» 20. April 2012, 20:18 Uhr

Der Straßenwahlkampf als Ufo-Erlebnis oder: Eine Amöbe in Langenfeld

Ein Tag als Journalist auf Pressetour mit Norbert Röttgen reicht, um zu wissen: Nein, ich möchte kein Spitzenpolitiker sein. Spätestens bei meinem ersten Einsatz im Straßenwahlkampf in Begleitung der Pressemeute, pardon: von mir und meinen werten Kollegen würde ich noch am selben Abend meine Kandidatur niederlegen. Unwiderruflich. Aus Rücksicht auf mich, meine mentale Gesundheit und meine Familie.

Dass Straßenwahlkampf mit Pressefotografen und Kameraleuten in einer Schlacht ausarten kann und als Kollateralschaden schon mal eine einkaufende ältere Frau beinahe von den Beinen geholt wird, haben wir ja hier schon beschrieben.

Aber betrachten wir die Sache doch mal, ähm, aus den Augen unserer Kinder, um den leicht verunglückten Wahlkampfslogan von Norbert Röttgen zu zitieren. Also ganz naiv. Was passiert da eigentlich?

Pressebustour mit dem CDU-Spitzenkandidaten, einmal durch halb Nordrhein-Westfalen. Der Reisebus, schwarz mit dunkel getönten Scheiben, erreicht am frühen Nachmittag den Marktplatz von Langenfeld im Rheinland.

Türen auf, CDU-Spitzenkandidat raus, Schreiber, Fotografen und Kameraleute hinterher. Die Journalisten umringen den Kandidaten auf Schritt, Tritt und Wort. Vor allem die Kameras. Die großen vom Fernsehen, die kleineren der Fotografen. Ein Pulk Menschen bewegt sich durch die Stände des Wochenmarktes, ein schwarzer Pulk, viele dunkle Sakkoträger, außerdem die großen schwarzen Fernsehkameras und die Galgen-Mikrofone, die den Kandidaten während des Laufens umkreisen. Die Landung der Außerirdischen, Wahlkampf als Ufo-Erlebnis.

Der Pulk bewegt sich wie eine Amöbe durch die Fußgängerzone, fleddert mal auseinander, Kameramänner springen auf Denkmalsockel für den besseren Überblick, steigen auf Stühle von Eiscafés. Dann, urplötzlich, zieht sich die Amöbe zusammen, schlagartig fokussiert sie sich auf den Kandidaten in der Mitte, alle müssen jetzt ganz nah dran. Denn dieser macht gerade, wozu das Ganze gedacht ist: Kontakt zum Bürger simulieren.

Er beugt sich zu einem Kind hinunter. Kind und Kandidat. Klick klick klick. Gutes Bild. Die Kollegen von den audiovisuellen Medien nehmen auf, was Kandidat zu Kind sagt.

„Wie heißt du denn?“

„Lana.“

„Lana. Schön.“

Die schreibenden Kollegen stehen um die Kameraleute  und kritzeln in ihre Notizblöcke, was die Kamerakollegen aufnehmen, um danach später irgendwas daraus zu machen. Einen Blogbeitrag meinetwegen.

Notizblock

Notes of a campaign day

Ein völlig surreales Erlebnis. Passanten schauen staunend auf die wandernde Amöbe, fast alle zunächst verstört, zumindest ein paar Sekunden mit einem Schreck, der sich dann auflöst. Bei manchen in Ärger und Kopfschütteln, bei anderen in wohwollende Neugierde oder Heiterkeit. Vor allem die Kinder sind belustigt. Schau mal. Lustige Leute. Wie die sich bewegen. Alle immer dem einen hinterher. Das ist der Bestimmer von denen.

Für das Zentrum der Amöbe, den Kandidaten, muss das doch eine überaus unangenehme Erfahrung sein, denkt man sich. Lächelnd und bemüht strebt er auf die Leute zu, er ist der Alleinunterhalter. Bloß: Unter diesen Umständen kommt nicht einmal Smalltalk zustande. Am Obst- und Gemüsestand steht Röttgen vor Zwiebeln und Kartoffeln: „Alles aus der Region?“, fragt er. Der Obsthändler hört gar nicht zu, viel zu aufgeregt, die Kameraleute haben seinen Stand erobert, und er kramt gerade eine blaue Händler-Kiste voller Obst unter seinem Stand hervor. Die hatte er vorbereitet, als Geschenk für den CDU-Kandidaten. Obenauf thront eine Ananas. Womit sich die Frage der regionalen Herkunft der dargebotenen Ware erledigt hätte.

Am Fischstand bleibt Röttgen stehen. „Ah!“, ruft er. „Fisch!“ O wei. Ja, Fisch. Ob er wohl am nächsten Stand stehenbleibt und ruft: „Ah! Käse!“

Nun ist es allerdings leicht, sich lustig zu machen. Was soll er auch sonst Sinnvolles sagen am Fischstand außer vielleicht: „Was kostet denn der Seelachs?“

Zurück im Bus schaut mich eine Kollegin an, wir müssen beide grinsen. Das Ufo startet gleich zur nächsten Landestation. „Wir sind schon ganz schön schlimm“, sagt sie.

» 20. April 2012, 20:18 Uhr