Artikel aus dem November 2007

Unauffindbare Michelin-Sterne

Frankreich hat Japan ein ganz, ganz großes Gesprächsthema geschenkt. Denn gerade ist der Michelin-Gastroführer erstmals in einer Ausgabe für Tokio herausgekommen. Das Buch war innerhalb von zwei Tagen ausverkauft, obwohl der Verlag 90 000 Exemplare bereit gestellt hatte. » Weiterlesen

Aus dem Rundfunkstudio in die Frührente

Heute und Morgen streiken in Griechenland die Fahrer und Sanitäter des staatlichen Rettungsdienstes. Sie wollen, dass ihr Beruf als „schwere und ungesunde Tätigkeit“ anerkannt wird. » Weiterlesen

Behandelt wie ein Verbrecher (III)

Nachdem Japan nun einmal die biometrische Erfassung aller Ausländer an der Grenze eingeführt hat, habe ich mich mit meinen Fingerabdrücken und einem Gesichtsfoto auf dem Ausländeramt registrieren lassen. Wenn ich aus dem Weihnachtsurlaub nach Deutschland zurückkehre, kann ich einen halbautomatischen Einreiseschalter benutzen und so angeblich mit etwas Glück schneller ins Land kommen. Bei mir ging die Registrierung gut, doch eine andere Deutsche traf ich auf dem Amt ziemlich verärgert an. » Weiterlesen

Karriereschädliches Golfspiel (II)

Heute hat die Polizei den ehemaligen japanischen Verteidigungs-Staatssekretär verhaftet, der Geld von Waffenhändlern angenommen haben soll. Die Staatsanwälte sind überzeugt, dass Takemasa Moriya nach und nach Gefälligkeiten im Wert von 25 000 Euro in angenommen haben soll. Unter anderen in Form von Golfgebühren und einem Umschlag mit 1200 Euro zum Geburtstag. Die Sache ist brisant, weil mindestens auch der derzeitige Finanzminister mit drin hängen könnte. Mich persönlich wundert jedoch etwas völlig anderes. » Weiterlesen

Ohrfeige für Olaf

Die Brüsseler Betrugsbekämpfungsbehörde Olaf soll eigentlich Korruptionsfälle in der EU klären. Nun muss sie sich selbst verteidigen. » Weiterlesen

Die lausigen Deals der Kurzzeit-Könige

Neulich beim Aufräumen im Büro: „The New King Of Wall Street“ lächelt mich an, ein Mann im dunklen Nadelstreifenanzug mit hellblauen Nilpferden auf der Krawatte. Seine Regentschaft ist jung, das Heftcover des US-Magazins „Fortune“ noch keine neun Monate alt. » Weiterlesen

Ottawa liebt Pina Bausch

„Wir gehen dorthin, wo wir willkommen sind.“ Kurz und bündig erklärt mir Koza Tamdogan, die Geschäftsführerin des Tanztheaters Wuppertal Pina Bausch, warum ihre Truppe gerne in der kanadischen Hauptstadt Ottawa gastiert. „Man sieht das Tanztheater gerne in Ottawa. Das Publikum ist interessiert und weiss, wohin es geht.“

Mit „Nefés“, einer fast drei Stunden dauernden Ode an Istanbul, gastierte das Tanztheater Wuppertal an diesem Wochenende in Ottawa. Alle drei Vorstellungen waren ausverkauft. Mit stehenden Ovationen dankte das Publikum den Tänzern/Schauspielern. Das Gastspiel lockte nicht nur die Tanzfans aus Ottawa an. Aus Montreal und Toronto reisten sie an, sogar aus Winnipeg und Vancouver sollen einige eingeflogen sein. Ottawa war die einzige kanadische Station eines dreiwöchigen Nordamerika-Trips des Tanztheaters – nach zwei Aufführungen von „Ten Chi“ in Los Angeles und an der Universität von Berkeley.

Erstmals hatte das Tanztheater von Pina Bausch 1985 mit „Kontakthof“ in Ottawa Aufsehen erregt. Aber danach war fast 20 Jahre Funkstille. „Viel zu lang“, sagt Cathy Levy, die Leiterin der Tanzabteilung des „National Arts Centre“ (NAC) in Ottawa. Als sie im Jahr 2000 ihr Amt antrat, war es eine ihrer Prioritäten, Kontakte zu Wuppertal aufzubauen und Pina Bausch so schnell wie möglich nach Ottawa zu bringen. Gefördert wurde dies durch die frühere Generalgouverneurin Adrienne Clarkson, Kanadas amtierendes Staatsoberhaupt, die während ihres Staatsbesuch in Deutschland im Oktober 2001 Pina Bausch in Wuppertal besuchte. Drei Jahre danach kam das Tanztheater mit „Masurca Fogo“, das Pina Bausch anlässlich der Expo in Lissabon 1998 kreierte, nach Ottawa. Nach der Premiere lud die Generalgouverneurin die ganze Truppe zum Empfang in ihre Residenz Rideau Hall.

