In Sichtweite des Hauptquartiers der Demokratischen Partei Japans (DPJ) steht eine Frau im Rentenalter. Sie hält eine unwahrscheinlich hohe Fahnenstange hoch, etwa viermal länger, als die Dame selber groß ist. Auf der ganzen Länge ist ein Spruchbanner aus schwerem Stoff angebracht: „Gib alles zu, Ozawa Ichiro, Du Lügner!“ Gemeint ist der Generalsekretär der DPJ, der derzeitigen Regierungspartei. Leute wie diese Dame könnten die Mächtigen derzeit ernsthaft in Schwierigkeiten bringen.
Ein Windstoß droht die Dame umzuwerfen. Doch aus dem Schatten des nächsten Gebäudes springen zwei Herren in Zivilkleidung mit Knopf im Ohr herbei. Sie bewachen hier die Regierungsbauten. Die Beamten helfen der Demonstrantin, die Fahnenstange sicher abzulegen, bis sich die Windböe gelegt hat.
Um die U-Bahnstation Nagatacho liegt das politische Zentrum Japans. Das Parlament, die Zentralen der großen Parteien, der oberste Gerichtshof und die Ministerien – alles befindet sich in unmittelbarer Nähe.
Die Herren vom Sicherheitsdienst helfen der einsamen Demonstrantin wenig später auch, sich wieder stabil hinzustellen. Die freundliche Haltung der Zivilpolizisten verrät ein gewisses Maß an Sympathie für den Protest. Kein Wunder, denn unabhängig von der politischen Ausrichtung kann keiner in Japan Ichiro Ozawa leiden.
Die Überschrift einer Boulevardzeitung heute lautet: „Ozawa! Gemeimkonto mit 400 Mio. Yen!“ Das sind über zwei Mio. Euro. Ich möchte Ozawa nicht verurteilen, bevor es ein Richter in Japan gemacht hat. Aber es deutet vieles darauf hin, dass er seine Wahlkämpfe von Spezis in der Bauindustrie hat finanzieren lassen.
Es würde mich gleichwohl nicht wundern, wenn er auch diese Affäre übersteht. Zwar kann keiner Ozawa leiden, doch als Politiker ist er unverwüstlich. In drei verschiedenen Parteien hat er schon den Ton angegeben, darunter in der heutigen Oppositionspartei LDP. Wann immer die Öffentlichkeit dachte, er sei jetzt endlich weg vom Fenster, kam er kurz darauf wieder aus der Versenkung. Stärker als je zuvor.
In der politischen Berichterstattung über Japan ist Ozawa so eine Art Springteufel, der immer wieder plötzlich auftaucht. Der Wahlsieg der DPJ im vergangenen September ist zu einem guten Teil seinem Organisationstalend und politischem Geschick zu verdanken.
Und seiner Fähigkeit, Geld für seine politischen Ziele zu mobilisieren.
Als Generalsekretär der Regierungspartei steht er nun unter besonderer Beobachtung. Zweimal haben ihn schon die Staatsanwälte zum „inoffiziellen Gespräch“ gebeten. Weiß Ozawa, wie sehr die Stimmung gegen ihn gekippt ist? Wen immer ich frage, alle wünschen sich, dass er bald verhaftet wird.
Für Japans Wirtschaftspolitik wäre das übrigens nicht unbedingt ein Plus. Die DPJ agiert ohnehin etwas chaotisch. Mit Ozawa würde sie ihren wichtigsten Organisator verlieren.
Daran denkt die Dame mit dem Protestbanner jedoch nicht. Sie will in Japan endlich eine sauberere Politik.










