» 19. Februar 2013, 17:36 Uhr

,

Endlich Reisen

Zwanzig mal hat es Yoani Sánchez probiert, zwanzig Mal gab es das begehrte Ausreisevisum nicht. Fünf lange Jahre haben die Behörden der berühmten Bloggerin und Regierungskritikerin die Ausreise aus Kuba verweigert. Seit dem 14. Januar aber ist das Ausreisevisum weggefallen und Sánchez darf nun das Land verlassen. Und am Sonntag ging sie auf eine dreimonatige Weltreise. Vorträge, Konferenzen und Besuche bei Medienhäusern stehen in ihrem Terminkalender.

„Das wird meine Reise in 80 Tagen um die Welt”, freute sich Sánchez am Flughafen in Havanna, wo ihr Abflug eine große Zahl von Reportern anzog. In dieser Zeit will die 37-Jährige zwölf Länder in Lateinamerika und Europa bereisen. Ihre erste Station ist Brasilien. Auch Spanien, Mexiko und Deutschland will sie besuchen. In den USA plant sie zudem einen Abstecher zu den Hauptsitzen von Google, Twitter und Facebook. „Ich bin total glücklich, auch wenn ich mich wie ein Hürdenläufer fühle, der ausgepowert, schwitzend und verletzt ins Ziel taumelt, aber am Ende doch das Rennen gewinnt,” sagte sie.

An Einladungen hat es Sánchez in den vergangenen Jahren nicht gemangelt. Sie wurde mehrfach für ihr Internettagebuch „Generación Y“
(http://www.desdecuba.com/generaciony/) mit Journalistenpreisen und Auszeichnungen in Europa und den USA ausgezeichnet. 2008 erklärte sie das Magazin „Time“ zu den hundert einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt. Da betrieb sie ihren Blog gerade ein Jahr. Persönlich in Empfang nehmen konnte sie keine dieser Anerkennungen ihrer Arbeit als neue Stimme der kubanischen Opposition.

Seit die junge Frau 2007 aus ihrer Wohnung im 14. Stock eines Hochhauses in Havanna mit ihrem Internettagebuch an den Start ging, spricht kaum noch jemand von den alten Kempen des Anti-Castrismus. Oppositionsfiguren Figuren wie Marta Beatriz Roque, Elizardo Sánchez oder der vergangenes Jahr verunglückte Oswaldo Payá wirken heute wie Dissidenten aus einer anderen Zeit.

Sánchez hat eine neue Form der Opposition begründet. Sie ist eine Dissidentin 2.0. Die Sprachwissenschaftlerin hat weder eine Partei gegründet noch ist sie christlich inspiriert. Sie kritisiert fast nie explizit demokratische Defizite, so wie die alte Garde der Opposition. Ihr geht es in erster Linie darum, das Leben in einem geschlossenen Land zu beschreiben. Es sind kleine, süffisant erzählte Geschichten über den mitunter kafkaesken Alltag, in denen die Mängel und Schwächen des Systems Kuba freigelegt werden. Die Triebfeder für ihren Blog ist der Frust über die Unzulänglichkeiten in einem Land, in dem alles reglementiert und außer der staatlichen Präsenz fast alles andere knapp ist. Ihre Einträge, die nicht selten literarische Qualität haben, bezeichnet sie als „Abbilder der Unzufriedenheit”.

Die Bloggerin gilt als Vorreiterin in Kuba beim Nutzen der sozialen Netzwerke. Diese sind in einem geschlossenen Land, in dem Internet staatlich reglementiert ist und wo im Internetcafé die Stunde Surfen im WorldWideWeb zwischen sechs und zehn Euro kostet, allerdings so gut wie unbekannt. Ihre Zehntausende Follower auf Twitter hat sie vor allem außerhalb der Insel. Noch vom Flughafen aus twitterte sie: „Ich habe es durch die Passkontrolle geschafft, jetzt muss ich nur noch das Flugzeug besteigen und abheben”. Weiter heißt es: „Ehrlich gesagt haben meine Knie nicht aufgehört zu zittern.” In einer ersten Meldung aus Brasilien schrieb Sánchez noch am späten Sonntagabend, die Regierung von Raúl Castro brauche nicht zu glauben, dass sie nicht zurückkehre. „Auf dieser Insel werden meine Enkel geboren und sie werden mich dort unter einem Baum begraben. Ich mache weiter“.

Mitte Januar war auf Kuba ein neues Migrationsgesetz in Kraft getreten, das gut ein halbes Jahrhundert nach der Revolution die Ausreise grundsätzlich allen Kubanern ermöglicht. Aber aus Gründen der „nationalen Sicherheit” kann der Reisepass weiter verweigert werden. Sánchez stellte die Gesetzgebung umgehend auf die Probe, beantragte einen neuen Pass und bekam wenige Tage später zu ihrer eigenen Überraschung das druckfrische Dokument.

Mittlerweile hat die Regierung weiteren exponierten Regimekritikerin die Ausreise erlaubt: Auch die Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation „Damas de Blanco”, Berta Soler, darf die Insel verlassen.

» 19. Februar 2013, 17:36 Uhr