Jetzt, drei Jahre später, sind sie wieder nach Ottawa gekommen – und wurden stürmisch gefeiert. Auch die jetzige Generalgouverneurin Michaelle Jean war beeindruckt. Als Studentin hatte sie Istanbul kennengelernt und konnte viele Szenen mit ihren persönlichen Erinnerungen an die Stadt am Bosporus verbinden.

Die Begeisterung des Publikums und das Interesse der kanadischen Gastgeber tragen offenbar Früchte. „Es besteht der Wunsch, dass das Tanztheater alle zwei Jahre in Ottawa gastiert“, schildert Koza Tamdogan die wachsenden Bindungen zwischen Ottawa und dem Tanztheater Wuppertal. „Wir haben ein Publikum, das am Tanz interessiert ist und eine großartige Bühne“, sagt Cathy Levy. Dass Ottawa jetzt die einzige Station des Tanztheaters in Kanada auf ihrer jetzigen Nordamerika-Tour war, erfüllt die Chefin der NAC-Tanzabteilung mit Genugtuung. „Pina Bausch ist eine Ikone. Ich würde sie gerne noch häufiger nach Ottawa holen.“

Der Erwartungshaltung des Publikums in Ottawa würde dies entsprechen. Im Foyer des Theaters hörte ich nach der Vorführung nur überschwängliches Lob. Für Pina Bausch und ihre Truppe gibt es in Ottawa immer ein „warm Welcome“ – selbst an einem kalten Novemberwochenende.

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„Fraude: México 2006“

Seit ein paar Tagen läuft in den mexikanischen Kinos ein Dokumentarfilm, der sich mit einer der absurdesten und bedenklichsten Politikepisoden der jüngsten mexikanischen Vergangenheit beschäftigt: Der Präsidentenwahl 2006. Der Film des Regisseurs Luis Mandoki „Fraude: México 2006“ trägt schon im Titel die Botschaft, der er vermitteln will. „Betrug: Mexiko 2006“.

In einer Stunde und 40 Minuten trägt der Film in Form einer Collage aus Fernsehbeiträgen, Sitzungsprotokollen der Wahlbehörden, Talkshows, Bilden von Demonstrationen und Interviews mit Analysten Indizien zusammen, mit denen die These des massiven und organisierten Wahlbetrugs zugunsten des konservativen Kandidaten und heutigen Präsidenten Felipe Calderón belegt werden soll.

Den Politischen Überbau zur These liefert der vermeintlich um den Sieg betrogenen Andrés Manuel López Obrador, Ex-Bürgermeister von Mexiko-Stadt und Ex-Kandidat der Linkspartei PRD. Er sitzt in einem frugalen Szenario mit Wasserglas und Regiestuhl, gewandet in eine Guayabera, das Tropenhemd, das sich bei den Präsidenten der Region steigernder Beliebtheit erfreut. So erklärt López Obrador im Gespräch mit Mandoki über die ganze Strecke des Films immer wieder, wie und warum die Rechte Mexikos ihn um die Macht gebracht hat. Zentrale Aussage des Linkspolitikers ist dabei die These, dass die Konservative in Lateinamerika immer dann zu undemokratischen Mitteln greift, wenn der Machterhalt oder Machterwerb auf demokratischem Wege nicht zu erzielen sei. López Obrador schlägt dabei den weiten Bogen vom Putsch in Chile 1973 gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende bis zum angeblichen Wahlbetrug in Mexiko 2006.

Der Film erhebt keinen Anspruch auf Objektivität, und er widmet auch keine Minute den Fehlern und politischen Tollpatschigkeiten, mit denen sich López Obrador während des Wahlkampfs im Gefühl des sicheren Sieges selbst um seine gute Ausgangsposition gebracht hat. Aber der an die Sauberkeit deutscher Wahlen gewöhnte Zuschauer verlässt den Kinosaal mit der Gewissheit, dass bei der Abstimmung am 2. Juli 2006 nach europäischen Maßstäben nur wenig mit rechten Dingen zugegangen ist: Hunderte von Wahlzettel zu viel in der einen, Hunderte von Wahlzetteln zu wenig in der anderen Urne, die nicht nachvollziehbare Weigerung der lokalen und zentralen Wahlbehörde, in großem Maßstab die Wahlurnen zu prüfen, bei denen berechtigte Zweifel an ihrer Unverletztheit bestanden. Den größten Zweifel schafft der Verlauf der Auszählung in dem berühmten Schnellauszählungsverfahren PREP. Wenige Stunden nach Schließung der Wahllokale und Auszählung von mehr als 60 Prozent der Stimmen lag López Obrador mit einem bescheidenen, aber deutlichen Vorsprung in Führung. Von da an passiert etwas Bemerkenswertes. Kontinuierlich sackt die Kurve des Linkskandidaten ab, während im spiegelbildlichen Maßstab diejenige Calderóns ansteigt. Wahlforscher bezeichnen dieses Ergebnis im Film als atypisch, manche als unmöglich.

