Den türkischen Tycoon Sakip Sabanci habe ich einmal gefragt: ?Wer ist eigentlich reicher ? Sie oder Rahmi Koc?? Sabanci war damals Chef der Sabanci Holding, Rahmi Koc Präsident der Koc Holding. Zusammen erwirtschaften diese beiden größten türkischen Konglomerate etwa acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Türkei. Wer also ist reicher, die Sabancis oder die Kocs? Sakip Sabanci lachte und sagte: ?Das weiß nur Allah!?
Und Forbes. Dem US-Wirtschaftsmagazin zufolge sind 21 Türken unter den weltweit 793 Milliardären. Der erste Platz in der türkischen Landesliste ist gleich dreifach besetzt: mit einem geschätzten Vermögen von 1,7 Mrd. Dollar teilen sich Rahmi Koc, Ömer Sabanci und Sevket Sabanci den Titel des reichsten Türken. Im globalen Ranking reicht das für Platz 451. Der Sabanci-Clan ist übrigens weiter unten noch einmal vertreten: auf Platz 606 rangiert Erol Sabanci mit 1,3 Mrd. Sakip Sabanci, der es in seinen besten Jahren immerhin auf Platz 147 brachte, ist auf der jüngsten Forbes-Liste nicht mehr vertreten ? Allah rief ihn vor zwei Jahren zu sich.
Trotz des Abgangs hat sich die Zahl der türkischen Milliardäre in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt. Das spiegelt den erstaunlichen Aufschwung der türkischen Wirtschaft seit der schweren Finanzkrise vom Februar 2001, die das Land fast in den Staatsbankrott abstürzen ließ. Aus dem gewachsenen Reichtum der türkischen Tycoons auf allgemeinen Wohlstand zu schließen, wäre allerdings falsch. Große Teile der Bevölkerung bekommen vom türkischen Wirtschaftswunder bisher wenig ab. Auf die reichsten 20 Prozent der Bevölkerung entfallen 48,2 Prozent des Nationaleinkommens, die ärmsten 20 Prozent dagegen müssen sich mit sechs Prozent begnügen. 20,9 Prozent der Türken, das entspricht immerhin 14,7 Millionen Menschen, müssen mit einem Tageseinkommen von umgerechnet 4,30 US-Dollar auskommen. 2,5 Prozent der Bevölkerung, 1,75 Millionen Menschen, verdienen 2,15 Dollar oder weniger am Tag, 11 000 Türken sogar weniger als einen Dollar.
Trotz des beträchtlichen Einkommensgefälles genießen die Unternehmerfamilien Koc und Sabanci in der türkischen Bevölkerung hohes Ansehen, ja Verehrung. Denn sie sind nicht nur vorbildliche Arbeitgeber, die über Tarif zahlen und aus eigener Initiative zahlreiche Sozialleistungen für ihre Beschäftigten erbringen. Auch über die eigenen Unternehmen hinaus betätigen sie sich als Philanthropen. Vor allem Sakip Sabanci vergaß nie, woher er kam. Wie hat alles angefangen? ?Mit nichts!?, pflegte er auf diese Frage zu sagen. Sein Vater, Haci Ömer Sabanci, verließ als 15-jähriger 1921 die Lehmhütte der Familie im zentralanatolischen Dorf Akcakaya, wanderte zu Fuß ins 350 Kilometer entfernte Adana, um sein Glück zu machen, und schaffte binnen zwei Jahrzehnten den Aufstieg vom Baumwollpflücker zum Bankier. Schreiben und Lesen hat Haci Ömer Sabanci nie gelernt, aber als er 1966 starb, hinterließ er seinen Kindern ein bereits mehrere Dutzend Firmen umfassendes Wirtschaftsimperium. Heute gehören fast 100 Unternehmen zur Sabanci Holding. Sabanci betreibt Banken und Versicherungen, Zement- und Autofabriken, Chemieunternehmen und Hotels, Einzelhandelsketten, Telekommunikationsunternehmen und Elektronikhersteller.
Seine Popularität verdankt der Sabanci-Clan aber nicht nur den allgegenwärtigen Produkten und Dienstleistungen des Konglomerats sondern dem gesellschaftlichen Engagement. Die nach dem Firmengründer benannte Haci Ömer Sabanci Stiftung betreibt über 110 gemeinnützige Einrichtungen, darunter Kindergärten, Schulen, Altersheime, Sozialzentren und die angesehene Sabanci-Universität, die als eine der besten Hochschulen der Türkei gilt. Mehrere Dollarmillionen pro Jahr investieren die Sabancis in Stipendien für Studenten aus einkommensschwachen Familien.
Auf meine Frage, wer denn nun reicher sei, er oder Koc, antwortete Sakip Sabanci damals nicht nur mit dem Hinweis auf den allwissenden Allah. Er fügte auch hinzu: ?Geld ist sowieso von einem bestimmten Punkt an uninteressant?. Worauf es wirklich ankomme, sei Erfolg. Wie man den denn messen könne, habe ich ihn gefragt. ?Daran, was ich für andere tun kann?, war seine Antwort.
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