»Gerd Höhler 04. Dezember 2009, 20:20 Uhr

“Alexis, Du lebst!”

Hier war es: wo im Athener Stadtteil Exarchia die Tzavela-Straße auf die Messolongi-Straße trifft, starb am Abend des 6. Dezember 2008 der 15-Jährige Alexandros Grigoropoulos. Seine Eltern nannten ihn Alexis, in seiner Freundesclique hieß er „Gregory“. Der Tatort: ein baufälliges Eckhaus in einer schäbigen Fußgängerstraße.

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Der tödliche Schuss auf den Schüler, abgefeuert von dem Polizisten Epaminondas („Rambo“) Korkoneas, stürzte Griechenland damals ins Chaos. Er löste die schwersten Unruhen seit dem Ende der Obristendiktatur aus. Nächtelang verwüsteten Tausende vermummte Chaoten Athen und andere Städte des Landes, demolierten Geschäfte, steckten Banken in Brand, fackelten Autos ab. Politiker und Polizei sahen hilflos zu.

Dem Jahrestag sehen viele in Griechenland mit gemischten Gefühlen entgegen: bricht an diesem Sonntag eine neue Welle der Gewalt über das Land herein? Die Vorzeichen sind nicht gerade beruhigend: seit mehreren Tagen halten militante Studenten zahlreiche Universitätsinstitute besetzt. „Zu Gast“ in den besetzten Gebäuden sollen auch mehr als 100 Chaoten sein, die nach Erkenntnissen der griechischen Polizei und ausländischer Dienste aus Italien, Russland, Spanien, Belgien und Serbien angereist sind.

Am Donnerstag gab es bereits erste Zwischenfälle: vor der juristischen Fakultät in  Athen lieferten sich Demonstranten eine Straßenschlacht mit der Polizei. Am Freitag attackierten Angreifer eine Polizeistreife, zwei Beamte wurden verletzt.

Der griechische Staatspräsident Karolos Papoulias und Regierungschef Giorgos Papandreou riefen zum Gewaltverzicht auf. Papoulias appellierte an die Jugend, des getöteten Altersgenossen friedlich zu gedenken – das sei man ihm schuldig. Papandreou rief dazu auf, den Jahrestag für „eine starke Botschaft gegen die Gewalt“ zu nutzen. Michalis Chrysochoidis, Minister für Bürgerschutz und damit für die Polizei zuständig, sagte, der Mord an dem 15-Jährigen habe „unser Land gezeichnet“. Chrysochoidis gibt aber zugleich eine klare Linie vor: null Toleranz für Chaoten. „Wir werden eine Wiederholung dieser Schreckensszenen nicht zulassen“, unterstreicht der Minister. Mit Gewalt und Gesetzlosigkeit gebe es keinen Kompromiss.

Ob die Appelle fruchten? 48 Stunden vor dem Jahrestag des tödlichen Schusses ist die Anspannung in Athen überall zu spüren.

Die Tzavela-Straße heißt seit jenen Dezembertagen anders. Jemand hat das alte Straßenschild überpinselt und ein neues darunter angebracht: „Alexandros-Grigoropoulos-Straße“.

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Der Prozess gegen den Todesschützen Epaminondas Korkoneas soll am 20. Januar beginnen. Die Anklage lautet auf Mord. Aber erst mal kommt der Jahrestag. Die Fassade des Hauses, vor dem Alexis tödlich getroffen zusammenbrach, ist voller Grafitti. “Alexis, Du lebst!” steht da. Und die unheimliche Parole „Kill Cops“.

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»Gerd Höhler 04. Dezember 2009, 20:20 Uhr

    4 Kommentare zu ““Alexis, Du lebst!””


  1. Aristotelis sagt:

    ***Xenofon
    Für uns Schüler, war immer das “Polytexneio” die mit Abstand bewegendste und identitässtiftendste Nationalfeier. Während wir zu 1821 und 1941 immer weniger Bezug finden konnten, was das Polytexneio die sympathischste aller Nationalfeiertage.
    ***
    Für euch linksgerichtete außerparlamentarische Schüler wäre der richtige Ausdruck.

    Das man das “Polytexneio“ höher stellt als der Befreiungkampf gegen die Türken und Kampf gegen das Faschistische Italien und Nazi Deutschland wo viele tausende ihren leben geopfert haben für die Freiheit empfinde ich als eine Zumutung.

    Und das was letzte Dezember statt fand war schlich und einfach eine Plünderung von Chaoten.
    Das man der tot eines jungen missbraucht und Chaos zu verbreiten da kann man nicht viel sagen.

  2. Xenofon sagt:

    Hier ein Stückchen Erinnerung aus Kindheit und Jugend:

    Für uns Schüler, war immer das “Polytexneio” die mit Abstand bewegendste und identitässtiftendste Nationalfeier. Während wir zu 1821 und 1941 immer weniger Bezug finden konnten, was das Polytexneio die sympathischste aller Nationalfeiertage.

    Und trotzdem muss ich rückblickend und vor dem Hintergrund, dass sich viele der Chaoten, auf diese historischen Ereignisse berufen, feststellen, dass wir, Griechen, ob gut oder schlecht wird zu analysieren sein, die starke Neigung zur Glorifizierung unserer Vergangenheit haben. Wenn ich parallel dazu auf Deutschland schaue, finde ich, dass hier etwa die 68er Bewegung sehr differenziert bis heute betrachtet wird. Ohne das Thema zu wechseln, wünsche ich mir eine solche Entwicklung auch für meine Heimat.

    Identitätsstiftende historische Ereignisse zu haben ist nichts Böses an sich. Aber wir sollten nicht so schnell in der Glorifizierung der Vergangenheit – oder sogar der Gegenwart – sein, sondern unser Geschichtsverständnis auf Tatsachen bauen und dafür viel differenzierter diskutieren. Das wird uns nicht schwächen, sondern stärken. Das würde uns auch helfen, Ereignisse, wie die des letzten Dezembers richtig einzuordnen, was noch ein Jahr danach Vielen offensichtlich nicht emotionslos gelingt.

  3. [...] ein paar Einblicke über den heutigen Tag: Spiegel, Handelsblatt, Griechenland [...]

  4. Marco sagt:

    Wie schon so oft schön geschrieben. Wir alle sind gespannt!

    Meine Meinung möchte ich trotzdem äußern. Was immer wir über die Polizei in Griechenland denken, was immer Griechenland an diesem für mich (heutzutage) unsinnigen Gesetz festhalten lässt, nicht die Universität durch Vollzugsbeamte betreten zu lassen. Es sollte diesem Chaotentum ein Ende setzen dürfen.
    Ich bin kein Freund von Methoden wie sie in England praktiziert werden, aber solche “Berufsgruppen”, insbesondere wenn sie aus dem Ausland “eingeladen” werden, kann Griechenland in seiner jetzigen Lage sicherlich nicht gebrauchen und sollte hier präventiv vorgehen dürfen.

    Mit der Hoffnung einen ruhigen Nikolaustag und zweiten Advent verbringen zu können.