Nach sechs Stunden spürt Christa ihre Stimmbänder. Sie sitzt an einem Verkehrsknotenpunkt in Vancouvers Stadtzentrum auf einem Hochsitz, auf dem im Sommer Rettungsschwimmer an Badestränden oder Schiedsrichter auf den Tenniscourts Platz nehmen. Immer wieder gibt sie durch das Megaphon Informationen: „Zur Olympischen Flamme drei Blocks weiter bis Thurlow Street, dann rechts.“ Oder zu den beiden S-Bahnverbindungen. Die Straßen sind voll von Olympiabesuchern, die Orientierung suchen.
Christa Smith, eine 36jährige Frau aus dem Süden Albertas, nicht weit von Calgary entfernt, ist eine von 25.000 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, ohne die die Winterspiele nicht durchgeführt werden könnten. „Volunteers“ sind überall, gut zu erkennen an ihren hellblauen Jacken und Mützen mit der Aufschrift Vancouver 2010. Sie helfen den Sportlerteams in den Athletendörfern von Vancouver und Whistler, sind an den Sportstätten Ansprechpartner der Sportfans, beantworten in der Stadt Fragen von Besuchern oder agieren hinter den Kulissen bei der Organisation des Mammutevents. Aus ganz Kanada sind Freiwillige gekommen, Unternehmen und Behörden haben ihre Mitarbeiter dafür freigestellt.
Seit 10 Uhr sitzt Christa auf dem grauen Holzgestell, zwei Meter über dem Erdboden. Während ich mit ihr spreche, greift sie immer wieder zur Flüstertüte und gibt die Informationen. Der Rhythmus wird festgelegt von der Ampelschaltung. Immer wenn ein größerer Pulk menschen kommt, muss sie die Infos geben, erklärt sie mir. „Olympic Cauldron three blocks down at Thurlow!“ Am Tag vor der Eröffnung der Spiel war sie in Vancouver eingetroffen, nicht wissend, was auf sie zukommt und wie sie eingesetzt wird. Nun beantwortet sie mit charmantem Lächeln Fragen der Touristen. Ihre Stimme klingt etwas heiser. „Als die Winterspiele 1988 in Calgary stattfanden, war ich zu jung, um mich als Helferin zu melden. Aber jetzt wollte ich es nicht verpassen“, erzählt sie. Ihr Arbeitgeber General Motors ist ein Sponsor der Winterspiele und ermutigte Mitarbeiter unbezahlten Urlaub zu nehmen und als sich als Freiwillige zu verpflichten. „Ich wollte Teil dieser Spiele sein.“
Sie meldete sich und musste sich wie bei einer Stellensuche einem Bewerbungsgespräch stellen. „Vanoc wollte sehen, ob man schüchtern ist oder offen auf Menschen zugehen können“, sagt sie und fügt selbstironisch hinzu: „Ich bin sehr schüchtern und still“, greift zum Megaphon: „Zur Olympischen Flamme drei Blocks bis Thurlow, dann rechts.“ Seit das Organisationskomitee der Winterspiele, am 12. Februar 2008, zwei Jahre vor Eröffnung der Spiele, das Freiwilligenprogramm startete, gingen 77.000 Bewerbungen ein. 25.000 wurden genommen, die meisten, 95 Prozent, kommen aus Kanada.
Passanten stoppen und machen Fotos von Christa Smith. Wie oft sie die Hinweise auf die Olympische Flamme und die S-Bahn-Zugänge gibt? „Etwa alle 30 Sekunden“, erklärt sie. Wenige Meter von ihr entfernt steht ein Polizist, der sich seit Stunden immer wieder die gleiche Ansage von Christa anhören muss. „Du wirst Alpträume haben, in denen ich dich anschreie“, ruft sie ihm zu. Der Polizist lächelt zurück.
Anfang März wird sie zu ihrem Mann nach Champion zurückkehren, der auch gerne bei Olympia dabei gewesen wäre, aber seinen Arbeitsplatz nicht für drei Wochen verlassen konnte. „Mein Mann ist Cowboy“, sagt Christa. „22 Pferde und fünf Hunde auf der Ranch müssen versorgt werden. Da ist keine Zeit für Olympia.“
Ich verabschiede mich von ihr mit einer letzten Frage: „Wo ist die Olympische Flamme?“

