Der Schlüssel zu Haitis raschem und nachhaltigem Wiederaufbau liegt nach Auffassung des Sprechers der haitianischen Wirtschaft in Investitionen und der Stärkung des Privatsektors: „Wir müssen die Landwirtschaft, die Agroindustrie, die Vieh- und Geflügelzucht und den Tourismus entwickeln und die Lohnveredelung stärken,“ sagte Reginald Boulos im Gespräch. „Haiti ist das Land der Möglichkeiten“, warb der Chef der Handelskammern. » Weiterlesen
Artikel mit dem Tag: Wirtschaft
Hohn und Spott – Solana und Jung ringen um den Kongo
Es geschieht nicht alle Tage, dass sich EU-Diplomaten in Brüssel mit der Bundesregierung in Berlin anlegen. Doch der geplante Militäreinsatz im Kongo macht's möglich: Seit einer Woche lästern die Diplomaten des Hohen Beauftragten Javier Solana über die Berliner Entscheidungsschwäche. Verteidigungsminister Jung habe seine Truppe nicht im Griff, Außenminister Steinmeier drücke sich um klare Aussagen – und überhaupt sei man das ewige Genörgel leid.
Der Hintergrund: Während sich Solana seit Wochen bemüht, Deutschland zu einer Führung des Kongo-Mission zu bewegen, tritt die Bundesregierung auf die Bremse. Aus Berlin kommen immer neue Bedingungen für den ungeliebten Afrika-Einsatz: ein klares Uno-Mandat, die Zustimmung der Regierung in Kinshasa, eine zeitliche und räumliche Begrenzung des Einsatzes, eine breite Beteiligung der EU-Staaten sowie – und das ist der Stein des Anstoßes – eine Erkundungsmission von Solana im Kongo. Der EU-Chefdiplomat soll mit dem kongolesischen Präsidenten Kabila reden, fordert Verteidigungsminister Jung voller Verve.
Vielleicht sollte Jung einmal mit Solana telefonieren. Denn der ist nach eigenen Angaben seit Wochen mit Kabila im Gespräch. Die EU hat zudem eine Fact-Finding-Mission in den Kongo geschickt – und verfügt über einen Beauftragten für die Region der Großen Seen, der ebenfalls den Kontakt nach Kinshasa hält. Was also sollte der EU-Chefdiplomat in Afrika ausrichten? Warum macht sich Jung nicht selbst vor Ort ein Bild der Lage, wenn ihm bang um "seine Jungs" ist?
Merkwürdig ist auch, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Beraterstab kein Machtwort reden. Schließlich sitzt mit Christoph Heusgen ein ehemaliger enger Solana-Vertrauter im Bundeskanzleramt, der zwischen Berlin und Brüssel vermitteln sollte. Doch offenbar herrscht Funkstille. Deutschland drückt sich vor seiner Führungs-Rolle – kein Wunder, dass es zum Gespött in Brüssel wird.
Solanas vergebliche Liebesmüh’
EU-Chefdiplomat Javier Solana hat derzeit nicht viel zu lachen. Der Wahlsieg der Hamas in den Palästinenser-Gebieten, die Provokationen im Iran und – last not least – der Karikaturen-Streit verhageln dem Spanier das Geschäft. Dabei konnte sich Solana noch vor ein paar Wochen im Erfolg sonnen: Die EU übernahm die Überwachung am Grenzübergang Rafah im Gaza-Streifen. Sie verhandelte mit den Iranern über ihr Atomprogramm – und sie hielt sich viel auf ihr gutes Verhältnis zur islamischen Welt zugute.
Schaut her: Während es sich die Amerikaner mit den Arabern verdorben haben, bauen wir unsere Beziehungen aus – so lautete die unterschwellige Botschaft aus dem EU-Ratsgebäude in Brüssel. Vor allem auf seine Beziehungen zu “Abu Masen” – Palästinenserchef Abbas – war Solana stolz.
Doch nun liegt die “politique arabe” der EU in Trümmern. Ausgerechnet die hehren Prinzipien der Demokratie, der Meinungs- und Pressefreiheit und der Solidarität haben Solana einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Es waren demokratische Wahlen, die die Hamas in Ramallah und die Hardliner in Teheran an die Macht gebracht haben. Es war die Meinungs- und Pressefreiheit, die den Karikaturenstreit überhaupt erst möglich gemacht hat. Und es ist die Solidarität, die die EU jahrzehntelang gegenüber Israelis und Palästinensern bewiesen hat, die Solana nun zu unmöglichen Entscheidungen nötigt.
