten jetzt gegen deutsche Staatsanleihen. Und deren Kurse zeigten in den letzten Tagen ja auch ganz leichte Schwächetendenzen. Hat die Anziehungskraft Deutschlands für Geld aus aller Herren Länder ihren Höhepunkt überschritten? Möglicherweise liegen die Hedge-Fonds da falsch.

Es kann zwei Gründe geben, die zu einem Rückgang der Kurse der deutschen Staatspapiere führen würden. Einmal eine Entspannung im Euro-Raum. Dann würde das Fluchtgeld, das aus dem Süden in den Norden geflossen ist, wie der zurückgeholt. Der Druck der Liquidität auf den deutschen Markt ließe nach. Tatsächlich gibt es ja Berichte, nach denen viele Griechen ihr Geld wieder nach Hause holen, das sie kurz vor der Wahl noch außer Landes gebracht hatten. Ob das den Markt für deutsche Staatsanleihen wirklich beeinflusst ist, bleibt allerdings fraglich, möglicherweise reicht das Volumen hierzu nicht aus.

Der zweite Gründe wäre genau das Gegenteil des ersten: Wenn die Krise sich zuspitzt, zweifeln die internationalen Anleger, ob Deutschland nicht auf Dauer doch mit unter Druck gerät. Diese Argumentation ist es, die die angelsächsischen Hedgefonds bewegt. Und sie spielt tatsächlich auch eine Rolle. Weil das Hilfspaket für Spaniens Banken im Markt so schlecht aufgenommen wurde, gibt es jetzt die Befürchtung, dass Spanien ganz unter den Rettungsschirm schlüpft. Damit wäre das erste große Euro-Land auf diesem Weg – und damit steigt die Befürchtung, dass zum Beispiel Italien folgt und das ganze Euro-Rettungssystem, das ja stark an der deutschen Kreditwürdigkeit hängt, aus den Fugen gerät. Verständlich, dass internationale Anleger lieber Dollar oder Yen kaufen, und dass die Preise für die Versicherung deutscher Anleihen (die CDS) teurer werden.

Es zeigt sich also: In Griechenland leichte Entspannung, in Spanien eher Zuspitzung, und merkwürdigerweise spricht beides eher für sinkende Kurse deutscher Anleihen. Allerdings sollte man sich das Spanien-Argument noch einmal genauer anschauen. Zum einen gibt es jetzt offenbar Überlegungen, die Kapitalhilfen für die Banken so erträglich auszugestalten, dass der spanische Staat damit irgendwie zu Recht kommt, ohne weitere Hilfen beantragen zu müssen. Daher könnte es bald wieder zur Entspannung kommen. Außerdem: Es gibt ja nicht nur internationale Anleger, sondern auch große Versicherer und Pensionskassen, die mehr oder minder auf den Euro angewiesen sind. Und die werden, wenn es kritisch wird, weiterhin deutsche Anleihen kaufen. Was sollten sie sonst tun? Erst wenn es eine durchgreifende Entspannung gibt, werden sie umschwenken auf andere Länder. Oder aber, wenn doch eine starke Vergemeinschaftung der Haftung in Reichweite kommt, so dass die Sicherheiten der deutschen und der „südlichen“ Papiere nicht mehr so starke Abweichungen zeigen. Diese Entwicklung ist aber noch nicht absehbar. Je nach dem, wie und für welchen Zeitraum die Wetten gegen Deutschland gestrickt sind, könnten sie also auch daneben gehen.

Die Nachrichten vom Ableben des Euros waren verfrüht

Nach einer Woche mit extremem Stress können die Märkte aufatmen. Bei der Wahl in Griechenland wäre jedes Ergebnis problematisch gewesen. Aber das, was sich jetzt abzeichnet ist vielleicht von allen Möglichkeiten noch die beste. Die Kräfte, die mit der EU kooperieren wollen, haben die Oberhand. Gleichzeitig ist die radikale Linkspartei so stark, dass die alten Parteien nicht einfach weitermachen können wie bisher. Was wäre besser gewesen? » Weiterlesen