» 03. August 2012, 17:02 Uhr

Gebannte Stille in Brasília

Transparent, elegant, leicht – so wird die Architektur der brasilianischen Hauptstadt Brasília gerühmt. Vor allem der Platz der drei Gewalten gilt als Höhepunkt der Architektur, die der Brasilianer Oscar Niemeyer geschaffen hat: Rechts der Präsidentensitz, links der Oberste Gerichtshof und mittendrin in zwei Halbschalen – eine stehend, eine umgestülpt – der Kongress mit seinen Kammern, das Abgeordnetenhaus und der Senat. Fotografen lieben die schneeweißen Schüsseln unter den dramatisch dahinfliegenden Wolken im blauen Himmel der brasilianischen Steppe. Doch der Eindruck von Eleganz und 60er-Jahre-Moderne täuscht: Es gibt wenige Parlamente weltweit, die so schwer zu überschauen und verwinkelt sind, so abgedämpft und abgedunkelt – also genau das Gegenteil von transparent und offen. Lange, teilweise unterirdische Gänge verbinden die Kammern des Kongresses mit dem zweitürmigen Abgeordnetenhochhaus. Teppiche dämpfen Stimmen und Schritte. Überdimensionale Ledersofas, von Niemeyer entworfen, aber kaum zu benutzen, stehen im Halbdunkel der Lobby des Kongresses auf rosa Flausch. Der Senat ist vollständig in dunkelblauen Samt gekleidet. Der deutsche Fotograf Andreas Gursky hat die zweite Kammer portraitiert wie eine über allem schwebende, von innen beleuchtete Muschel – und damit perfekt das Selbstverständnis der 81 Senatoren getroffen. Die werden auf acht Jahre gewählt und sind über das politische Tagesgeschäft erhaben. Mit “Ihre Exzellenz” reden sie sich an. Wer “Sie” oder gar “du” benutzt, bekommt vom Senatsvorsitzenden einen Verweis. Doch das kommt kaum vor: Die Senatssitzungen gleichen meistens Mitgliedsversammlungen eines Golfklubs.

Im Abgeordnetenhaus dagegen geht es zur Sache: Im Halbdunkel des Sitzungssaales schlägt kaum einer der 513 Abgeordneten seine Zeit an den Pulten tot mit Aktenstudium. Der normale brasilianische Abgeordnete steht im Plenum in dichten Gruppen zusammen, hält ein Handy am Ohr und klopft seinen Gesinnungsgenossen mit der freien Hand krachend auf die Schultern. Das alles möglichst nahe am erhöht stehenden Tisch des Präsidenten des Hauses – umso größer ist die Chance, ins Fernsehen zu kommen oder von Fotografen abgelichtet zu werden. “Papagaio de Pirata” nennen die Brasilianer diese Zeitgenossen, die immer versuchen aufs Foto zu kommen, eben wie der Papagei auf der Schulter des Piraten. Wer auf der Redetribüne auffallen will, muss seine Redezeiten möglichst provokativ nutzen – brüllen und schimpfen, in Tränen ausbrechen auch mit philosophischen Zitaten in Latein und Französisch um sich zu werfen gehören zum üblichen Repertoire.

Doch in diesen Tagen ist der Kongress wie ausgestorben, obwohl Brasília brummt wie ein Wespennest: Gespannt schauen de Politiker auf den Obersten Gerichtshof. Dort hat einer der wichtigsten Prozesse seit der Rückkehr Brasiliens zur Demokratie vor zwanzig Jahren begonnen. Es geht um Korruption unter der Regierung des Ex-Präsidenten Luis Inácio Lula da Silva.

» 03. August 2012, 17:02 Uhr

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