Beispiel Hamas: Entweder erkennt die EU die demokratische Wahl und ihr Ergebnis an, und lässt sich mit der Terrororganisation ein – in der Hoffnung, dass sich Hamas ebenso wie einst die Fatah von Jassir Arafat eines Besseren belehren lässt. Oder sie steht in Treue fest zu Israel – und muss mit den Palästinensern brechen. Beides geht nicht.
Beispiel Karikaturen: Entweder Europa verteidigt die Meinungs- und Pressefreiheit, und riskiert einen Bruch mit der islamischen Welt. Oder es geht auf die Moslems zu, muss dann aber auch die Grenzen der Freiheit neu ziehen. “Der Westen bemüht sich”, überschrieb die “Zeit” einen Online-Artikel zu diesem Dilemma http://www.zeit.de/online/2006/07/karikaturenstreit_102 Auch Solanas Reise in den Nahen und Mittleren Osten wurde darin erwähnt.
Doch offenbar handelt es sich um vergebliche Liebesmüh. Während Solana noch durch die arabischen Länder tingelte, dehnten sich die Proteste gegen Mohammed-Karikaturen immer weiter aus. Selbst das dem Westen eigentlich ergebene Pakistan wurde von einer Gewaltwelle erfasst. Und als Solana endlich in Ramallah eintraf, wurde bekannt, dass die Türkei überraschend eine Hamas-Delegation in Ankara empfing.
Offenbar sind es Türken und Russen, die nun anstelle der Europäer den Dialog mit der islamischen Welt pflegen. Die EU hat sich in ihren eigenen Prinzipien verheddert und muss ratlos mit ansehen, wie andere in die Bresche springen.
Auf der Suche nach dem Globus
Ihren Gegnern gilt die Welthandelsorganisation (WTO) als mächtig und böse. Oft ist die WTO auf eine sympathische Weise nur unbeholfen.
Am 1. September wurde Pascal Lamy ihr Chef. Zum offiziellen Foto sollte der Neue neben einer Weltkugel posieren.
Nur: In der Genfer WTO-Zentrale ließ sich kein Globus auftreiben. Lamy, der neue Boss der Globalisierungsagentur ohne Globus?
Lamys Helfer wichen auf die Vereinten Nationen in Genf aus. Doch auch im Palais des Nations der Uno wurden sie nicht fündig. Die Zeit drängte. Lamy musste sich den Fotografen stellen – ohne Globus.
Selbst die mächtige WTO bringt nicht alles zuwege.
König Fahd in Genf
Der verstorbene König Fahd von Saudi-Arabien erwarb vor Jahrzehnten einen Kitschpalast in einem Genfer Nobelvorort. Farbe der Immobilie: Wüstengelb. Geschätzter Wert: Rund 200 Millionen Franken.
Fahd logierte nur einmal in seinen Genfer Gemächern, das war im Sommer 2002. Auf 40.000 Quadratmetern Wohnfläche döste der sieche Monarch vor sich hin – umgeben von seinen drei Hauptfrauen, seinen Ministern, Leibärzten und einem Heer von Dienern und Mägden. Der Herrscher hielt auch ein wenig Hof, empfing den Präsidenten Ägyptens und den König Jordaniens. Seine Entourage verjubelte in jenen Tagen alle 24 Stunden rund 5 Millionen Franken: Noch eine Rolex, noch ein Aston Martin, noch eine größere Suite in noch einem besseren Luxushotel.
Nach einigen Wochen flog der Saudi-Tross in mehreren Jumbos weiter nach Marbella. Dort prassten die Prinzen weiter, auf Fahd wartete ein anderer Palast. Sein Genfer Chateau verfiel wieder in einen tiefen Schlaf.
