Die Demonstranten zertrümmerten Polizeiautos, belagerten das Rathaus, widerstanden Polizeiangriffen, in denen die Sicherheitskräfte Schlagstöcke und Tränengas eingesetzt haben. In der Stadt Shifang wehren sich die Bürger gegen den Bau einer neuen Fabrik, die jetzt schon als krebserregende Dreckschleuder verschrien ist.
Wenn es um Umweltschutz – und um die Gesundheit ihrer Kinder – geht, verstehen die Chinesen keinen Spaß. Der aktuelle Protest im Südwesten Chinas zeigt: In dem vitalen Schwellenland herrscht mitnichten stalinistische Grabesruhe. Auch diesmal sieht es so aus, als müsse sich die Regierung nach dem Willen des Volkes richten.
Augenzeugen haben heute in ihren Mikroblogs laufend aktuelle Infos zu den Protesten gepostet. Demnach haben sich Tausende, anderen Quellen zufolge Zehntausende von aufgebrachten Bürgern daran beteiligt.
Der Stadtregierung zufolge wurden gestern in einer ersten Runde der Demonstrationen 13 Menschen verletzt. Die Polizei soll mit zehn Bussen aufgefahren sein, um die Menge unter Kontrolle zu bringen. Zur Stunde ist offenbar Verstärkung aus Nachbarstädten unterwegs.
Ein Staatsunternehmen hatte den Bau einer Fabrik geplant, die Molybdänlegierungen herstellen soll. Dabei sollen nach Ansicht der besorgten Bürger von Shifang krebserregende Substanzen anfallen, die in bewährter Manier in die Luft gepustet würden. Betreiber soll die Firma Sichuan Hongda sein.
(Ob die Fabrik wirklich umweltfeindlich sein würde oder nicht, steht auf einem ganz anderen Blatt. Manchmal reagieren politisch frustrierte Chinesen auch schon sehr heftig auf reine Gerüchte.)
Am Samstag hatte eine Zeremonie zur Grundsteinlegung stattgefunden, nach der zunächst Schüler und Studenten gegen das Projekt protestiert hatten.
Die Stadtregierung hat nun bereits eingelenkt und den Baubeginn für die Fabrik verschoben. “Bürgermeister Xu Guangyong und Vizebürgermeister Zhang Daobin habe den Demonstranten geantwortet und zugesichert, dass der Baubeginn so lange verschoben ist, wie eine Mehrheit der Bevölkerung die Fabrik ablehnt”, teilte die Stadt in ihrem Mikroblog mit.
Es ist nicht das erste Mal, dass Umweltproteste ein Großprojekt killen. Im vergangenen Jahr war die Stadt Dalian in Nordostchina eingelenkt, nachdem über 10 000 Einwohner wochenlang gegen ein Petrochemiewerk protestiert hatten. Sie hatten sich auch von groß angelegten Polizeieinsätzen nicht einschüchtern lassen.
Letztlich entspricht die Haltung der kampfbereiten Bürger auch der offiziellen Wirtschaftspolitik. (Das ist auch der Grund dafür, dass die Online-Debatte über die Ereignisse in Shifang toleriert wird.)
China sieht sich schon lange nicht mehr in der Rolle des Drittweltlandes, das freudig die Rolle der Müllkippe der Welt auf sich nimmt und Gesundheitsschäden seiner Bürger in Kauf nimmt. Aktuelle Wirtschaftspläne geben strenge Grenzwerte für Schadstoffe vor. Statt nur das Wachstum hochzutreiben, soll jetzt die Lebensqualität steigen.
Die Demonstranten wissen sich also im Recht, während die Behörden genau wissen, dass schmutzige Industrie nicht mehr in die Zeit passt. Dafür riskieren sie keine Fernsehbilder, die andere unzufriedene Einwohner des Landes auf falsche Gedanken bringen könnten.
In China findet im Schnitt jeden Tag irgendwo im Land ein größerer Protest mit Polizeieinsatz statt. Insgesamt zählt die Regierung rund 100.000 “Massenzwischenfälle” pro Jahr. Genaue Zahlen gibt es natürlich nicht. Aber es sind auf jeden Fall genug, um die Kommunistische Partei kontinuierlich in Angst vor den eigenen Bürgern zu halten.
Folgende Bilder von den Protesten hat eine Bloggerin am Dienstag online gestellt:



















2 Kommentare zu “Umweltprotest in China gerät außer Kontrolle”
Hallo Manfred, das stimmt sicher, aber bei der Bewertung es kommt es halt auch darauf an, wo eine Gesellschaft herkommt. In Deutschland ist dem Bürger grundsätzlich viel Einflussnahme erlaubt – da gelten Krawalle dann eher als Audruck von Wut. In China handelt es sich oft um das letzte Mittel, um auf wichtige Anliegen aufmerksam zu machen.
In Shifang war ich nicht dabei, aber meiner Wahrnehmung nach sind es oft ganz vernünfte Leute – Arbeiter genauso wie Bürger aus dem Mittelstand – denen der Kragen platzt und die gegen Behördenwillkür (oder in diesem Fall Umweltverschmutzung) auf die Straße gehen.
Finn
da kommt Freude bei den bürgerlichen Kommentatoren auf -ob die Wutausbrüche berechtigt waren oder nicht – es sind ja chinesische Wutbürger. Wenn sich Wutbürger bei uns so aufführen würden, wäre schnell von Krawallen die Rede !
Es sind eben nicht alle Menschen vor dem Gesetz UND den (insbesondere
privatkapitalistischen) Medien gleich.