Mandoki gelingt es in seiner Dokumentation allerdings nicht, konkrete, gerichtsfeste Beweise für seine These zu liefern. Die Indizien mögen erdrückend sein, aber der Beweis des groß angelegten, von oben orchestrierten Betrugs, an dem vom Vorstand des Wahllokals in der Provinz über die Bundeswahlbehörde bis zu Computerspezialisten ein Heer an Komplizen beteiligt gewesen sein müsste, bleibt aus. Insofern schafft der Film keine neuen Fakten über die hinaus bekannten. Der Zuschauer geht mit dem Gefühl aus dem Kino, dass am 2. Juli etwas schief gelaufen ist. Dieses Gefühl teilt er mit 40 Millionen Mexikanern, die laut einer Umfrage auch mehr als ein Jahr nach der Abstimmung davon ausgehen, dass die Ergebnisse in der einen oder anderen Form manipuliert wurden.

Mag es auch für den Betrug keinen Beweis geben, der Film belegt nochmals deutlich, wie sehr die mexikanische Elite versucht hat, López Obrador schon vor der Wahl aus dem Rennen zu nehmen. Vom schamlosen Versuch, ihn mit einem Amtsenthebungsverfahrens in seiner Zeit als Bürgermeister von vornherein an einer Kandidatur zu hindern über die ehrverletzenden Wahlspots, die ihn als zweiten Hugo Chávez und eine „Gefahr“ für Mexiko bezeichneten bis zu gefälschten Dokumenten, in denen er angeblich die Verstaatlichung des größten mexikanischen Fernsehkanals Televisa fordert.
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Schock über den Elektroschock

Die „Mounties“ in ihren roten Uniformen und mit ihren breitkrempigen Hüten gehören zu Kanadas Image. Die Royal Canadian Mounted Police (RCMP) ist ein Aushängeschild dieses Landes und der „Musical-Ride“, eine Präsentation der berittenen Polizei zu Musik, eine Touristenattraktion. Im Sommer sind die vor dem Parlament in Ottawa patrouillierenden Mounties jederzeit bereit, sich mit Touristen zu einem Foto aufzustellen.

Aber in ihrem Alltagsjob können die Mounties nicht immer freundlich und verständnisvoll sein. Dass sie manchmal recht derb zugreifen, wird ihnen meist nachgesehen. Jetzt aber dreht sich der Wind. Das schöne Bild ist lädiert. Ein tödlicher Zwischenfall auf dem Flughafen von Vancouver schockiert Kanada: Der 40-jährige polnische Einwanderer Robert Dziekanski starb, nachdem ihm Polizisten der RCMP Stromschläge aus einer Elektroschockpistole, einem Taser, versetzt hatten. Ein junger Mann hat die Szene in der Nacht zum 14. Oktober mit seiner Videokamera aufgenommen. Jetzt wurden die Aufnahmen veröffentlicht.

Am Wochenende versammelten sich in Vancouver und in Kamloops Hunderte um eines Mannes zu gedenken, dessen Namen sie bis vor einem Monat nicht einmal gehört hatten. „Er kam in sein Utopia, aber zehn Stunden später fand sein Leben ein abruptes, katastrophales Ende“, sagt der polnische Konsul in Vancouver. Die Elektroschocks aus der Taser-Pistole beendeten den Traum von Zofia Cisowski vom gemeinsamen Leben mit ihrem Sohn. Vor sechs Jahren war die Polin nach Kanada ausgewandert. Jetzt sollte ihr Sohn folgen. Am Nachmittag des 13. Oktober trifft der Mann, der noch nie geflogen war und kein Englisch sprach, in Vancouver ein. Etwa zehn Stunden später irrt er noch immer durch die Ankunftshalle, hat den Einwanderungsprozess durchlaufen, aber wartet auf sein Gepäck und sucht seine Mutter, die im Flughafen auf ihn wartet. Warum, so fragt sich ganz Kanada, wurde ihm nicht geholfen? Warum fand sich niemand, der Polnisch spricht? 

