Andris Piebalgs hatte heute seinen großen Auftritt in Brüssel. Der bisher weitgehend unbekannte EU-Energiekommissar durfte das Grünbuch zur künftigen Energieversorgung vorstellen. Angesichts knapper Ressourcen und steigender Preise wurde das Papier mit Spannung erwartet. Doch Piebalgs hatte kein Glück: Noch vor der Veröffentlichung wurde es in der Luft zerrissen. Die Grünen im Europaparlament kritisierten, dass der Kommissar eine Debatte über die Kernkraft anregt. Die Sozialdemokraten bemängelten, dass die effiziente Energienutzung zu kurz komme.
"Ganz falsch", empörte sich Piebalgs. Das Grünbuch zeige, "Energieeffizienz wie wichtig das ist", sagte er in gebrochenem Deutsch. "Das zeigt die ganze Aktion von dieser Kommission", schloss er seine Verteidigungsrede.
Doch nicht nur sprachlich ließ die Antwort zu wünschen übrig. Auch sachlich ist die Kommission nicht auf der Höhe. Schon seit Wochen wirft sie die Themen Versorgungs-Sicherheit, Öffnung der Energiemärkte, mehr Wettbewerb und günstigere Preise für die Verbraucher durcheinander. Nach dem Gasstreit zwischen der Ukraine und Russland hieß es, nun müsse die EU die Versorgungssicherheit erhöhen. Dann stiegen die Preise in astronomische Höhen – die Kommission beklagte mangelnden Wettbewerb. Als sich schließlich die Fusionswelle der großen Energiekonzerne anbahnte, bleiben Piebalgs & Co. zunächst sprachlos. Erst als sich die EU-Staaten in die geplanten Megadeals von Eon, Enel, Endesa einschalteten, waren in Brüssel Warnungen vor Protektionismus und Nationalismus zu hören.
Allerdings hat die EU mit der Öffnung der Energiemärkte die Fusionswelle erst ausgelöst. Bevor 2007 weitgehende Freiheit herrscht, wollen alle Konzerne ein möglichst großes Stück vom Kuchen. Der Wettbewerb droht dabei ebenso auf der Strecke zu bleiben wie die energiepolitische Unabhängigkeit ganzer Länder wie Belgien oder Spanien. Im übrigen hat der Wettbewerb bisher nicht zu den versprochenen Preissenkungen geführt. Im Gegenteil: Ausgerechnet auf weitgehend abgeschotteten Märkten wie Frankreich sind die Energiepreise niedrig. Mehr Öffnung würde dort Preiserhöhungen bedeuten, betonen französische Experten.
Hier zeigt sich das ganze Dilemma der EU-Kommission: Sie geht von der naiven Annahme aus, Liberalisierung und Wettbewerb würden automatisch zu mehr Versorgungssicherheit und zu sinkenden Preisen führen. Dabei haben die Stromengpässe 2001 in Kalifornien aller Welt gezeigt, dass diese Rechnung nicht aufgeht. Dort hat die Liberalisierung zu explodierenden Preisen und implodierenden Stromleitungen geführt. Leider hat die EU-Kommission weder aus den Blackouts im Silicon Valley noch aus dem Gasstreit in der Ukraine gelernt – oder?

