Der Schlüssel zu Haitis raschem und nachhaltigem Wiederaufbau liegt nach Auffassung des Sprechers der haitianischen Wirtschaft in Investitionen und der Stärkung des Privatsektors: „Wir müssen die Landwirtschaft, die Agroindustrie, die Vieh- und Geflügelzucht und den Tourismus entwickeln und die Lohnveredelung stärken,“ sagte Reginald Boulos im Gespräch. „Haiti ist das Land der Möglichkeiten“, warb der Chef der Handelskammern. » Weiterlesen
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Land der Versehrten
Noch steht sie wacklig auf dem Bein. Die Belastung fällt schwer. Es ist der erste Tag, es ist ein neues Bein. „Small Step“, kleiner Schritt, sagt die schottische Physiotherapeutin zu Joe-Verly. „Piti Pa“, dolmetscht der haitianische Übersetzer. Unterhalb des linken Knies ist das Bein des schlanken Mädchens im himmelblauen Kleid mit einem dicken Verband umwickelt, daran ist eine Prothese aus Metall befestigt. Während sie ihr neues Bein vorsichtig belastet, muss sie den Oberkörper noch auf einem eckigen Metallgestell abstützen. » Weiterlesen
Zelten auf Trümmern I
Der Weg zu Luisel Emanuel führt über eine kleine Brücke, unter der mal ein Bach floss. Dann geht es vorbei an großen Tropenbäumen, die Schatten gegen die karibische Sonne spenden. An einem sanften Abhang, wo sich der Blick auf die Ebene von Port-au-Prince und seine Trümmerwüste entfaltet, steht die Hütte von Luisel Emanuel. Eine alte Tür dient als Wand, eine Plane als Dach, eine Gardine ersetzt die Haustür. Drinnen fühlt sich die Hitze an wie in der Sauna nach dem zweiten Aufguss. Seit dem 13. Januar haben der 40-Jährige, seine Frau Altagrace, sein Sohn Jimmy und das namenlose Ferkel eine neue Adresse: „Irgendwo zwischen Loch acht und neun, Pétionville Golf Club, Port-au-Prince, Haiti.“ » Weiterlesen
„Willkommen im Paradies“
Als ich vor ein paar Tagen in Haiti ankam, begrüßte mich ein Freund mit den Worten: „Willkommen im Paradies“. Man muss dazu zwei Dinge wissen, eines über meinen Freund und eines über Haiti. Mein Freund lebt seit bald elf Jahren in der karibischen Inselrepublik, und wie fast alle hier kann auch er die Armut und die Widersprüche des Landes nur mit einer gehörigen Portion Ironie aushalten. Zum anderen geht von Haiti wirklich eine eigenartige Faszination aus: Musik, Malerei und Literatur gehört zu dem besten, was die Karibik zu bieten hat und hebt sich allemal positiv von seinem Nachbarn Dominikanische Republik im Osten von Hispaniola ab. » Weiterlesen
Viel Geld, viel Verantwortung
Fast jeder in Haiti kennt die Geschichte von der Straße, die dreimal bezahlt, aber nur einmal gebaut wurde. Die Regierung in Taiwan, die in Lateinamerika Verbündete sucht, finanzierte die Nationalstraße in den Norden zweimal, ohne dass sie jemals repariert oder ausgebaut wurde. Das Geld war in irgendwelchen Regierungskanälen versickert. Beim dritten Mal schickten die Asiaten nicht nur das Geld, sondern auch gleich die Bauarbeiter mit.
Dieses Gleichnis, auf die Lage Haitis nach dem zerstörerischen Beben und der großzügigen Geberkonferenz angewendet, wirft die Frage auf: Wem sollen die zehn Milliarden Dollar anvertraut werden, die von der Weltgemeinschaft für die Rettung der geschundenen Karibikrepublik gespendet wurden? Die Regierung in Port-au-Prince oder das, was von ihr nach dem Beben übrig ist, reklamiert die Oberhoheit bei der Rekonstruktion von Stadt und Land für sich. Aber man hat kein gutes Gefühl, die Summe einer Regierung zu überantworten, die Transparency International als korrupteste in Lateinamerika ausweist.
Zudem haben sich alle Regierungen in Haiti in der Vergangenheit als unfähig erwiesen, ein Mindestmaß an staatlicher Institutionalität zu sichern. Funktionierende Polizei- und Justizapparate? Fehlanzeige. Strom- und Wasserversorgung? Mangelhaft. Von einer Regierung, die schon mit der Organisierung einer Müllabfuhr überfordert ist, ist kaum der Wiederaufbau eines Landes zu erwarten. Immerhin sind die fürchterlichen Folgen mit mehr als 200000 Toten nur zum Teil das Ergebnis der Naturkatastrophe; sie resultieren auch aus der Abwesenheit jeglichen Staats. Daher fordern Experten, ins Zentrum des Neuaufbaus Haitis die Beseitigung der strukturellen Mängel zu stellen, die ein Jahrhundertbeben erst zur Tragödie gemacht haben.
So muss die Internationale Gemeinschaft, müssen also UN, EU, USA, aber auch die vielen Nichtregierungsorganisationen, die Federführung bei der Neuerfindung des Landes übernehmen. Sie sind trotz berechtigter Kritik an den wenigen Ergebnissen ihrer Arbeit noch immer effizienter als die Regierung in Port-au-Prince. Die Weltgemeinschaft muss dabei die haitianische Zivilgesellschaft einbinden und diese so gleichzeitig stärken. Bisher ist die Karibikrepublik vor allem ein Land, in dem jeder für sein eigenes Überleben sorgen muss. So war es vor dem Beben, so ist es nach dem Beben.
Haiti steht heute an der Schwelle von der Not- zur Aufbauhilfe. Am nötigsten sind in dieser Phase die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Sicherung der Ernährung. Haitis Agrarproduktion kann sich laut Experten in kurzer Zeit verdoppeln bis verdreifachen, was nicht nur Menschen in Arbeit bringt, sondern auch die Versorgungslage verbessert. Ein weiterer Pfeiler einer ökonomischen Erholung müssen der Bausektor sein sowie die Lohnveredelung.
Erschwert wird die Lage drei Monate nach dem Erdbeben vom 12. Januar dadurch, dass 700000 Männer, Frauen und Kinder noch immer zumeist dort hausen, wohin es sie nach der Katastrophe verschlagen hat: auf Parkplätzen, in Hauseingängen, auf öffentlichen Plätzen und Bürgersteigen. Schulen und Universitäten haben den Lehrbetrieb bisher nicht aufgenommen. Zudem naht die Regenzeit. Haiti lebe noch immer in einem unerträglichen Ausnahmezustand, fasst es ein Entwicklungsexperte zusammen.

