» 25. Januar 2013, 22:08 Uhr

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Der falsche Mann

Die renommierte spanische Tagezeitung „El Pais“ ist nach eigenen Angaben einem falschen Foto des schwer kranken venezolanischen Staatschefs Hugo Chávez aufgesessen. Das Bild, das in Teilen der Donnerstagausgabe auf Seite eins zu sehen war, und in den Morgenstunden für eine halbe Stunde auf der Internetseite der Zeitung stand, zeigt einen Patienten im OP, intubiert und mit kahlem Schädel. Der Mann wies so tatsächlich Ähnlichkeiten mit Chávez auf, der sich seit dem 11. Dezember auf Kuba von seiner vierten Krebsoperation erholt.

„El País“ dachte offenbar, mit dem Foto einen „Scoop“ zu landen, das Bild also exklusiv zu haben. Es wäre das erste Foto des venezolanischen Präsidenten nach der OP vor bald sechs Wochen gewesen. Chávez Zustand ist seither Staatsgeheimnis. Die Regierung in Caracas behauptet täglich, der krebskranke Präsident sei auf dem Weg der Besserung. Seit seiner Operation in Kuba aber gibt es weder ein einziges Bild, noch ein Tondokument oder einen Tweet von dem Präsidenten. Dabei war Chávez immer ein äußerst medialer Staatschef.

Die wichtigste spanischsprachige Tageszeitung veröffentlichte das pixelige Foto gegen 4 Uhr morgens auf der Internetseite mit Copyright und gab an, das Bild sei „ein paar Tage alt“. „El País“ behauptete weiter: Die Krankheit des venezolanischen Präsidenten sei „von Undurchsichtigkeit“ umgeben. Das Bild aber sei „ein exklusives und unbekanntes Foto“, das Chávez in einem Augenblick seiner Behandlung auf Kuba zeige.

Umgehend ging die venezolanische Regierung in die Offensive und bezeichnete das Bild als „grotesk und falsch“. Auch in den sozialen Medien hieß es sofort, es sei gar nicht Chávez auf dem Foto. Dann tauchte ein Video einer Operation auf, aus dem das Bild ganz offensichtlich stammt. (http://www.youtube.com/watch?v=DB4bIH0GsYU&feature=player_embedded)
Der Mann auf diesem Video ist eindeutig nicht Chávez, und die Ärzte, die mit dem Patienten sprechen, haben einen mexikanischen Akzent.

„El País“ erkannte umgehend seinen Fehler, nahm die Nachricht und das Foto von der Internetseite und stoppte zugleich die Auslieferung der Donnerstagsausgaben mit dem Foto auf der Titelseite. Dazu hieß es auf elpais.com: „Wir haben das Foto von der Agentur ‚Gtres Online’ erhalten, die uns versicherten, es handele sich um Hugo Chávez“. Und weiter: „Der Vorfall kann dazu führen, dass die gedruckte Ausgabe der Zeitung am 24. Januar an einigen Kiosken in Spanien und um Ausland nicht zu bekommen sein wird“.
Für eine seriöse Tageszeitung von Weltruf wie „El País“ ist das der größte anzunehmende Unfall und erinnert an den Presseskandal beim Magazin „Stern“, das 1983 gefälschte „Hitler-Tagebücher“ veröffentlichte. Der Fauxpas trifft das liberale „El País“ in einem Moment schwerer Krise. Die Zeitung hatte erst Ende Oktober erklärt, dass 30 Prozent seiner Belegschaft entlassen werde und den verbleibenden Mitarbeitern das Gehalt um 15 Prozent gekürzt werde. Nur so sei das Überleben zu sichern. Nun kommt zur Wirtschaftskrise noch ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Die Konkurrenz nutze den Patzer umgehend aus: Der Direktor der konservativen Zeitung „El Mundo“, Pedro J. Ramírez, ließ über Twitter wissen, dass auch seiner Zeitung das Foto des angeblich intubierten Chávez angeboten worden sei: „Wir haben aber dankend abgelehnt“.

» 25. Januar 2013, 22:08 Uhr