» 15. April 2012, 13:59 Uhr

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Kollateralschäden im Straßenwahlkampf

„Straßenwahlkampf“ – schon das Wort klingt irgendwie gefährlich. Das mag mit der Begriffsnähe zum „Häuserkampf“ zusammenhängen. Bei dieser ausgesprochen brutalen Form der Kriegsführung kämpfen die verfeindeten Parteien in bebauten Gebieten um jedes einzelne Haus – wobei kaum Unterstützung von Panzerverbänden oder aus der Luft möglich ist. Hollywood inszeniert den Häuserkampf deshalb gerne als Inbegriff des Kampfes „Mann gegen Mann“.

Nun geht es beim Straßenwahlkampf zum Glück nicht um Leben und Tod. Aber auch dabei findet zum Teil eine heftig geführte Auseinandersetzung statt: Die Fotografen kämpfen um das beste Bild, die Radioreporter um die besten Statements und die Politiker kämpfen darum, besonders volksnah und authentisch rüberzukommen. Diejenigen, um die es eigentlich gehen sollte, bleiben bei diesem Zirkus leider häufig auf der Strecke: die Wähler.

Das musste am Wochenende auch eine etwa 50-jährige Frau aus Mülheim erfahren. Bepackt mit Einkaufskorb und Handtasche stand sie frühmorgens an einem Marktstand in der Fußgängerzone. An jedem anderen Tag hätte die Frau vermutlich ein paar Äpfel und vielleicht ein Bund jungen Spargel gekauft und wäre danach einfach nach Hause gegangen.

An diesem Tag aber eröffnete eine andere Mülheimerin die heiße Wahlkampfphase. Und so kam es, dass sich die Marktkundin unversehens mitten in einem Pulk von Journalisten wiederfand, die – wie beschrieben – um das beste Bild und die besten Statements kämpften. Ein Kameramann war dabei besonders ehrgeizig – oder besonders rücksichtlos. Auf jeden Fall versetzte er der Marktkundin einen derart heftigen Rempler, dass die Frau um ein Haar auf ihrem Hosenboden gelandet wäre. „Der kann mich doch nicht einfach umschubsen“, rang die Dame um Fassung.

Sekunden später spendete ihr die Landesmutter persönlich Trost. „Ich kenn die, die meinen das nicht böse“, deutete NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft auf die Medienleute und streichelte der Mülheimerin die Hand. Die Frau ließ sich zwar beruhigen, doch selbst als der Pulk längst weitergezogen war, schüttelte sie immer noch den Kopf.

Militärs haben einen Begriff dafür, wenn Umbeteiligte im Kampf zu Schaden kommen. Sie nennen das einen „Kollateralschaden“.

» 15. April 2012, 13:59 Uhr