Christoph Blocher genoss den Auftritt in vollen Zügen. Vor dem Anführer der rechtsnationalen, EU-feindlichen Schweizerischen Volkspartei (SVP) scharten sich die Journalisten, alle Mikrofone richteten sich auf ihn.
Dann beschimpfte der Milliardär den Präsidenten der
Schweizerischen Nationalbank (SNB), Philipp Hildebrand. Der oberste Währungshüter sei ein „Spekulant“. Blocher verlangte ultimativ den Abgang Hildebrands. Keine zwei Tage später, am 9. Januar, musste Hildebrand, der mächtigste
Wirtschaftsführer des Landes, tatsächlich den Sessel räumen.
Undurchsichtige Devisengeschäfte wurden ihm zum Verhängnis.
Die Demission des Präsidenten der SNB erschüttert die Schweiz: Galt doch die Nationalbank als letzter Hort von Anstand und Tugend im Wirtschaftsleben. Die Herren und die wenigen Damen in der über 100 Jahre alten Institution handelten immer zum Wohle der Schweiz. Während die gierigen Banker der großen Zürcher Geldhäuser sich
bereicherten, übten sich die Nationalbanker in Bescheidenheit. So dachten viele Schweizer.
Doch die Hildebrand-Affäre zerstörte diese Illusion: Selbst der oberste Zentralbanker, so weiß man jetzt, jonglierte privaten mit Devisen.
Nach der Demission verschwand Hildebrand schnell von der Bildfläche – sein Ex-Arbeitgeber SNB versüßte ihm den Abschied noch mit einer Zahlung von einer Million Franken.
Sein Intimfeind Blocher hingegen
sonnt sich in seinem Erfolg. Im vergangenen Jahr noch musste Blocher böse Schlappen einstecken. Erst verlor seine sonst so erfolgsverwöhnte SVP bei den Parlamentswahlen. Dann verweigerten die anderen Parteien der SVP einen zweiten Sitz in der Regierung. In der Causa Hildebrand demonstriert Blocher (71) aber klar: er ist noch immer Helvetiens aggressivster Politiker. Blocher servierte Hildebrand fast im Alleingang ab. Ein Meisterwerk der Intrige.
„Blocher zeigt damit seinen Killerinstinkt“, analysiert der Politikwissenschaftler Michael Hermann. Wie brachte Blocher seinen Intimfeind Hildebrand zu Fall? Auf dem Privatkonto Hildebrands bei der Bank Sarasin häuften sich brisante Buchungen. Zugriff auf das Konto hatte auch Hildebrands amerikanische Frau Kashya, eine frühere Finanzmanagerin.
Am 15. August 2011 wurde über das Hildebrand-Konto 400.000 Franken in US-Dollar getauscht. Am 6. September verkündete Hildebrand, dass die Nationalbank in Zukunft den erstarkten Franken an den Euro anbinden würde. Die Folge: Der Kurs des Franken gegenüber dem Euro sackte ab – und der Frankenkurs sank auch
gegenüber dem Dollar. Am 12. Oktober dann wurden über Hildebrands Konto
bei Sarasin massiv Dollar in Franken getauscht. Der Kontoinhaber strich
einen Spekulationsgewinn von rund 60.000 Franken ein.
Ein Sarasin-Mitarbeiter entdeckte die Deals und spielte die Informationen dem SVP-Anführer Blocher zu. Blocher erkannte seine Chance: Die Devisengeschäfte könnten Hildebrand das Genick brechen.
Blocher denunzierte Hildebrand bei der Schweizer Regierung.
„Gezeigt habe ich natürlich alles was ich hatte“, brüstete sich Blocher. Damit geriet die Affäre ins Rollen. Hildebrand betonte zwar, er habe die Deals nicht persönlich eingefädelt, sondern seine Frau hätte die Transaktionen angewiesen. Zudem spendeten die Hildebrands 75.000 an die Schweizer Berghilfe – eine Geste der Reue. Doch es half nichts. Die SNB zwang ihren Chef zum Aufgeben. Kashya Hildebrand gab sich nach dem Sturz
ihres Mannes tief zerknirscht: „Es bricht mir fast das Herz, dass seine
Glaubwürdigkeit zerstört ist.“
Warum aber führte Blocher Krieg gegen den SNB-Präsidenten? Blocher, ein hemdsärmeliger helvetischer Isolationist, giftete schon lange gegen Hildebrand, einen charismatischen, global vernetzten Gentleman-Banker. Als Hildebrand 2010 für 140 Milliarden Franken ausländische Devisen kaufte, platzte Blocher endgültig der Kragen. „Die Nationalbank hat dadurch 60 Milliarden Franken verloren, das ist unentschuldbar“, polterte Blocher.
Hildebrand, so mutmaßte der EU-Feind Blocher, habe durch die Käufe „den Europäern gefallen wollen“. Seitdem stand für Blocher fest: Hildebrand muss weg.