» 25. Juli 2012, 16:57 Uhr

Scheinbarer Erfolg

Im Kampf gegen die heimtückische Aids-Seuche melden die Vereinten Nationen Fortschritte: Rund acht Millionen HIV-Infizierte in armen Ländern erhielten im vergangenen Jahr Medikamente, die ihr Leben verlängern. Das sind 1,4 Millionen mehr Menschen als 2010. Das bestätigte das UN-Aids-Programm (UNAIDS). Anlass der Bekanntgabe: Die internationale Aids-Konferenz in Washington, die am Freitag zu Ende geht.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon lobte die neuen Entwicklungen an der Aids-Front. „Die Weltgemeinschaft hat große Fortschritte im Kampf gegen die Aids-Epidemie erzielt.“ Vor zehn Jahren sei eine HIV-Infektion in den Entwicklungsländern einem Todesurteil gleichgekommen, heute sei HIV vielfach eine chronische Krankheit.

Allerdings bleibt das Ziel der Staatengemeinschaft, bis 2015 rund 15 Millionen Aids-Patienten mit lebensverlängernden Medikamenten zu versorgen, noch in weiter Ferne. Die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ klagt über weltweit stagnierende finanzielle Mittel für die Aidsbekämpfung. „Die neuen Zahlen zur Behandlung von Menschen mit HIV dokumentieren zwar ein Vorankommen“, sagt der Aids-Experte der Organisation, Oliver Moldenhauer. Die Lage sei aber weiter dramatisch: „Fast die Hälfte derjenigen, die Medikamente zum Überleben brauchen, haben weiter keinen Zugang zu ihnen.“ Es fehle in vielen reichen Ländern noch immer der politische Wille, mehr Geld für einen erfolgreichen Kampf gegen Aids bereit zu stellen.

In den Kassen fehlen tatsächlich Milliarden: UNAIDS und seine Partner brauchen mehr Geld. Im Jahr 2015 sind 24 Milliarden US-Dollar nötig, knapp 20 Milliarden Euro. Im laufenden Jahr konnte im Kampf gegen die Immunschwäche nur auf etwa 15 bis 16 Milliarden Dollar zurückgegriffen werden.

Zwar sanken die Preise für die Behandlung (pro Patient, pro Jahr) mit der lebensverlängernden antiretroviralen Medizin (ARV) von knapp 10.000 US-Dollar im Jahr 2003 auf heute 100 bis 150 US-Dollar. Doch für viele Menschen in Entwicklungsländern, die von einem US-Dollar am Tag leben, ist das ein Vermögen.

Wann wird ein HIV-Infizierter als bedürftig eingestuft? Die Krankheit muss laut UNAIDS ein gewisses Stadium überschritten haben und den Körper zunehmend schwächen. Die ARV-Therapie bremst dann die Ausbreitung der Viren im Organismus stark ab. Die Patienten müssen lebenslang jeden Tag Pillen einnehmen.

Gottfried Hirnschall, Direktor des HIV-Abteilung bei der Weltgesundheitsorganisation, erläutert die positiven Konsequenzen einer ARV-Behandlung für die Mitmenschen des Patienten: „Die Therapie senkt auch das Risiko einer Übertragung von einem infizierten Menschen auf einen nicht infizierten Menschen.“

Allerdings leiden viele Menschen unter Nebeneffekten der schweren Medizin: Übelkeit, Müdigkeit und Schwindelgefühle begleiten die Behandlung. Und: Wie lange die Therapie die durchschnittliche Lebensdauer der HIV-Patienten verlängert, ist unbekannt. Auch treten bei immer mehr Aids-Patienten Resistenzen gegen die lebensverlängernden Medikamente auf. Vor allem in Ostafrika habe das HI-Virus in den vergangenen zehn Jahren zunehmend Abwehrkräfte entwickelt, heißt es in einer gemeinsamen Studie der Weltgesundheitsorganisation und des College der Universität London. Grund für die Entwicklung von Resistenzen: Die unregelmäßige und inkonsequente Einnahme der Medikamente.

» 25. Juli 2012, 16:57 Uhr