Nach Augenzeugenberichten wird Robert Dziekanski immer verwirrter und aggressiver. Er zerstört einen Computer. Das Video zeigt einen nervös auf und ab gehenden Mann. Als die Polizisten eintreffen, zögern sie nicht lange. Die Aufnahmen lassen darauf schließen, dass sie Dziekanski stellen, ohne auf Erklärungen Umstehender einzugehen. Der Pole zeigt in diesem Augenblick offensichtlich keine Anzeichen von Aggression, scheint gar erleichtert, dass die Polizei eintrifft und hebt die Arme. Da trifft ihn, vermutlich nur 24 Sekunden nach dem Eintreffen der vier Polizisten, der Stromschlag aus dem Taser. Schreiend vor Schmerzen stürzt er auf den Boden. Die  Polizisten werfen sich auf ihn, drücken ihn mit ihrem Gewicht auf den Boden. Er verliert das Bewusstsein. Wenig später ist er tot.

Der Taser schießt zwei Projektile mit Widerhaken auf den Körper des Opfers. Durch die Drähte werden dann Stromstöße bis zu 50.000 Volt gejagt, die die Muskeln kurzfristig lähmen und der Polizei die Möglichkeit geben sollen, die Person zu überwältigen. Menschenrechtsorganisationen in Nordamerika fordern bereits seit längerem ein Moratorium beim Einsatz der Waffe. Amnesty International berichtet, dass zwischen Juni 2001 und September 2007 in den USA und Kanada mehr als 290 Menschen nach dem Einsatz des Tasers starben. Dies heisst nicht, dass sie wegen des Tasers starben und der Elektroschock die Hauptursache für den Tod war. Aber in mindestens 20 Fällen hätten Ermittlungen den Taser als „ursächlichen oder mitwirkenden Faktor“ identifiziert. Oft wird als Todesursache Drogeneinfluss oder extreme Erregung bis hin zum Delirium, die zum Kollaps von Kreislauf und Atemsystem führt, als Ursache genannt. Der Hersteller, Taser International in Arizona, hält die Waffe für eine bewährte Technologie, die das Leben schützen könne, weil ohne sie die Polizei häufiger zu tödlichen Schusswaffen greifen müsse. Zwar sei keine Gewaltanwendung völlig risikofrei, aber Taser gehöre zu den sichereren Alternativen, sagt Vizepräsident Steve Tuttle. Die Berichte der mehr als 11.500 Polizeidienststellen, die den Taser einsetzen, zeigten einen Rückgang der Verletzungen von Polizisten oder Verdächtigten, meint Tuttle.

Der kanadische Polizeiminister Stockwell Day hat jetzt eine generelle Überprüfung der Richtlinien für den Einsatz des Tasers veranlasst. Die RCMP sieht sich vereinzelt „aggressivem Verhalten“ von Bürgern ausgesetzt, die empört sind über den Tod Dziekanskis. Indirekt räumt der Minister ein, dass der Vorfall die Haltung der Kanadier gegenüber ihrer Polizei negativ beeinflussen könnte. Die Regierung nehme die Angelegenheit ernst und anerkenne, „dass die Kanadier weiter volles Vertrauen in ihre nationale Polizei haben müssen“, sagt Day. Kanadische Medien, die Statistiken über den Taser-Einsatz auswerteten, kamen zu dem Ergebnis, dass drei Viertel derjenigen, die mit dem Elektroschocker außer Gefecht gesetzt wurden, nicht bewaffnet waren.

Der Premier von British Columbia, Gordon Campbell, hat sich öffentlich bei Dziekanskis Mutter entschuldigt. Dennoch kann der Fall nach Einschätzung kanadischer Medien Kanadas Ruf schaden. „Dieser Vorfall kostete nicht nur einem unschuldigen Mann das Leben und hinterließ eine Mutter, die ihren Sohn verlor, sondern hat auch dem internationalen Ruf Kanadas, Vancouvers und der RCMP unschätzbaren Schaden zugefügt“, heisst es in der Zeitung „Globe and Mail“. Und die in Vancouver erscheinende „Province“ bemerkt unter Hinweis auf die Olympischen Spiele 2010 in Vancouver und Whistler, „Kanadas Ruf als ein sicheres und zivilisiertes Land hat einen schweren Schlag erlitten“.

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Bärendienst für Marco W.

Der 17-jährige deutsche Schüler Marco W. muss vorerst weiter in türkischer Untersuchungshaft bleiben. So entschied es diese Woche das Gericht im Badeort Antalya, dessen Name wegen dieses immer weiter verschleppten Prozesses einen zunehmend schlechten Klang bekommt. » Weiterlesen