23:15
Das Geschnetzelte war nicht schlecht, auch der Dole hat mir gemundet. Ich sitze in einem Flughafenhotel in Zürich. Runder Ausklang eines Tages, der ganz anders verlaufen sollte…
07:00
Mein iPhone weckt mich mit sanften Harfenklängen. In drei Stunden soll mein Flieger aus Düsseldorf über Zürich nach Athen abgehen. Aber dass daraus nichts wird, weiß ich schon seit dem Vorabend. Eigentlich sollte es ein Blitzbesuch in der Handelsblatt-Redaktion sein, Freitag hin, Samstag zurück. Ich ahne: die Rückreise wird kompliziert. Nachdem ich bei mehreren Airline- und Flughafen-Hotlines Musik gehört habe und die Zusicherung „Ihr Anruf ist uns wichtig“, beschließe ich, nicht länger aud den „nächsten freiwerden Mitarbeiter“ zu warten sondern mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
08:20
Hauptbahnhof Köln. Die Schlangen den Schaltern sind lang. Vor mir steht ein Türke. Er will nach Istanbul. Die Bahn-Mitarbeiterin zieht die Augenbrauen hoch: „Istanbul?“ Sie befragt ihren Computer. „Die Fahrt dauert 45 Stunden“, teilt sie dem Türken mit. „Haben Sie nichts Schnelleres?“, versucht der zu feilschen, „ich muss spätestens Morgen früh da sein!“ Dem Mann kann die Dame von der Bahn nicht helfen. Mein Wunsch ist erfüllbarer: erst mal bis Zürich – in der Hoffnung, dort am Sonntag einen Flug nach Athen zu bekommen. Dann buche ich im Internet noch schnell ein Flughafenhotel in Zürich. Vielleicht esse ich heute abend ein Geschnetzeltes!
11:20
Ich habe eine ungute Vorahnung und gehe am Kölner Ring in ein Bekleidungshaus, kaufe drei Paar Socken, T-Shirts und Unterhosen – falls die Reise länger dauert. Zugleich fasse ich einen Beschluss: ich werde mich ab sofort weder ärgern noch schicksalsergeben abwarten sondern das Beste aus der Situation machen.
12:55
Hauptbahnhof Köln, Abfahrt ICE 507. Der Zug ist knallvoll, aber ich habe noch einen Platz gefunden. Der Zug fährt los. Aber nicht auf die Hohenzollernbrücke sondern in die Gegenrichtung. Dann die Durchsage: „Wegen einer Störung ist die Hochgeschwindigkeitsstrecke nach Frankfurt gesperrt, unser Zug wird über Bonn und Mainz umgeleitet.“ Ein Stöhnen geht durch den Großraumwagen, denn das bedeutet mindestens 90 Minuten Verspätung. „Wahrscheinlich wieder ein Suizid“, sagt mein Sitznachbar, der die Strecke offenbar häufiger fährt. Ich werde meinen Anschluss in Karlsruhe verpassen, nehme das aber gelassen. Da ich meine Reise ohnehin inzwischen als touristisches Erlebnis betrachte, freue ich mich auf die Fahrt am Rhein entlang.
14:09
Bei Stromkilometer 555 nähert sich links die Loreley – lange nicht gesehen. Camper stehen am Ufer. Familien strampeln sich auf dem Radweg ab, Wanderer sind unterwegs.
14:16
Bei Lorch flitzen bunte Rennboote in einem engen Parcours über den Rhein. Je weiter wir nach Süden kommen, desto mehr sprießt das Grün in den Weinbergen, desto üppiger blühen die Obstbäume. Der Himmel ist strahlend blau, von der Aschewolke aus dem Schlund des unaussprechlichen Vulkans ist nichts zu sehen.
15:00
Eine Durchsage: „Wegen Verspätung endet dieser Zug heute bereits in Mannheim“. Klar, denke ich, die wollen nach Dortmund umkehren, um wieder im Fahrplan zu sein. Glück gehabt: auch mein Anschlusszug, der ICE 75 ist verspätet – und fährt nach 15 Minuten in Mannheim auf Gleis 10 ein.