Jetzt hoffen die geschäftstüchtigen Genfer auf den neuen König. » Weiterlesen
Blauer Dunst
"To nefos", wie die Athener die berüchtigte Smogwolke nennen, die in den 80er und 90er Jahren immer wieder den Himmel über der Akropolis verdunkelte und den Parthenon in einen Grauschleier hüllte, scheint besiegt. Katalysatoren, reinere Kraftstoffe und strengere Auflagen für die Industrie haben "to nefos" vertrieben. In den späten 80er und frühen 90ern hatten wir rund ein dutzend Mal pro Jahr Smogalarm. Der letzte liegt so lange zurück, dass ich mich gar nicht dran erinnern kann.
Was aber nicht heißt, dass man in Athen jetzt durchatmen kann. Ihrer Leidenschaft für blauen Dunst haben die Griechen nämlich noch nicht abgeschworen. Sie sind die stärksten Raucher Europas. Auch wer das Laster nicht teilt, hat dennoch Anteil daran. In Athen rauchen alle – die meisten aktiv, die anderen passiv. Nichtraucherzonen? Die schreibt das Gesetz zwar vor. Aber in den meisten Restaurants und Cafes sucht man sie vergeblich. "Sie können überall sitzen", sagt der Kellner, wenn man nach einem Nichtrauchertisch fragt. Rauchverbot im Taxi? Das gilt nur für die Passagiere. Viele Fahrer paffen ungestört eine Zigarette nach der anderen. "Wenn Dir was nicht passt, kannst Du aussteigen", schnauzte mich kürzlich ein Taxifahrer an, als ich ihn höflich bat, mich nicht einzunebeln.
Anti-Raucher-Kampagnen zeigen in Griechenland keinerlei Wirkung. Nur fünf Prozent der Raucher haben in den vergangenen Jahren ihren Konsum eingestellt. 51 Prozent der griechischen Männer rauchen im Durchschnitt 18 Zigaretten am Tag, 39 Prozent der Frauen konsumieren durchschnittlich 15 Glimmstängel.
Auch die meisten meiner hiesigen Berufskolleginnen und Kollegen sind passionierte Tabakfreunde. Auf Pressekonferenzen in Griechenland bleibt einem die Luft weg – nicht wegen sensationeller Enthüllungen, sondern weil fast alle qualmen. Wenn es Rauchverbotszeichen gibt, werden sie ignoriert.
Zu den wenigen ausländischen Diplomaten, die in ihren Residenzen ein Rauchverbot durchsetzten, gehörte vor einigen Jahren US-Botschafter Nicholas Burns. "Thank you for not smoking in our home" stand auf einer Tischkarte am Eingang der Botschaftervilla im Athener Stadtteil Kolonaki. Bei Empfängen versuchten einige ganz unerschrockene griechische Gäste, sich in den weitläufigen Garten der Residenz zu stehlen, um den sinkenden Nikotinspiegel nach oben zu bringen. Doch selbst dort wurden die Raucher von Sicherheitsbeamten aufgespürt und abgemahnt. Burns ist inzwischen Under Secretary im Washingtoner State Department, einer total rauchfreien Zone.
Auch viele griechische Politiker rauchen. Bis vor einigen Jahren stiegen sogar im Plenarsaal der Vouli, des Athener Parlaments, Rauchwolken auf. Inzwischen herrscht dort Rauch- und Handyverbot. Umso mehr wird in der Lobby gepafft und telefoniert.
Auch der griechische Regierungssprecher Theodoros Roussopoulos, ein Frühaufsteher, der strikt Diät hält und Alkohol meidet, hat ein Laster: er raucht. Der frühere TV-Moderator ist aber stolz darauf, dass es von ihm bisher keine Fotos oder Fernsehbilder mit Zigarette gibt, obwohl er auf Empfängen fast ständig von Reportern umringt ist. Wenn er sich eine Zigarette anstecken will, kündigt er das vorher an: "Kinder, kann ich jetzt mal eine rauchen?" Das ist das Signal für die Fotografen, den Finger vom Auslöser zu nehmen. Sie tun es gern. Schließlich müssen auch sie rauchen.
