Mein Zeitungshändler Jannis ist die Personifizierung der sprichwörtlichen griechischen Geschäftstüchtigkeit: immer auf der Suche nach neuen Einnahmequellen. Er verkauft nicht nur Gazetten und Zigaretten, Schokolade und Softdrinks sondern bietet auch allerlei Dienstleistungen an. Vor einigen Jahren bereicherte er seinen kleinen Laden um einen Fotokopierer. Später kam ein Fax-Gerät hinzu. Jetzt hat Jannis einen weiteren technologischen Quantensprung gemacht und in seinem Geschäft einen Internet-Platz eingerichtet. "Das wird ein ganz großes Geschäft", glaubte Jannis, als er Rechner, Maus und Flachbildschirm vor zwei Monaten installierte. Fünf Euro pro Stunde wollte er den Kunden abknöpfen.
Aber leider findet das Angebot wenig Nachfrage, obwohl Jannis inzwischen die Rate auf drei Euro reduziert hat. Vielleicht liegt es an dem unbequemen Holzschemel. Oder daran, dass die meisten Griechen im Sommer lieber an den Stränden als im www surfen. Vielleicht sind die Hellenen auch ganz einfach nicht für das Internet zu begeistern.
Diese Vermutung legt eine jetzt publizierte Studie der Citigroup nahe. Danach halten immerhin sieben von zehn Griechen das Internet schlicht für "nutzlos". Entsprechend unterentwickelt ist der Markt. Nur 18 Prozent der hellenischen Haushalte verfügen über einen Internetzugang. Zum Vergleich: in der EU sind es durchschnittlich 39 Prozent. Über zwei Drittel der Griechen haben nach eigener Aussage nicht die Absicht, jemals das Internet zu besuchen. Jene wenigen, die sich in den Cyperspace wagen, tun es mit langsamen Modemverbindungen. Breitbandanschlüsse sind immer noch eine Rarität. Während im Durchschnitt der 15 "alten" EU-Staaten rund zwölf Prozent aller Bürger über einen Breitband-Internetzugang verfügen, sind es in Griechenland nur 0,7 Prozent.
Die geringe Marktdurchdringung überrascht nicht, wenn man sieht, wie der frühere Staatsmonopolist Hellenic Telecom (OTE) und die anderen griechischen Internetprovider ihre Kunden abzocken. So lockt die Hellenic Telecom-Tochter OTEnet mit einem DSL-"Einstiegspaket" für 109 Euro. Der Preis schließt das DSL-Modem und zwei Monate Internetzugang ein. Doch sind die um, kassiert OTEnet für eine 384 kbps-Verbindung monatlich happige 46,80 Euro. Wer mit 1024 kbps surfen will, wird gar mit 149,15 Euro zur Kasse gebeten – jeweils plus 19 Prozent Mehrwertsteuer. Auch die privaten Internetprovider berechnen Raten in dieser Größenordnung. "Wir bezahlen die höchsten Gebühren in ganz Europa", klagt Nikos Vassilakis, der Vorsitzende des Verbandes der griechischen Internet-Nutzer (www.eexi.gr).
Wenigstens Jannis hat die Zeichen der Zeit erkannt. Um das lahmende Geschäft anzukurbeln, bietet er jetzt ein "Herbst-Special" an: 100 Stunden online für 99 Euro, gültig drei Monate. Und den harten Holzschemel will er schon nächste Woche durch ein bequemeres Gestühl ersetzen.











4 Kommentare zu “Griechische Internetmuffel”
Ja, in Griechenland wird weniger gesurft als z.B. in D.
Noch geringer jedoch ist die kommerzielle Nutzung des Internet, zwar bieten die grossen Banken (z.B. Alpha Bank) alle Online-Banking an (was echt nützlich sein kann, denn griechische Banken haben keinen “langen Donnerstag” für Berufstätige), aber noch letztes Jahr sah z.B. die Seite der griechischen Post noch aus wie “meine erste Homepage”.
Neben den genannten Faktoren (DSL gibt es übrigends viel billiger, ca. 60 EUR mit Flatrate, bei einem privaten Anbieter, glaube Forthnet oder so) kommt noch einiges hinzu:
1. Griechenland hat wenige Einwohner und ist deshalb noch kein Einstiegsmarkt für die Großen, z.B. Amazon (da gabs glaub ich mal einen Streit um die Domain amazon.gr)
2. Die Griechen haben die unzuverlässigste Post in Europa, speziell Wertsendungen verschwinden gerne mal. Deshalb nutzen griechische Firmen meist UPS oder DHL, was allerdings nicht ganz billig ist. Ich habe mal über einen Monat in GR auf ein Paket gewartet und überall angerufen, dann habe ich einen Kollegen bei der Firma gefragt, dessen Cousin arbeitete bei der Post … am Nachmittag wusste ich wo ich mein Paket abholen konnte.
3. In der Anfangszeit des Internet hatten die Browser noch Probleme in Unicode. Allgemein bringen griechische Seiten einen zusätzlichen Entwicklungsaufwand.
4. Die meisten Griechen surfen m.E. an der Uni oder in Internet-Cafes, die sind sehr gut ausgestattet (guter Stuhl, Flatscreen, Headset) und Kosten meist nur 1-2 EUR die Stunde (also forget it: Holzschemel, 3 EUR)
5. Dann kaufen die Griechen am liebsten beim Kaufmann um die Ecke, mit Schwätzchen, … dem macht LIDL mit seinen für griechische Verhältnisse Ultra-Dumping-Preisen gerade ein Ende.
Ich hatte immer das Gefühl, dass die Griechen eher ein Entwicklungsland sind in Sachen Internet. Zwar gibt es viele Internetcafés, aber so selbstverständlich wie bei uns ist es nicht. Die Cafés sind eher für Touris und auch an manchen Unis gibt e…
…die Griechen eher ein Entwicklungsland in Sachen Internet sind.
Der Artikel sag, dass die Griechen mit die höchsten Gebühren in Europa
bezahlen und einfach nicht so Internetwütig sind. Aber lest selbst,
hier ein Auszug und der Link.
Griechis…
Ja, kann ich bestätigen…die Preise sind nach deutschen Maßstäben happig, nach europäischen sogar Wucher. Dabei ist es so einfach & naheliegend: Voice over IP gleichzeitig mit DSL genutzt dürfte zu drastischen Einsparungen bei den Kosten für Sprach- UND Datendiensten führen. Zumindest sollte man diese Sicht bei den kaufmännisch denkenden Gewerbetreibenden und Vieltelefonierern vermuten.
Warum nur sieht man diese Möglichkeiten nicht?
Ist der Kostendruck nicht hoch genug und damit der Zwang zu sparen? Oder ist man schlicht mit der Technik überfordert? Wenn am Ende alles auf den Preis (und damit auf den Endkunden) aufgeschlagen wird, braucht man sich über die griechische Teuerungsrate nicht zu wundern… Der Grieche nimmt auch dieses (leider) zu gelassen.