15:44
Abfahrt Richtung Zürich. Der Zug ist völlig überfüllt. Aber ich finde einen Platz im Speisewagen. Der Herr gegenüber korrigiert mit einem roten Stift eine vielseitiges Schriftstück, das überwiegend aus komplizierten mathematischen Formeln zu bestehen scheint. Wir kommen ins Gespräch. Er gibt sich als Ökonomieprofessor von der Eidgenössischen TH in Zürich zu erkennen. Schnell sind wir bei der griechischen Schuldenkrise – ein trauriges Thema.
16:44
Bei Offenburg taucht ein Flugzeug am Himmel auf. Aber es ist nur eine einmotorige Sportmaschine. „Lufthansa überführt Langstreckenflugzeuge nach Hamburg, keine Zwischenfälle“, lese ich auf meinem iPhone. Ist die Aschewolke etwa so harmlos wie die Schweinegrippe?
17:05
Wieder eine Durchsage: „Wegen der Verspätung fährt dieser Zug heute nur bis Basel SBB“. Also noch mal umsteigen!
18:01 Basel ist erreicht. Jetzt fährt der Zug doch weiter bis Zürich. Der Ökonomieprofessor steigt aus. Seinen Platz nimmt eine ältere Schweizerin mit rosa Apfelbäckchen ein und beginnt sofort auf Schwyzerdütsch loszuplappern. Ich verstehe erst fast nichts, nicke aber freundlich, wenn Sie mich etwas zu fragen scheint. Allmählich höre ich mich in den Dialekt hinein. Sie erzählt von einem Museumsbesuch in Basel. Als sie hört, das ich noch Athen will und in Zürich nur übernachte, schlägt sie die Hände vors Gesicht: „Athen!!!“. Ob ich denn schon ein Bleibe hätte, sonst könnte ich gern in ihrem Gästezimmer wohnen, bietet sie an. Ich bin gerührt, lehne aber dankend ab, habe ja bereits ein Hotel gebucht. Als der Zug nach Zürich einfährt, zeigt sie auf das Gebäude von Julius Bär. „Alles Lumpen“, sagt sie. Voriges Jahr, so erzählt sie, war sie bei der Hauptversammlung der UBS – offenbar ist die Dame Aktionärin. Nach acht Stunden „Gequatsche“ hat sie die HV verlassen – „ein Kaschperltheater“ sei das gewesen. „Mit UBS habe ich fast so viel verloren wie mit Swissair“, sagt sie. Und wünscht mir eine gute Weiterreise.
19:20
Flughafen Zürich. Fast menschenleer. Ein Tourist fotografiert die vielen „Annulliert“ auf den Anzeigetafeln. „Ich kann Ihnen auch für Morgen keine Hoffnung machen“, sagt die Swiss-Mitarbeiterin.
19:25
Ich stelle mich am Fahrkartenschalter der SBB an und versuche, für Sonntag eine Zugfahrt über Mailand zu buchen. Fast alle Züge sind voll, erst am Mittag gibt es noch einen Platz . Von Mailand will ich weiter nach Ancona. Von dort gehen jeden Tag drei Fähren nach Griechenland. Wenn alles glatt geht, kann ich Mittwochabend in Athen sein.
23:00
Das Zürcher Flughafenhotel ist angenehm. Das Geschnetzelte, eine meiner Leibspeisen, steht auf der Speisekarte. Im Zimmer gibt es einen vernünftigen Schreibtisch, und das WLAN funktioniert, wie Sie sehen.
Gerade habe ich noch das Hotel in Ancona gebucht – die letzte Fähre legt um 17:30 an, mein Zug kommt aber erst gegen 21:00 an. Noch eine Übernachtung also.
Ich bin müde. Es war ein langer Tag – aber auch einer voller Eindrücke, Bilder und Begegnungen. Im Flieger hätte ich das alles nicht erlebt. Danke, Eyjafjallagökull!
Gerade sehe ich auf der website der Swiss: auch für Sonntag sind alle Flüge gestrichen. Mein Krisenmanagement war also bisher richtig.
Und jetzt freue ich mich auf die morgige Zugfahrt durch die Alpen.











2 Kommentare zu “Danke, Eyjafjallajökull!”
[...] Danke, Eyjafjallajökull! [...]
Gute Reise!