Über die griechische Jugend – pardon: Patriotische Hellenen
Montag – und wieder waren die Athener Straßencafes voll besetzt. Nicht nur am Syntagma- und Kolonakiplatz, am Thission oder in der Plaka, wo die Touristen entsetzt feststellen, dass ein (oft miserabel zubereiteter) Espresso hier mehr kosten kann als auf der Via Veneto in Rom oder dem Markusplatz in Venedig. Nein, auch in Stadtvierteln abseits der touristischen Trampelpfade wie in Pangrati, Kypseli oder an der Fokionos Negri herrscht vom frühen Vormittag bis spät in die Nacht Hochbetrieb. Vor allem junge Griechen bevölkern die Cafes, 16- bis 25-Jährige. Welchen Beschäftigungen sie nachgehen – und ob überhaupt -, ist mir auch nach über 25 Jahren journalistischer Recherchen in diesem Land schleierhaft. Wobei ich mich allerdings auch nicht ständig in Cafes herumtreibe. Insofern handelt es sich eher um Gelegenheitsermittlungen.
Für Arbeitslose jedenfalls sind die meisten jedenfalls verdammt schick angezogen. Und die Rechnung, die der Kellner bringt, wird lässig beglichen. Offenbar versteht die griechische Jugend zu leben – was ja keineswegs vorwerfbar ist sondern angesichts der in "Germanía" (wie man unser zunehmend merkwürdiges Land hier nennt) vorherrschenden Depressionen eher vorbildlich.
Wer allerdings den jungen Griechen unterstellt, sie lebten nur so oberflächlich in den Tag hinein, muss sein Urteil etwas korrigieren. Mich jedenfalls haben die jetzt vorgestellten Ergebnisse einer Studie der Universität Athen überrascht. Sie hat den Titel "Die junge Generation in Griechenland heute" und stützt sich auf Befragungen von rund 1.600 Personen im Alter von 15 bis 29 Jahren im ganzen Land. Das überraschende Ergebnis: die jungen Griechen, die zumindest in Athen so cool daherkommen, sind sehr wertkonservativ.
Familie, Kirche, Liebe, Freundschaft: diese Werte sind ihnen am wichtigsten. Sex, Unterhaltung, Geld und Karriere kommen erst weit dahinter. Europa sowieso. Denn vor allem sind die jungen Griechen eines: Griechen. Nur zwei Prozent der Befragten sehen sich in erster Linie als Europäer. 40 Prozent fühlen sich "zuerst als Griechen und danach als EU-Bürger", 46 Prozent sogar "nur als Griechen".
Befragt, worauf sie denn als Griechen vor allem stolz seien, nennen 75 Prozent das Erbe der antiken Hellenen und 51 Prozent die zeitgenössische Folklore ihres Landes. 33 Prozent sind stolz auf die gelungenen Olympischen Spiele im vergangenen Sommer, 30 Prozent auf den Sieg ihrer Mannschaft bei der Fußball-Europameisterschaft in Portugal – Danke, Rehakles!
Immerhin jeder Vierte ist stolz auf die orthodoxe Religion, nur acht Prozent dagegen erfüllt die Mitgliedschaft ihres Landes in der EU mit Hochgefühlen. Europa ist also offenbar bei den jungen Griechen ziemlich unten durch. Dem Ansehen der orthodoxen Kirche haben dagegen auch die jüngsten Sex- und Korruptionsskandale nicht viel anhaben können – vielleicht weil sie mehr Lesestoff bieten als die trockenen Berichte aus Brüssel? Befragt jedenfalls, welcher Institution sie am meisten vertrauen, geben die jungen Griechen auf einer Skala von null bis zehn ihrer Kirche 7,8 Punkte. Sie rangiert damit vor den Universitäten, den Medien, der Justiz, der Polizei und den Politikern. Von denen glauben 86 Prozent der Befragten, dass sie korrupt seien.
Ganz oben dagegen in der Werteskala rangiert die Familie. Wie stark der Generationenverband zusammenhält, zeigt eine andere jetzt veröffentlichte Umfrage der Athener Panteion-Universität: danach sehen 80 Prozent der griechischen Eltern selbst ihre erwachsenen Kinder jeden Tag, auch wenn die bereits in einer eigenen Wohnung leben. Insbesondere die Griechinnen bemuttern ihre Söhne, selbst wenn die längst Väter sind. Den "pädia", den Kindern, lassen die Hellenen fast alles durchgehen. Und da schließt sich vielleicht der Bogen zu den gut frequentierten Straßencafes. Jeder Opa, jede Oma, Mama und Papa sowieso stecken dem Sprössling einen Euroschein zu: "Mein Junge, kauf Dir mal ein Eis!". Selbst wenn der längst in einem Alter ist, wo er lieber einen Whisky trinkt.

