Meine früheste Erinnerung an die Schweiz, wo sie heute ihren Nationalfeiertag zelebrieren, datiert aus dem August 1969. Meine Eltern, mein Bruder und ich brausten mit dem VW-Käfer ins Tessin, an den Lago Maggiore. Ein Schwarz-Weiß-Foto zeigt mich auf dem linken Bein meiner Mutter, die entspannt am Rande des Sees posiert. Wir erlebten unbeschwerte Sommer-Tage in dem schönen Land hinter den Alpen.
Und ich erlebte zum ersten Mal den Schweizer Nationalfeiertag am 1. August – natürlich völlig unbewusst. Für Ärger sorgte nur ein Hund, ein deutscher Schäferhund, der mich leicht in das Bein biss, während ich ein Eis an der Seepromenade schleckte. Mein Verhältnis zur Schweiz konnte der Vierbeiner nicht trüben, es ist innig.
Später, im Jahr 1981, wanderte ich zwei Wochen mit anderen Schülern durch die Berge rund um Saas-Fee. Wieder war alles so richtig schön Schweiz: So hoch die Berge, so kernig das Essen, so kauzig die Menschen Dann folgte die nächste große Pause. Jahrelang hatte ich mit der Schweiz nichts zu tun, wie die meisten Deutschen aus dem Norden, Westen oder Osten der Bundesrepublik konnte ich allenfalls Klischees aneinaderreichen: Banken, Berge…und vielleicht ein paar Tell-Zitate aufsagen.
Im Jahr 1997 reiste ich mit Journalisten aus Baden-Württemberg nach Bern und Zürich. Die Eidgenossen hatten sich mit gewohnter Präzision und Beharrlichkeit in eine missliche Lage manövriert. Die Verbindungen ihrer Väter und Großväter mit den Verbrechen des Naziregimes spielten sie jahrelang herunter, vieles wurde sogar bewusst vertuscht. Die Folge: Der internationale Druck, besonders aus den USA, stieg mächtig auf das Establishment in Zürich und Bern. Uns deutsche Reporter luden die Schweizer ein, um ihre Sicht der unheilvollen Geschichte zu skizzieren. Bleibenden Eindruck hinterließen aber nicht die Rechtfertigungsversuche – sondern die Sprache. Sobald die Schweizer unter einander kommunizierten verstand ich kein Wort mehr. Es ccchhhhhte und krrrte und oooiiite nur noch so in meinen Ohren.
Seit 1998 arbeite und lebe ich in der Schweiz und eigentlich doch nicht. Denn Genf, mein Standort, liegt geografisch, mental und sprachlich weit weg von dem, was wir Deutsche uns als Schweiz vorstellen. Das Schwizzerdütsch erlebe ich aber auf meinen vielen Reisen durchs Land und 2001 und 2002 lebte ich in Zürich. In der Metropole, damals hieß der Werbespruch little big city, nervte mich der Dialekt. Wieso sagen die Leute anstatt „Abend“ lieber „Obick“, anstatt „Zeitung“ ein „Zittick“ und anstatt „Fünf“ ein „Foiffi“? Mittlerweile mag ich die Mundart sehr, wahrscheinlich auch, weil ich fast alles verstehe.
Nur eins verstehe ich nicht wirklich. Die meisten Deutschschweizer beharren darauf, dass Hochdeutsch für sie eine Fremdsprache ist. Eine junge Dame aus Basel sagte mir sogar, dass sie lieber Englisch als Hochdeutsch spreche. Really?
Nur: In allen Zeitungen, im Internet, fast im gesamten Briefverkehr schreiben die Schweizer ein schönes Hochdeutsch. Sie gehen mit unserer Sprache oft sorgsamer und liebevoller um als wir Deutsche. Die Schweizer dürften somit das einzige Volk der Welt sein, das in einer Fremdsprache schriftlich kommuniziert.
Sobald sie ihren Dialekt sprechen, fühlen sie sich wohl, sicher und eigenständig. Der Dialekt stiftet dem Schweizer eine heimelige Identität und grenzt ihn ab – von den Deutschen. Schweizer zu sein, so hört man es, bedeutet vor allem kein Deutscher zu sein. Natürlich würde kein Deutscher das umgekehrte sagen…Deutsche und Schweizer, an dieser Stelle ein paar Sätze zu einer schwierigen Beziehung: Viele deutsche Bekannte und Freunde sagen mir, sie hätten die Ressentiments der Schweizer gegen sie, die Deutschen, die „Schwaben“ satt.
Sobald man in der Deutschschweiz Hochdeutsch rede, brande Deutschfeindlichkeit auf. Ich habe Deutschfeindlichkeit noch nicht erlebt. Natürlich kann man auch nicht sagen, dass sie uns lieben. Die Schweizer lieben aber kein anderes Volk. Ich glaube, sie lieben noch nicht einmal sich selbst. Dafür sind sie viel zu perfektionistisch und auch irgendwie nicht selbstbewusst genug.
In der Schweiz ragen nur die Berge heraus. Die Städte, die Dörfer, die Kirchen, die Häuser, alles was die Schweizer bauen, wirkt kleiner als das was in Deutschland steht. Ein schönes Beispiel für diesen Hang zum Kleinen bietet Zürich. In der „Agglomeration“ Zürich, wir Deutsche würden sagen im Großraum Zürich, leben rund eine Million Menschen. Dort planen sie ein neues Fußballstadion. Zwei Zürcher Clubs kicken normalerweise in der ersten Schweizer Liga, der FC und der Grasshopper Club. Auch europäische Spitzenteams zeigen in Zürich ihre Künste. Das neue Stadion soll aber nur 16.000 Zuschauer fassen. Das kleinste Stadion, in dem ein deutscher Bundeliga-Club Fußball spielt, fasst 20.000 Zuschauer.











Ein Kommentar zu “Sie lieben uns nicht”
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