» 27. Mai 2012, 22:42 Uhr

Krieg gegen Krankenhäuser

An einem Sonntagmorgen im Sommer 2011 wollte der 21-jährige Syrer Khaled al-Hamedh Medikamente für seinen kleinen Bruder besorgen. Khaled machte sich auf den Weg zu einem Krankenhaus in seiner Heimatstadt Hama. Die Apotheken in Hama waren geschlossen oder zerstört. Truppen des Assad-Regimes feuerten seit Tagen auf die Stadt, eine der Hochburgen der syrischen Opposition.

Als Khaled sich dem Eingang des Krankenhauses näherte, eröffneten Soldaten das Feuer auf ihn. Eine Kugel traf ihn im Rücken. Er brach zusammen. Ein Panzer rollte heran, die Ketten zerquetschten den jungen Mannes. Später schleppten Augenzeugen den Körper in das überfüllte Hospital – die Ärzte stellten Khaleds Tod fest.

Der Mord vor den Toren des Krankenhauses von Hama, geschildert von Amnesty International, ist nur eine der vielen Attacken der Assad-Armee auf medizinische Einrichtungen, Ärzte, Kranke und Angehörige. Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Navi Pillay, verurteilt die Angriffe als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“.

Doch nicht nur die Assad-Truppen feuern systematisch auf medizinisches Personal und Patienten: Der Krieg gegen Krankenhäuser gehört mehr und mehr zum Alltag in den bewaffneten Konflikten rund um die Welt: Von Kolumbien über Sierra Leone und den Nahen Osten bis nach Afghanistan. „Die Intensität der Attacken hat zugenommen“, erklärt Susannah Sirkin von der Hilfsorganisation Ärzte für Menschenrechte.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) schätzt, dass die Zahl der direkt betroffenen Patienten, Verwundeten, Ärzte und Angehörigen jährlich „in die Millionen“ geht. Doch bislang findet die internationale Gemeinschaft kaum Antworten auf den Krieg gegen die Krankenhäuser. Appelle, etwa von der Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation, Margaret Chan, zeigen keine Wirkung. Chan forderte im Mai 2011 alle Kriegsparteien auf dem Globus auf, „den Schutz von Gesundheitspersonal und Gesundheitseinrichtungen zu garantieren“.

Beispiele: Während des Bürgerkriegs in Sri Lanka beschoss die Armee 2009 das Puthukkudiyiruppu Krankenhaus in der Vanni Region. Viele der 500 Patienten starben oder erlitten schwere Verletzungen. In Somalias Hauptstadt Mogadischu zerriss 2009 eine Bombe mehr als 20 Menschen, die meisten von ihnen hatten soeben ihre Abschlussprüfung als Ärzte bestanden.

In der pakistanischen Stadt Lahore drangen 2010 Terroristen in Polizeiuniformen in das Jinnah Hospital ein. Sie schossen wild um sich: Ärzte, Schwestern, Besucher und Sicherheitskräfte starben im Kugelhagel. Im Mai 2011 wurden während des Bürgerkriegs in Libyen innerhalb von vier Tagen drei Ambulanzwagen des Roten Halbmondes angegriffen. Und in den Terrorkampagnen im Irak starben zwischen 2003 und 2008 mindestens 625 Ärzte, Schwestern und Pfleger.

Der frühere IKRK-Kriegsarzt Robin Coupland betont: „Verwundete und Krankenhäuser werden zu einem Teil der Konflikte.“ Coupland untersuchte 16 Konflikte und unterscheidet vier Kategorien von Attacken: Erstens wollen Angreifer mit gezielten Schlägen einen „militärischen Vorteil“ erzielen, indem sie den Feind von der medizinischen Versorgung abschneiden. Zweitens kann ein Angriff auf Krankenhäuser politisch, religiös oder ethnisch motiviert sein: Angehörige von Minderheiten sollen gezielt terrorisiert und getötet werden.

Drittens können die Angreifer aber auch gezielt plündern. Oft herrscht in Konflikten ein massiver Mangel an Medikamenten, Apparaten und Verbandsmaterial. Viertens fallen sogenannte Kollateralschäden an: Truppen feuern auf bestimmte Ziele, treffen aber unbeabsichtigt Gesundheitseinrichtungen.

Während des syrischen Bürgerkriegs sorgte eine weitere Kategorie von Gewalt für internationales Entsetzen: Einheiten des Assad-Regimes verwandelten Krankenhäuser in Gefangenen- und Folterzentren. In einem Untersuchungsbericht des UN-Menschenrechtsrates heißt es: „Sicherheitskräfte, in einigen Fällen wurden sie von Medizinern unterstützt, ketteten schwer verletzte Patienten an ihre Betten, verabreichten ihnen Stromschläge und schlugen auf die verwundeten Körperteile ein.“

Eine kalkulierte Konsequenz der Grausamkeiten: In syrischen Städten entsteht ein Klima der Angst. Verwundete und Kranke wagen nicht mehr, in Krankenhäusern um Hilfe zu fragen. Die eiskalte Strategie der syrischen Truppen könnte, so befürchten Mitarbeiter des Roten Kreuzes, schon bald Nachahmer in anderen Konflikten finden.

» 27. Mai 2012, 22:42 Uhr